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Hans Eichhorn

© Lukas Beck

Geb. 13.2.1956 in Vöcklabruck (OÖ); gest. 29.2.2020 in Attersee am Attersee.
Aufgewachsen in Attersee, studierte Eichhorn Kombinierte Religionspädagogik in Salzburg, arbeitete im väterlichen Fischereibetrieb mit und lebte als Schriftsteller, Maler und Fischer in Attersee und Kirchdorf/Krems.

Seine Texte bringen die Gegenstände und Situationen des Alltags durch Verdichtung in neue, mitunter absurde Sinnzusammenhänge, die von einer Poesie des Augenblicks bzw. von lakonischem Humor gekennzeichnet sind. Aus der Gleichzeitigkeit und Verflechtung unterschiedlicher Wahrnehmungsvorgänge erwächst ein komplexes synästhetisches Wortgebilde. Ein Teil seiner Lyrik lässt sich aufgrund der Dominanz des Visuellen als sprachliche Blickkunst beschreiben: Eichhorn malt mit den Worten Bilder, schafft Farbflächen und Konturen, wie er umgekehrt Bilder in Sprache umsetzt. Verstärkt wird diese Tendenz durch die bildnerische Tätigkeit des Autors, der seit den 1990er Jahren in tachistischer Manier collagiert und malt. Seine Prosa weist lyrische wie dialogische Elemente auf, entbehrt jedoch einer erzählenden Grundhaltung. In den Szenen und Dramoletten erweist sich der Autor als Meister der Lakonie. In dem poetisch-poetologischem Manifest Die Liegestatt (2008) wird dieser idiosynkratische Zugang zur Dichtkunst in einem assoziativen Monolog des Reflektierenden ergründet.

In Eichhorns erstem Gedichtband (Das Zimmer als voller Bauch, 1993) wird das Zimmer, in dem die persönliche Umgebung zum Pars pro Toto der Wirklichkeitswahrnehmung gerät, zum Symbol der Selbstreflexion. Im Laufe der Zeit nimmt der reflexive Gestus seiner Lyrik ab. Im Gedichtband Petruskomplex (1998) ist der Fokus gänzlich vom wahrnehmenden Subjekt zum wahrgenommenen Objekt verschoben. In der barocken Sprache dieser Langgedichte wachsen die Reize der durchwanderten Stadt Rom zu einer synästhetischen Flut an. Wie der Titel sind auch die Gedichte in Unterwegs zu glücklichen Schweinen (2006) von einem leichten, humorvollen Ton geprägt. Die Stimmungen und Landschaften rund um den Attersee stehen im Vordergrund einer Reihe von Gedicht-Bild-Bänden, die seit dem Jahr 2000 in Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Klaus Krobath und dem Atterseer Fotografen Klaus Costadedoi entstanden sind.  

Seit 1988 veröffentlicht Eichhorn auch Prosatexte. Die kurzen Episoden, Skizzen und Momentaufnahmen von Der Umweg (1994) zeigen "Personen" und "Gegenstände" in einer Interaktion, die von der Gleichzeitigkeit der unterschiedlichsten Vorgänge und den Textüberschriften ironisch unterminiert wird. Obwohl die "Prosa-Miniaturen" nur dem Hier und Jetzt verhaftet zu sein scheinen, sind sie durch wiederkehrende Figurennamen und selektive Naturbeschreibungen in eine literarische Landschaft eingebettet. Der größere Kontext möglicher Geschichten und Zusammenhänge wird ausgespart, die Figuren sind Platzhalter für Verhaltensformen und machen mit der Aneinanderreihung unterschiedlichster Detailbeobachtungen die Komplexität der Texte aus. Die Gegenstände werden in ihrem Sosein belassen, durch die detaillierte Beobachtung aber führen sie zur Sprachwerdung des momentanen, bewussten Wahrnehmens.
Ähnlichen Gestaltungsprinzipien folgen die Prosatexte in Höllengebirge (1995), deren Überschriften Gipfel dieses oberösterreichischen Gebirgszuges nennen, ohne dabei die konkrete Topografie zu meinen. Die Prosastücke sind intensiver von Körperlichkeit und Komik gekennzeichnet und weisen zunehmend skurrile und satirische Elemente auf. Die fünf mit Schlund betitelten Texte führen als einzige einen Erzählstrang weiter, dessen hermetische Abgeschlossenheit, Zeit-, Raum- und Lautlosigkeit an Samuel Beckett erinnern. Im Text Vom Berufsfischen und Eier liefern wird zum ersten Mal die Lebenswirklichkeit des Fischens und Schreibens reflektiert. 

