Hermann Bahr

Foto: Nachlass Bahr-Mildenburg; © Österreichisches Theatermuseum, Wien

Geb. 19.7.1863 in Linz, gest. 15.1.1934 in München. Österreichischer Schriftsteller, Essayist, Kritiker, Redakteur, Dramaturg und Regisseur, der um die Jahrhundertwende das kulturelle Leben maßgeblich beeinflusst hat.

Er ist Sohn des Linzer Notars und liberalen Landtagsabgeordneten Alois Bahr (1834-1898). Volksschule und Akademisches Gymnasium besucht er in Linz (bis zum Wechsel nach Salzburg im Jahr 1877). Der noch nicht 20-Jährige publiziert im Linzer Sonntagsblatt unter Pseudonym z. T. antisemitische Glossen; in Linz wird am 6. Februar 1883 auch sein Schauspiel DieWunderkur  aufgeführt. Zu dieser Zeit ist er Gefolgsmann des Politikers Georg Ritter von Schönerer (1842-1921). Er studiert in Wien, Graz sowie Czernowitz, wo er jeweils aufgrund deutschnational-antisemitischer Aktionen relegiert wird, und hat Kontakt zu Engelbert Pernerstorfer (1850-1918) und Viktor Adler (1852-1918). Das Studium in Berlin bleibt ohne Abschluss. 1888/89 folgt ein prägender Aufenthalt in Paris; 1890 Mitarbeiter der Freien Bühne in Berlin, wo er seine ästhetischen Konzepte nicht durchsetzen kann. Nach Wien zurückgekehrt wird er unermüdlicher Verkünder und Interpret innovativer ästhetischer Richtungen und Moden (Naturalismus, Décadence, Impressionismus, später Heimatkunst, Expressionismus etc.).

Dank seiner geschickten Positionierung im Kulturbetrieb (z. B. Mitarbeiter der Deutschen Zeitung, 1894-99 Kulturredakteur und Mitbegründer der Wiener Wochenschrift Die Zeit, Theaterkritiker beim Neuen Wiener Tagblatt) wird er alsbald zur ebenso geachteten wie gefürchteten Figur der Wiener Moderne und zum Intimfeind von Karl Kraus (1874-1936), der ihn in seiner Fackel unablässig angreift. Während Max Eugen Burckhard (1854-1912) das Burgtheater leitet, ist er für diesen als stiller Berater tätig. Um die Jahrhundertwende Übergang zur Theaterpraxis: Er soll das im Rahmen der Darmstädter Ausstellung geplante Theater leiten und entwirft ein Konzept für die "Salzburger Festspiele" mit Max Reinhardt (1873-1943). 1900 bezieht er seine von Joseph Maria Olbrich (1867-1908) errichtete Villa in Ober Sankt Veit. Im selben Jahr engagiert er sich auch für Gustav Klimts (1862-1918) Universitätsbilder. 1906/07 Dramaturg und Regisseur bei Max Reinhardt am Deutschen Theater und den Kammerspielen in Berlin; 1909 Scheidung und Heirat seiner zweiten Frau, der Opernsängerin Anna Bellschan von Mildenburg (1872-1947), für die er auch als Berater tätig ist. 1912 Übersiedlung nach Salzburg, 1922 nach München. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges ist er Chefdramaturg des Burgtheaters. Von 1916 bis 1931 verfasst er regelmäßige, Tagebuch betitelte Artikel im Neuen Wiener Journal, die mehrheitlich auch in Buchform erscheinen. Die letzten Jahre ist Bahr krankheitsbedingt kaum mehr literarisch tätig.

Vorerst deutsch-national, später sozialistisch orientiert, war Bahr spätestens seit den 1890er Jahren auf der Suche nach einer spezifisch österreichischen Moderne. Um die Jahrhundertwende treten antimodernistische Konzepte verstärkt hervor. Zugleich engagiert er sich wortreich für eine grundlegende Reform Österreichs und betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung seiner nicht-deutschsprachigen Bewohner, vor allem der Tschechen und Dalmatiner. Bahr gab sich zunehmend Österreich-patriotisch, bei gleichzeitiger Rückkehr zum Katholizismus. Sein späteres Werk, vor allem nach dem ersten Weltkrieg, ist von starrsinnig-verbittertem Konservativismus geprägt, durchaus beeinflusst von antiliberalen, bedenklich rassistischen und antidemokratischen Ideologemen. Hierbei ist der Gedanke der Antinomie von Stadt und Land von Bedeutung. In diesem Kontext sind Bahrs Bemühungen um oberösterreichische Persönlichkeiten, wie beispielsweise den Linzer Bischof Franz Joseph Rudigier (1811-1884), Franz Stelzhamer, Adalbert Stifter oder Edward Samhaber (1846-1927), zu sehen.

