Hans von Hammerstein-Equord

[gemeinfreies Foto]

Geb. 5.10.1881 auf Schloss Sitzenthal bei Melk (NÖ), gest. 9.8.1947 in Micheldorf, OÖ.
Hammerstein-Equords Beziehungen zu Oberösterreich erwuchsen aus der beruflichen Laufbahn, die mit der schriftstellerischen Passion eng einherging.

Im August 1905 kam der vielseitig gebildete adelige Jurist als Praktikant nach Linz an das Statthalterei-Präsidium des Erzherzogtums Österreich ob der Enns. Kurz zuvor war Die böse Blume, wohl sein erstes lyrisches Werk, in den Dichterstimmen der Gegenwart (1902) abgedruckt worden. Nach Zwischenstationen an den Bezirkshauptmannschaften Wels und Eferding trat Hammerstein-Equord Anfang November 1908 beim Präsidialbüro der Linzer Statthalterei in den Dienst. Bald darauf erschien unter dem Pseudonym Hans Georg Stein sein erster Lyrikband Gedichte. Im Dezember 1910 wechselte er nach Kirchdorf an der Krems, wo er rege Produktivität entfaltete. Die dortige Atmosphäre sowie Eindrücke aus dem künstlerischen Freundeskreis, zu dem u. a. der Schriftstellerkollege Gustav von Festenberg und der Grafiker Carl Anton Reichel zählten, hielt er im Roman Die gelbe Mauer (1936) fest.

1911 legte Hammerstein-Equord sein erstes Prosawerk, Die blaue Blume, vor, das ihm literarisch zum Durchbruch verhalf. Der Titel war durchaus programmatisch gemeint, zeigt er doch künstlerische Einflüsse und Bezüge, denen er sich zeitlebens verbunden fühlte: die Motiv- und Gedankenwelt der deutschen Romantik. In mehreren Erzählungen (z. B. Roland und Rotraut, 1913), Legenden (Walburga, 1917) und Kunstmärchen (Die schöne Akeley, 1931/32; Frauenschuh, 1936) setzte er das literarische Erbe fort, wobei er ästhetisch, poetologisch, aber auch weltanschaulich eine konservative Grundhaltung wahrte.
Den Ersten Weltkrieg erlebte Hammerstein-Equord als Offizier in Polen, Russland und Italien. Landschaftseindrücke aus Wolhynien inspirierten ihn zur Novelle Wald (1923), die er später zum Roman ausbaute, der den Verlust an Natürlichkeit durch das Einwirken moderner Zivilisationsprozesse aufzeigt. Mit der als Faschingsgeschichte getarnten Gesellschaftskritik Februar (1916) reüssierte er als Romanautor. Darin entlarvt er die Heuchelei und Oberflächlichkeit elitärer Schichten, während die Erzählung Der Glassturz (1920)jene antiquierte Salonatmosphäre nachzeichnet, die durch Zwanghaftigkeit und Unterordnung geprägt war. Großes Talent bewies Hammerstein-Equord auf dem Gebiet der Naturlyrik (Das Tagebuch der Natur, 1920). Darüber hinaus gestaltete er historische Stoffe in epischer Form (Ritter, Tod und Teufel 1921; Mangold von Eberstein, 1922; Die finnischen Reiter, 1933). Am 16. August 1923 übernahm er die Leitung der Bezirkshauptmannschaft von Braunau am Inn. Unter seiner Führung blühte die von ihm mitbegründete Innviertler Künstlergilde auf, die auf ganz Oberösterreich ausstrahlte. Neben Beiträgen für das Jahrbuch dieser Vereinigung schuf Hammerstein-Equord Die Asen, eine zeitgemäße Adaption der nordisch-mythologischen Edda. 1924 heiratete er die Offizierstochter Anna Christine Zeleny und gründete eine Familie.

Während des Austrofaschismus stieg Hammerstein-Equord zum ranghohen (kultur-) politischen Funktionär des "Ständestaates" auf. Seit dem Jahreswechsel 1933/34 bekleidete er das Amt eines Sicherheitsdirektors für Oberösterreich und war in dieser Position für die Niederwerfung des "Februaraufstandes" bzw. des "Juliputsches" mitverantwortlich. Schon im Juli berief ihn die Regierung unter Kurt Schuschnigg als Staatssekretär für das Sicherheitswesen nach Wien. Im Mai 1936 zum Justizminister ernannt, wechselte er Monate später ins Unterrichtsministerium und wurde Bundeskommissar für Kulturpropaganda. 1935 erhielt er den Dichterpreis der deutsch-österreichischen Schriftstellergenossenschaft. Dem Kulturbund sowie P.E.N.-Club stand er als Präsident vor.

Publizistisch reagierte Hammerstein-Equord auf die Radikalisierung und Ideologisierung der Gesellschaft sowie die Ausbildung politischer Massenbewegungen. In seiner Ansprache Erlebnis und Persönlichkeit zur Goethe-Feier des Landes Oberösterreich und der Stadt Linz am 12. März 1932 berief er sich auf bedrohte menschliche Grundwerte wie Persönlichkeit oder Freiheit. Die Wiener Kulturbund-Rede Österreichs kulturelles Antlitz im Oktober 1935 war ein geschichtsphilosophisches Plädoyer für die Integrität bzw. das Existenzrecht des gefährdeten Staates und eine Absage an nationalsozialistische Ansprüche. Ständestaatliche Wertvorstellungen und Weltanschauung ("Österreich-Idee") vermittelte er auch in mehreren Zeitschriftenessays für Die Pause, Österreichische Rundschau oder Monatsschrift für Kultur und Politik. 1936 veröffentlichte er den autobiografischen Roman Die gelbe Mauer, wo der Ich-Erzähler an der Beziehungslosigkeit der in Auflösung begriffenen Gesellschaft im Gefolge des Ersten Weltkriegs zerbricht.

