Hilde Spiel

© Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

Geb. 19.10.1911 in Wien, gest. 30.11.1990, ebd.
In ihren Romanen, Erzählungen, Erinnerungen, Essays und kulturkritischen Berichten verwirklicht Spiel literarisches Schreiben als einen Beitrag zur Klärung von Zeitgenossenschaft.

Als Tochter des Naturwissenschaftlers Hugo F. Spiel und dessen Frau Maria gehörte Hilde Spiel dem gehobenen Bürgertum assimilierter Juden in Wien an. Nach dem Besuch der Mittelschule studierte sie Philosophie bei Moritz Schlick (1882-1936) und Karl Bühler (1879-1963) und promovierte mit einer Arbeit über die "Darstellungstheorie des Films" 1936 mit Auszeichnung. Früh sah sie sich in der literarischen Szene Wiens um und besuchte Lesungen von Karl Kraus (1874-1936), den sie kritischer einschätzte als viele ihrer Zeitgenossen: "Bewunderung mischt sich mit Skepsis, auch Spott", so fasste sie ihre Eindrücke in ihren Erinnerungen Die hellen und die finsteren Zeiten (1989) zusammen. Früh begann sie selbst zu schreiben, Gedichte, bald auch Erzählungen, die in Zeitungen wie der Neuen Freien Presse gedruckt wurden. Von 1933-35 war sie Mitarbeiterin der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle der Universität Wien. In dieser Zeit trat sie der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs bei, die 1934 verboten wurde. Gleichzeitig schrieb sie an ihrem ersten Roman, Kati auf der Brücke, der 1933 erschien. Im Herbst 1936 heiratete sie den Historiker und Schriftsteller Peter de Mendelssohn (1908-1982) und übersiedelte mit ihm nach London. Mit ihm hatte sie die Tochter Christina Maria Henrietta (geb. 1939) und den Sohn Anthony Felix (geb. 1944). In England setzte sie ihre schriftstellerische Arbeit fort und wirkte als Journalistin vorwiegend für das Wochenblatt New Statesman. Im Jänner 1946 kehrte sie nach Wien zurück. Vom Herbst dieses Jahres bis zum Sommer 1948 bezog sie Quartier in Berlin, um hauptsächlich als Theaterkritikerin zu arbeiten. Danach wechselte sie wieder nach London und belieferte als Kulturberichterstatterin so wichtige Medien wie u. a. die Süddeutsche Zeitung, den Tagesspiegel und mehrere deutsche Rundfunkanstalten. Bevor sie 1963 dauerhaft nach Österreich zurückkehrte und Kulturkorrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde, nahm sie ab 1955 einen Zweitwohnsitz in St. Wolfgang. 1971 heiratete sie den Schriftsteller und Übersetzer Hans Flesch von Brunningen (1895-1981). Seit 1937 war sie Mitglied der Schriftstellervereinigung P.E.N. Von 1965-72 wirkte sie als Generalsekretärin, dann als Vizepräsidentin des Österreichischen P.E.N. Sie scheiterte mit ihren Bemühungen, die als "Grazer Gruppe" in konservativen Kreisen verfemte junge Autorengeneration aufzunehmen, die neue ästhetische Wege beschritt. Gegen Ende des Jahres 1972 trat sie nach Differenzen aus, dem P.E.N. der Bundesrepublik Deutschland blieb sie jedoch als Vorstandsmitglied (1974-76) erhalten. Gemeinsam mit dem Schriftsteller-Kollegen Milo Dor (1923-2005) wurde sie 1970-72 als Begründerin und erste Präsidentin der Interessengemeinschaft österreichischer Autoren aktiv, 1980 wurde sie zum Mitglied der Grazer Autorenversammlung gewählt.

Zeitlebens bezog Spiel klare politische und moralische Positionen, was sie zu einer streitbaren Literatin werden ließ. Mit Friedrich Torberg (1908-1979) und Elias Canetti (1905-1994) trug sie heftige Kontroversen aus. Als sie 1988 eingeladen wurde, die Eröffnungsrede der Salzburger Festspiele zu halten, lehnte sie ab. Sie begründete das damit, dass sie sich "zu jener von Herrn Vizekanzler Mock als fanatische Minderheit bezeichneten Gruppe" bekannte, die sich nicht damit abfinden wollte, dass Bundespräsident Waldheim das Amt des Bundespräsidenten bekleidete.
Zu den zahlreichen Auszeichnungen und Preisen, die sie erhielt, zählen das Österreichische Ehrenkreuz für Kunst und Wissenschaft I. Klasse (1972), der Johann-Friedrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (1981) und die Goethe-Medaille (1990).

Anton Thuswaldner

 

Lisas Zimmer. Roman. München 1965. - Fanny von Arnstein oder Die Emanzipation. Biographie. Frankfurt am Main 1962. - Rückkehr nach Wien. Tagebuch. München 1968. - Mirco und Franca. Erzählung. München 1980. - Die Früchte des Wohlstands. Roman. München 1981. - In meinem Garten schlendernd. Essays. Stuttgart 1984. - Die hellen und die finsteren Zeiten. Erinnerungen 1911-1946. München 1989. - Welche Welt ist meine Welt? Erinnerungen 1946-1989. München 1990. - Die Dämonie der Gemütlichkeit. Glossen zur Zeit und andere Prosa. Hg. von Hans A. Neunzig. München 1991.

Hawlitschek, Bettina: Fluchtwege aus patriarchaler Versteinerung. Geschlechterrollen und Geschlechterbeziehungen im Frühwerk Hilde Spiels. Pfaffenweiler 1997. - Neunzig, Hans A.  (Hg.): Hilde Spiel. Weltbürgerin der Literatur. Wien 1999. - Reich-Ranicki, Marcel: Reden auf Hilde Spiel. München 1991. - Strickhausen, Waltraud: Die Erzählerin Hilde Spiel oder "Der weite Wurf in die Finsternis". New York u. a 1996. - Wiesinger-Stock, Sandra: Hilde Spiel: ein Leben ohne Heimat? Wien 1996.