Der dreiteilige Prosaband Der Ruf. Die Reise. Das Wasser (1995) ist von allgemeiner wie sprachlicher Skepsis getragen. Liegt der Fokus des reflektierenden Erzählers im ersten Teil auf der genauen Wahrnehmung der Umgebung, so sind die 117 Kurzprosatexte des zweiten Teils von einer nie unternommenen "Reise" motiviert, die geradewegs in das literarische Zerrbild der außersprachlichen Wirklichkeit führt. Der dritte Textteil ist von der Wahrnehmung des Wassers inspiriert.
Circus Wols (2000) ist eine Annäherung an die Biografie des Fotografen und tachistischen Malers Wols (Alfred Otto Wolfgang Schulze, 1913-1951). Die biografischen Daten und Anekdoten, Artefakte, Werkbetrachtungen und Fotografien des Künstlers sind durch persönliche Tagebucheintragungen des Erzählers durchbrochen, dessen Bewusstseinsraum das "Universum Wols" zugleich filternd aufnimmt und auf sein Schreiben projiziert.
Die Gespräche, Beobachtungen und Reflexionen des Bandes Köpfemachen (1998) gleichen Versuchsanordnungen, in denen Kategorien wie Logik, Perspektive und soziale Praktik spielerisch hinterfragt werden. Dies bringt Formen der Groteske, Skizze und Anekdote hervor und lässt Sammelleidenschaften und Verschrobenheiten in skurrilem Licht erscheinen. Das Groteske der Texte erinnert an Gert Jonkes Literatur und erfährt in Plankton (1999) eine stilistische Zuspitzung: In den Szenen und Mikrogrammen werden die Wörter zu Stichwortgebern für pointierte Sprachspiele. Der lakonisch-absurde Ton wird in den "Fragmenten" Der Wille zur Arbeit (2006) wieder aufgenommen: Die Minidramen und Kurzprosastücke verhandeln pointierte Interaktionen auf zwischenmenschlicher wie institutioneller Ebene. Eichhorn gelingt hier die Vereinigung von poetischer Sprachreflexion und Sozialkritik.

Der Autor ist Mitglied der Grazer Autorenversammlung und des Neuen Forum Literatur in Linz. Er erhielt 1984 das Rauriser Arbeitsstipendium für Literatur, 1987 den Talentförderungspreis des Landes Oberösterreich; von 1994 bis 2004 das Stipendium (Lyrik) der Stiftung Niedersachsen, 1999 den manuskripte-Preis und 2005 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur.

Alexandra Millner

 

Das Zimmer als voller Bauch. Wien 1993. - Der Umweg. Prosa-Miniaturen. Weitra 1994. - Höllengebirge. Wien u. a. 1995. - Der Ruf. Die Reise. Das Wasser. Salzburg, Wien 1995. - Petruskomplex. Gedichte. Salzburg u. a. 1998. - Köpfemachen. Erzählungen. Weitra 1998. - Plankton. Szenen, Mikrogramme. Weitra 1999. - Circus Wols. Aufnahme und Projektion. Salzburg, Wien 2000. - Unterwegs zu glücklichen Schweinen. Gedichte. St. Pölten, Salzburg 2006. - Der Wille zur Arbeit. Fragmente. Attersee 2007. - Liegestatt. Ein Manifest. St. Pölten, Salzburg 2008. - Das Fortbewegungsmittel. St. Pölten 2009. - Und (Alles geschenkt). In: Salz 37 (2012), H. 148, 49-52. - Und alle Lieben leben. St. Pölten 2013. - Über das Wesentliche. Gedichte. Weitra 2013. - Über den Niederungen. Gedichte. Weitra 2014. - Totalunternehmen. Dramolette. Attersee 2014. - Und (Alles geschenkt). Erzählungen. Weitra 2015.

Gauß, Karl-Markus: Entdeckungen im Herbst. Österreichische Literatur 1994, 2. Teil. In: Parnass 1994, H. 3, 106-107. - Hamm, Peter: Peter Hamm über Hans Eichhorn. In: Heinz Kattner (Hg.): Wo waren wir stehengeblieben? Hans Eichhorn, Dieter M. Gräf, Brigitte Oleschinski, Sabine Techel. Das zweite Buch. Göttingen 1995, 21-24. - Millner, Alexandra: Vatermord und Muttersühne. Erinnerungskonstruktionen bei Hans Eichhorn, Martin Pollack und Günter Grass. In: Friedbert Aspetsberger (Hg.): (Nichts) Neues. Trends und Motive in der (österreichischen) Gegenwartsliteratur. Innsbruck u. a. 2003, 140-157. - Dies.: Hans Eichhorn. In: KLG. Hg. von Heinz-Ludwig Arnold. München (Stand 1.10.2006). - Dies. (Hg.): Porträt Hans Eichhorn (= Die Rampe 2011, H. 3). - Rothemann, Sabine: Ein im Finden erfundenes Leben. In: Literatur und Kritik 35 (2000), H. 347/348, 95-96. - Schmidt-Dengler, Wendelin: Über Hans Eichhorn. In: Die Rampe 2006, H. 1, 12-13. - Zeillinger, Gerhard: Umwege der Kurzprosa. Neue Bücher von Hans Eichhorn, Händl Klaus, Andreas Karner. In: Literatur und Kritik 30 (1995), H. 293/294. 83-85.