Hauptinhalt

Henriette Haill

© Michaela Pflügl-Haill

Geb. 27.6.1904 in Linz, gest. 22.2.1996 in Linz-Urfahr.
Die zeitlebens wenig beachtete Erzählerin und Lyrikerin Henriette Haill war auch in ihren in Mundart verfassten Landschafts- und Naturgedichten eine sozial engagierte, politische Dichterin.

Henriette Haill (geb. Olzinger) wuchs als Tochter eines Zuckerbäckers und einer Köchin mit vier Geschwistern im sogenannten "Dörfl" am Römerberg in Linz auf. Nach der Volks- und Bürgerschule arbeitete sie ab 1918 als Dienstmädchen und Kinderfrau, ab 1922 als Hilfsarbeiterin in einer Waffelfabrik und bis 1925 im kleinen metallverarbeitenden Betrieb Josef Maier. Eine 1920 begonnene Schneiderlehre musste sie abbrechen. Ihre Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend in ärmlichen Verhältnissen hat sie später in mehreren Erzählungen verarbeitet.
Von Jugend an blieb Haill der politischen ArbeiterInnenbewegung verbunden. Zunächst in der "Sozialistischen Arbeiterjugend" (SAJ) organisiert, war sie ab 1922 Mitglied des "Kommunistischen Jugendverbands" (KJV) und ab 1924 der KPÖ, deren lokaler Leitung sie zeitweilig als Schriftführerin angehörte.

Haill liebte Wanderungen im Mühlviertel und die Donau entlang. 1926 heiratete sie den gelernten Maschinenschlosser Hans Kerschbaumer und ging mit ihm in den Sommermonaten 1926-28 auf die Walz, die sie bis nach Deutschland führte. Die hier gesammelten Erfahrungen und Eindrücke der Landstraße prägten Haills frühe Dichtung. So hat sie in ihren zwischen 1924 und 1927 entstandenen Sammlungen Wanderliederzyklus und Straßenballade dem Leben der Vagabunden und Landstreicher dichterische Gestalt verliehen.
Nach ihrer Scheidung 1938 heiratete sie ein Jahr später den Techniker Eugen Haill, der nach 1945 in der Mühlviertler Zivilverwaltung als Leiter des Landwirtschaftsamtes und Beirat der KPÖ wirkte und später als Projektleiter der VOEST im Bereich Stahlbau tätig war. Als Mutter von vier Kindern und Hausfrau blieb Haill in der NS-Zeit trotz ihres kommunistischen Engagements von Verfolgung verschont, ab September 1944 tauchte sie gemeinsam mit ihrem Ehemann im Mühlviertel unter, wo sie das Kriegsende erlebten.

Haills Gesamtwerk umfasst ca. 1500 Gedichte (davon 650 in Mundart und 750 in Schriftsprache) sowie 44 Erzählungen (vgl. Roiter 2006, 66-113). Nur ein Teil davon liegt gedruckt vor. Erste Veröffentlichungen fanden nach 1945 im Umfeld der KPÖ statt: 1946 erschien als erstes Buch des oberösterreichischen Parteiverlags ihr Gedichtband Befreite Heimat, der politische Gedichte (u.a. Antikriegsgedichte und auch solche über Themen der oberösterreichischen Geschichte) sowie Mundartgedichte über ihre Mühlviertler Heimat vereinte. Die Auswahl besorgten die damaligen Verlagslektoren Arnolt Bronnen und Franz Kain.
Ihr politisches Engagement und das auch im kulturellen Leben vorherrschende antikommunistische Klima erschwerte die weitere Rezeption ihres Werks, wenngleich Haill selbst in der Kulturpolitik und im literarischen Umfeld der KPÖ randständig geblieben ist. Neben wenigen Veröffentlichungen in der kommunistischen Zeitschrift Stimme der Frau war sie 1952 mit dem Gedicht Totentrommel in einer Anthologie präsent, die anlässlich des in Wien stattfindenden Völkerkongresses für den Frieden herausgegeben wurde.
Eine breitere Anerkennung in der literarischen Öffentlichkeit Oberösterreichs erreichte Haill seit den 1960er Jahren. Als Mitglied der "Mühlviertler Künstlergilde" (seit den 1960er Jahren) und des "Stelzhamerbundes" (1972) wurde sie zu Lesungen eingeladen, ihre Gedichte in den Periodika der Vereine gedruckt. Und ab 1980 initiierte der Arbeiterhistoriker Peter Kammerstätter die Neuauflage von Gedichten, u. a. der Straßenballade aus den 1920er Jahren, bzw. veröffentlichte im Eigenverlag Lebenserinnerungen auf Basis von Gesprächen mit Haill und ihren Kindern sowie Bekannten. 1991 erschien im Mühlviertler Verlag Edition Geschichte der Heimat ein Auswahlband ihrer (vor allem autobiografisch inspirierten) Erzählungen, 1996 in einem Kleinverlag in limitierter Auflage eine Auswahl aus dem Zyklus Straßenballade.

