Ja

Cover der Erstausgabe 1978

Erzählung von ThomasBernhard, erschienen 1978 im Suhrkamp Verlag (Frankfurt/Main).

Der Ich-Erzähler des Texts ist Naturwissenschaftler und hat sich völlig in sein Haus zurückgezogen, um an einer Studie über die Antikörper in der Natur zu arbeiten. Als er sich über das Gespräch mit dem befreundeten Realitätenvermittler Moritz aus der allzu rigorosen Selbstabschließung zu befreien sucht, lernt er eine Perserin und deren Schweizer Lebensgefährten kennen: einen bekannten Ingenieur und Kraftwerkebauer, der für sie ein absolut unwohnlich erscheinendes Haus errichtet. Durch lange Spaziergänge und musikalisch-philosophische Gespräche mit der Perserin rettet sich der Erzähler aus seiner Isolation. Er wird dieser Beziehung jedoch bald überdrüssig und erfährt aus der Distanz, dass die Perserin, von ihrem Lebensgefährten im Stich gelassen, Selbstmord begangen hat; der Titel Ja gibt ihre Antwort auf die Frage des Erzählers wieder, ob sie sich eines Tages umbringen werde.

Der fiktionale Text hat gleichwohl deutliche Bezugspunkte in Thomas Bernhards Lebensgeschichte. Hinter dem "Realitätenvermittler" (9) Moritz steht kaum verhüllt der Immobilienhändler Karl Ignaz Hennetmair (geb. 1920), mit dem den Autor eine zehnjährige, 1975 plötzlich abgebrochene Freundschaft verband. Manche Bemerkungen des Erzählers lassen sich als Kommentar zu Bernhards Ansiedlung im Salzkammergut (in Obernathal/Ohlsdorf) lesen: er habe sich, so sagt er, eine "Ruine" gekauft, die er restauriert und bewohnbar gemacht habe, mit der Absicht, "daß ich einen Platz für mich allein in der Welt hatte, der abzugrenzen und abzusperren gewesen war" (45). Auch die "Perserin" hat ein reales Vorbild: die in der UdSSR geborene und später iranische Staatsbürgerin Maria Radson, deren Schicksal mit dem der Perserin weitgehend übereinstimmt.

Die Forschung hat die Erzählung Ja als eine Art Wendepunkt in Bernhards Werk gelesen: Erstmals in dessen "Panoptikum ichbesessener Figuren" werde die "Dimension des Anderen als eines notwendigen Mittlers" entdeckt; was zuvor als "Dokument verschiedenartig ausgeprägter Passionen des Ego" aufgetreten sei, verwandle sich "in das Zeugnis der Erinnerung an das Leiden eines anderen" (vom Hofe/Pfaff 1980, 56f.).

Manfred Mittermayer

 

Ja. In: Thomas Bernhard: Erzählungen III. Hg. von Hans Höller und Manfred Mittermayer. Frankfurt/Main 2008 (= Ders.: Werke. Hg. von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler, Bd. 13), 7-109.

Fellinger, Raimund: Urplötzlich. Anmerkungen zu Ja. In: Thomas Bernhard: Ja. Frankfurt/Main 2006, 145-154. - Hennetmair, Karl Ignaz: Ein Jahr mit Thomas Bernhard. Das versiegelte Tagebuch 1972. Salzburg, Wien 2000. - Mariacher, Barbara: Schreibend die Existenz verlängern. Anmerkungen zu Thomas Bernhards Erzählung Ja (1978). In: Studien zur Germanistik(Janus-Pannonius-Universität Pécs) 3 (1995), 93-101. - Mittermayer, Manfred: Thomas Bernhard. Stuttgart, Weimar 1995, 95-98. - Pfabigan, Alfred: Thomas Bernhard. Ein österreichisches Weltexperiment. Wien 1999, 302-315. - Vom Hofe, Gerhard; Pfaff, Peter: Das Elend des Polyphem. Zum Thema der Subjektivität bei Thomas Bernhard, Peter Handke, Wolfgang Koeppen und Botho Strauß. Königstein/Ts. 1980, 52-57.