Bahrs heutige Bedeutung liegt weniger in dem seinerzeit geschätzten fiktionalen Werk (etwa dem Lustspiel Das Konzert, 1909); allenfalls sein Frühwerk (der Prosaband Die gute Schule. Seelenstände, 1890; das Drama Die Mutter, 1891) ist von literarhistorischem Interesse. Beachtung verdient er vor allem jedoch als Verfasser kritischer Schriften, Vermittler, Förderer, Kulturpraktiker und Netzwerker. Galt er früher als permanenter Überwinder (Schlagwort: "der Mann von Übermorgen"), so haben sich in der neueren Sekundärliteratur Auffassungen durchgesetzt, die die Konstanzen in Bahrs Entwicklung betonen.

Kurt Ifkovits

 

Die gute Schule. Seelenzustände. Berlin 1890. - Zur Kritik der Moderne. Gesammelte Aufsätze. Erste Reihe. Zürich 1890. - Die Überwindung des Naturalismus. [Als zweite Reihe von Zur Kritik der Moderne.] Dresden 1891. - Studien zur Kritik der Moderne. Mit dem Portrait des Verfassers in Lichtdruck. Frankfurt/Main 1894. - Der Franzl. Fünf Bilder eines guten Mannes. Wien 1900 - Dalmatinische Reise. Berlin 1909. - Expressionismus. Mit 19 Tafeln in Kupferdruck. München [1916]. - Rudigier. Kempten u. a. [1916] - Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte. 5 Bde. Hg. von Moritz Csáky. Wien u. a. 1994-2003. - Hermann Bahr-Jaroslav Kvapil. Briefe, Texte, Dokumente. Hg. von Kurt Ifkovits. Bern u. a. 2007.

Benay, Jeanne u. a. (Hg.): Hermann Bahr - Für eine andere Moderne. [Anhang: Hermann Bahr: Lenke. Erzählung (1909); Korrespondenz von Peter Altenberg an Hermann Bahr (1895-1913).] Bern 2004. - Beßlich, Barbara: Die Leiden des Jungen Wien. Hermann Bahrs Roman Die gute Schule (1890) und Goethes Werther. In: Sprachkunst 33 (2002), 1. Halbbd., 23-40. - Dietrich, Margret (Hg.): Hermann-Bahr-Symposion "Der Herr aus Linz". Linz 1987. - Farkas, Reinhard: Hermann Bahr. Dynamik und Dilemma der Moderne. Wien u. a. 1989. - Fliedl, Konstanze: Arthur Schnitzler. Poetik der Erinnerung. Wien u. a. 1997, bes. 345-386. - Hermann Bahr-Mittler der europäischen Moderne. Hermann Bahr-Symposion Linz 1998. Jahrbuch des Adalbert Stifter Institutes 5 (1998) [2001]. - Huemer, Christian: Nuda Veritas im neuen Kleid. Das Expressionismuskonzept von Hermann Bahr. In: Belvedere 2003, H. 1, 14-31. - Ifkovits, Kurt: Vom Impressionismus zum Nationalismus. Anmerkungen zum Thema Sprache und Nation bei Hermann Bahr. In: Volker Munz u. a. (Hg.): Sprache-Denken-Nation. Kultur und Geistesgeschichte von Locke bis zur Moderne. Wien 2005, 211-222. - Kindermann, Heinz: Hermann Bahr. Ein Leben für das europäische Theater. Mit einer Hermann-Bahr-Bibliographie von Kurt Thomasberger. Graz u. a 1954. - Mayerhofer, Lukas: Brief als Tagebuch - Tagebuch als Brief. Überlegungen zu einem Mischtypus im Werk Hermann Bahrs. In: András F. Balogh u. a. (Hg.): Der Brief in der österreichischen und ungarischen Literatur. Budapest 2005, 163-173. - Ders.: Edition der Tagebücher, Skizzenbücher und Notizhefte Hermann Bahrs. In: Sichtungen 3 (2000), 179-186. - Meier, Markus: Prometheus und Pandora. "Persönlicher Mythos" als Schlüssel zum Werk von Hermann Bahr (1863-1934). Würzburg 1997. - Sprengel, Peter; Gregor Streim: Hermann Bahr und die Differenzierung der literarischen Moderne zwischen Wien und Berlin. In: Dies. (Hg.): Berliner und Wiener Moderne. Vermittlungen und Abgrenzungen in Literatur, Theater, Publizistik. Wien u. a. 1998, 45-114. - Zand, Helene: Identität und Gedächtnis. Die Ausdifferenzierung von repräsentativen Diskursen in den Tagebüchern Hermann Bahrs. Tübingen u. a. 2003.