Quasi als politischer Aufruf gestaltete kämpferische Bekenntnislyrik (Februarkämpfer!, Kommunisten!, Rote Armee!, Erster Mai!, Dreißig Jahre K.P.Ö.!, Prolog zum Landesparteitag der K.P.Ö. 1946) ist bis in die unmittelbare Nachkriegszeit auszumachen, Haills stärksten Gedichte verdanken sich jedoch dem Erleben der Landstraße und den Eindrücken der Mühlviertler Landschaft. Ihre Dialektgedichte sind "Liebeserklärungen an das Mühlviertel", anders als in der traditionellen Dialektdichtung spricht aus ihren Versen aber "keine rückwärtsgewandte Sehnsucht noch der Irrglaube an die Geborgenheit im bäuerlichen Jahreskreis" (Hackl 1996, 276). Auch in ihren Straßenballaden, Landschafts- und Naturgedichten bleibt Haill eine politische und sozialkritische Autorin. Ihre Mundart ist die aus eigenem Erlebten gewonnene Sprache der einfachen Menschen, geprägt von einer "ausgeprägten Beobachtungsgabe" und "echtem Mitleiden mit den Getretenen und Gedemütigten" (Franz Kain, zit. nach Kammerstätter o. J., 207). Auch in ihren Erzählungen steht das Leben ausgegrenzter und bedrängter wie gleichermaßen stolzer und selbstbewusster Menschen im Mittelpunkt.

Verstärkt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gelangte Haill seit den 1990er Jahren durch den Einsatz des Schriftstellers Erich Hackl und durch eine 2006 erschienene Biografie Christine Roiters. Hackl zufolge wäre es verfehlt, Haill der "vergessenen österreichischen Literatur zuzurechnen", denn "eine, die vergessen ist, muß einmal bekannt gewesen sein". Als Faktoren für "das Mißverhältnis von Bedeutung und Anerkennung" nennt Hackl die ärmliche Herkunft Haills, ihre kommunistische Gesinnung, ihre Hinwendung zur geografischen wie sozialen Peripherie, ihr weibliches Geschlecht und zuletzt die Bescheidenheit der Autorin (vgl. Hackl 1996, 10), die einer Vernetzung in der oberösterreichischen Literaturszene entgegenstand: "Den Weg meines bescheidenen Schaffens ging ich allein, von niemandem gelenkt und ermuntert, gehorchte ich meinem inneren Drang zum Schreiben", so die Autorin im Jahr 1979 (zit. nach Kammerstätter 1984, 9).

2011 wurde auf Beschluss des Linzer Gemeinderates im Stadtteil Pichling ein "Henriette-Haill-Weg" benannt.

Manfred Mugrauer

 

Befreite Heimat, Kampfgedichte und Friedenslieder. Linz 1946. - Totentrommel. In: Des Volkes sehnen-Der Dichter Wort. Eine kleine Sammlung österreichischer Friedenslyrik. Hg. vom Österreichischen Friedensrat. Wien o. J. [1952], 57-58. - Der vergessene Engel. Grünbach 1991. - Straßenballade. Auswahl und Nachwort von Erich Hackl. Ottensheim/Donau 1996.

Hackl, Erich: Das Alphabet nach Henriette Haill. In: Mit der Ziehharmonika 12 (1995), H. 2, 10-13 (auch in: Ders.: In fester Umarmung. Geschichten und Berichte. Zürich 1996, 274-289). - Ders.: Nachruf auf einen vergessenen Engel. In: Mit der Ziehharmonika 13 (1996), H. 1, 10. - Immer bist du auf der Wanderschaft... Henriette Haill (1904-1996). Eine Dokumentation der Linzer KPÖ. Linz 2012. - Kammerstätter, Peter (Hg.): Haill Henriette Jettl. 80 Jahre. o. O. [Linz] o. J. [1984] (Typoskript). - Roiter, Christine: Henriette Haill - Annäherung an einen vergessenen Engel. Tönning, Lübeck, Marburg 2006.