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Hermann Heinz Ortner

© Adalbert-Stifter-Institut / StifterHaus

Geb. 14.11.1895 in Bad Kreuzen (OÖ), gest. 18.8.1956 in Salzburg.
Dramatiker, Schauspieler, Regisseur, der von den späten 1920er bis in die 50er Jahre zu den meistgespielten Bühnenautoren zählte; heute so gut wie vergessen.

Ortner besuchte das Marienkonvikt in Freistadt, absolvierte eine kaufmännische Lehre und ging 1915 nach Wien, wo er an der k.k. Akademie Schauspiel studierte. Parallel dazu erwarb er sich an zahlreichen Provinzbühnen Spielpraxis und startete kulturpolitische Initiativen. 1920 gründete er die Reichenberger Festspiele. Seine frühen Dramen wie Mater Dolorosa verstehen sich als sozialkritische Stücke, die sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen des Ersten Weltkriegs auseinandersetzen. Bis 1924 war Ortner Mitglied der "Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschösterreichs". Ab Mitte der 1920er Jahre lässt sich die Tendenz seiner Dramentexte unter den Begriffen Antidemokratismus, Antimodernismus und Antiintellektualismus zusammenfassen. Nach einem Regiestudium bei Max Reinhardt (1873-1943) gelang dem Dramatiker mit dem Mysterienstück Tobias Wunderlich 1928 der Durchbruch. Ortner erhielt dafür den Preis der Stadt Wien, das Stück wurde am Burgtheater uraufgeführt und verschaffte ihm Zugang zu den großen Bühnen. Auch seine Ehe mit der Burgschauspielerin Elisabeth Kallina (1910-2004) nutzte er, um Kontakte zu einflussreichen Theaterschaffenden zu knüpfen.

In seinem Werk ist der Begriff der "Gottgläubigkeit" wesentlich. Nicht zufällig heißt Ortners erfolgreichste Trilogie Wunder - sie umfasst neben Tobias Wunderlich auch Sebastianlegende und Katharinas Verkündigung. Ortner nimmt in seinen religiös-mystizistischen Stücken eine kulturkonservative Haltung ein und wird im Ständestaat als katholischer Paradeautor gefeiert. Bundeskanzler Kurt Schuschnigg verlieh ihm das Verdienstkreuz für Kunst und Wissenschaft I. Klasse, außerdem wurde er als bedeutendster Dichter Oberösterreichs geehrt. Seine Stücke passten problemlos sowohl in die Theaterpolitik des Ständestaats als auch in die Spielpläne der Bühnen in NS-Deutschland. Vor allem seine Historiendramen reüssierten ab 1934, andere seiner Dramentexte weisen charakteristische Elemente der sogenannten Heimatliteratur auf. An Ortners Biografie und Werk lässt sich besonders deutlich die Abgrenzungsproblematik zwischen Austrofaschismus und Nationalsozialismus aufzeigen.

Auch politisch zeigte der Autor Anpassungsstrategien sowohl an das austrofaschistische Österreich als auch NS-Deutschland. Ab 1933 war er illegales NSDAP-Mitglied, ab 1935 engagierte er sich für die vom Vaterländischen Front-Werk "Neues Leben" eingerichtete "Österreichische Länderbühne". Im Herbst 1936 war er maßgeblich an der Gründung des "Bundes deutscher Schriftsteller Österreichs" - einer getarnten NS-Organisation - beteiligt. Der Bund gab im März 1938 das Bekenntnisbuch österreichischer Dichter heraus, in dem Ortner den "Anschluss" Österreichs an NS-Deutschland begrüßte. Im selben Jahr wurde zu Hitlers Geburtstag Ein Volk steht auf! vom Deutschen Theater in der "Komödie am Kärntner Tor" uraufgeführt. Im Drama Stefan Fadinger (1937 am Bayerischen Staatstheater München uraufgeführt und unter dem Titel Der Bauernhauptmann am Linzer Landestheater gespielt) legitimiert Ortner Hitler in der Maske des Titelhelden als Führerfigur. Auch in Isabella von Spanien (1939) dient das historische Drama als Träger einer Ideologie, die versucht, die Vergangenheit neu zu interpretieren: Geschichte wird zum Argument.
1939 wurde Ortner als einziger "ostmärkischer" Dichter SA-Obertruppführer sowie Mitglied beim Kulturkreis der SA. 1940 brachte das Nürnberger Stadttheater sein Drama Veit Stoß zur Uraufführung. Kurz darauf erhielt er den Anerkennungspreis des Gaues Oberdonau. 1942 zählte der "unabkömmlich" gestellte und daher vom Dienst mit der Waffe befreite Schriftsteller zu den bestverdienenden der "Ostmark". Dennoch wurde er 1943 aus der NSDAP und der SA ausgeschlossen, 1944 jedoch wieder aufgenommen.

Nach 1945 versuchte Ortner sich als Widerstandskämpfer zu inszenieren. 1947/48 begründete er die Internationale Musikolympiade, die nun anstelle von völkischen völkerverbindende Ziele verfolgte. Unter dem Motto "Friede durch Kunst" wurden immerhin zwei prominent besetzte Kongresse veranstaltet. Am 18. August 1956 starb Ortner während einer Don Giovanni-Vorstellung bei den Salzburger Festspielen an einem Herzinfarkt.

Julia Danielczyk

 

Das Märchen. Ein Trauerspiel in fünf Akten. Leipzig, Wien 1920. - Tobias Wunderlich. Eine dramatische Legende. Wien 1929. - Beethoven. Drama. Wien 1934. - Himmlische Hochzeit. Eine dramatische Dichtung in drei Akten. Wien 1935. - Meisterlegenden des Matthias Grünewald. Erzählungen. Wien 1935. - Stefan Fadinger. Drama. Wien 1937. - Isabella von Spanien. Schauspiel in drei Akten. Wien 1939. - Paradiesgärtlein. Komödie in drei Akten. Berlin 1940. - Veit Stoß. Eine dramatische Dichtung in fünf Akten. Berlin 1941.

Baur, Uwe; Gradwohl-Schlacher, Karin: Literatur in Österreich 1938-1945. Handbuch eines literarischen Systems. Bd. 3, Oberösterreich. Wien u. a. 2014, 312-323. - Danielczyk, Julia: Selbstinszenierung. Vermarktungsstrategien des österreichischen Erfolgsdramatikers Hermann Heinz Ortner. Wien 2003. - Dies.: Hermann Heinz Ortner - Selbstinszenierung eines Erfolgsdramatikers. In: Birgit Kirchmayr (Hg.): Kulturhauptstadt des Führers. Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. Ausstellungskatalog. Linz 2008, 215-219. - Ebner, Helga; Ebner, Jakob; Weißengruber, Rainer: Literatur in Linz. Eine Literaturgeschichte. Linz 1991, 569. - Schiffkorn, Aldemar: Ein Leben für das Theater. Hermann Heinz Ortner. In: Oberösterreich 32 (1982), H. 4, 77-85.

Stand: 19.1.2016