Nach dem "Anschluss" 1938 wurde Hammerstein-Equord im April "pensioniert", 1943 zum Arbeitsdienst beim Kreisbauamt von Kirchdorf an der Krems eingezogen. Als Reaktion auf das Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 durchsuchte die Gestapo auch das Anwesen in Pernlehen bei Micheldorf und verhaftete Hammerstein-Equord. Unter den konfiszierten Dokumenten sollen regimefeindliche Aphorismen des Autors gewesen sein. Im Oktober 1944 kam er ins Arbeitserziehungslager Schörgenhub bei Linz, noch am 2. Mai 1945 ins Konzentrationslager Mauthausen, wo Häftlinge ihn bis zur Befreiung versteckt gehalten haben sollen. Die leidvollen Erfahrungen drückte er in Versen aus (Aus der Gefangenschaft, Psalm 149). Vor seinem Tod druckte die Wochenzeitung Die Furche 1946 Auszüge aus dem Drama Der letzte Babenberger ab, das Hammerstein-Equord dem Burgtheater zugedacht hatte. Gustav von Festenberg setzte ihm im Roman Der Zauberer (1947) ein literarisches Denkmal.

Arnold Klaffenböck

 

Gedichte. Berlin, Leipzig 1909. - Die blaue Blume. Ein romantisches Märchen. Regensburg 1911. - Roland und Rotraut. Ein Märchenroman. Leipzig 1913. - Februar. Roman. Leipzig o. J. [1916]. - Walburga. Eine deutsche Legende. Leipzig 1917. - Zwischen Traum und Tagen. Lieder, Bilder und Balladen. München 1919. - Das Tagebuch der Natur. München o. J. [1920; 2. verm. Aufl. 1931 in der Schriftenreihe der Innviertler Künstlergilde]. - Schloß Rendezvous. Eine herbstliche Rokokogeschichte in Versen. München 1920. - Der Glassturz. Ein Salonmärchen. München 1920. - Ritter, Tod und Teufel. Ein Bilderbuch aus dem Sechzehnten Jahrhundert. Leipzig 1921. - Die Asen. Eine Dichtung. Leipzig 1928. - Die schöne Akeley. Märchen. Linz 1932 [zuerst: Privatdruck 1931]. - Die finnischen Reiter. Roman vom Ende des 30jährigen Krieges. Leipzig 1933. - Die gelbe Mauer. Urkunde einer Leidenschaft. Wien 1936. - Der Wanderer im Abend. Alte und neue Gedichte. Wien 1936. - Frauenschuh und andere Märchen für große Kinder. Salzburg u. a. 1936. - Kultur- und Schicksals-Gemeinschaft Europa. Zwei Reden. Wien 1937. -Wald. Ein Roman aus dem alten Österreich. Wien 1937. - Wiedergeburt der Menschlichkeit. Zwei Aufsätze. Wien 1937. - Der letzte Erbe. Eingel. u. ausgew. von Martha Schmitz. Graz, Wien 1961. - Im Anfang war der Mord. Erlebnisse als Bezirkshauptmann von Braunau am Inn und als Sicherheitsdirektor von Oberösterreich in den Jahren 1933 und 1934. Hg. v. Harry Slapnicka. Wien 1981. - Erinnerungen und Betrachtungen. Linz 1999.

Aspetsberger, Friedbert: Literarisches Leben im Austrofaschismus. Der Staatspreis (=Literatur in der Geschichte, Geschichte in der Literatur 2), Königstein/Ts. 1980. - Blaas, Erna: Hans von Hammerstein. Ein Dichter der Natur. In: Oberösterreichische Heimatblätter 3 (1949), 289-296. - Dies.: Traum der Welt. Der Dichter Hans von Hammerstein. Leben und Werk. Salzburg 1981. - Demmelbauer, Josef: Der Staat der zwanziger Jahre im Spiegel von Dichtung und Staatslehre. In: Oberösterreichische Heimatblätter 41 (1987), 262-268. - Mattle, Christoph: Gustav von Festenberg - zwischen Schöngeist und Beamtentum. Oberhausen 2002. - Schiffkorn, Elmar: Hans von Hammerstein-Equord. Dichter und Politiker einer Zeitenwende. Versuch einer Monographie. Univ.-Diss. Innsbruck 1982. - Ders.: Kulturpolitik in den 30er Jahren am Beispiel Hans von Hammerstein. Ein Beitrag zur Zeitgeschichte. In: Oberösterreichische Heimatblätter 39 (1985), 287-304. - Schmitz, Martha: Hans von Hammerstein. Eine Skizze. In: Wort in der Zeit 6 (1960), H. 7, 10-17. - Slapnicka, Harry: Hans von Hammerstein - als Beamter und Politiker. In: Oberösterreichische Heimatblätter 30 (1976), 90-94. - Watzinger, Carl Hans: Hans v. Hammerstein und sein Kirchdorfer Kreis. In: Jahrbuch der Innviertler Künstlergilde 1976/77, 3-9. - Ders.: Hans von Hammerstein und die IKG. In: Jahrbuch der Innviertler Künstlergilde 1981/82, 8-20.