Jean Améry

Foto: Nachlass Jean Améry; © Deutsches Literaturarchiv Marbach

(d.i. Hans Mayer)
Geb. 31.10.1912 in Wien, gest. 17.10.1978 in Salzburg.
International bedeutender Romancier und Essayist, Überlebender des KZ Auschwitz. Sein Schreiben steht im Zeichen der Auseinandersetzung mit der NS-Barbarei und der europäischen Geschichte.

In seinem Fall hat das Prädikat "Europäischer Schriftsteller" eine besondere historische Berechtigung: Als "Mann mit einem französischen Namen, der aber ein Österreicher war und in Belgien lebte", wird er in Ingeborg Bachmanns letzter Erzählung Simultan (1972) eingeführt - dort verändert die Lektüre seines Essays Über die Tortur das Leben der Protagonistin, der politischen Journalistin Elisabeth Matrei.
Das so europäisch wirkende Leben und Schreiben von Jean Améry ist auf das geschichtliche Schicksal als österreichischer Jude zurückzuführen, der sich 1938 gezwungen sah, aus dem nationalsozialistischen Österreich zu fliehen. Er kam nach Belgien und hielt sich zuerst in Antwerpen auf. Nach dem Überfall der deutschen Truppen auf die Niederlande und Belgien wurde er als feindlicher Ausländer festgenommen und interniert, konnte flüchten, wurde festgenommen, den deutschen Behörden übergeben und im Oktober 1940 im südfranzösischen Lager Gurs inhaftiert. Im Juli 1941 gelang ihm neuerlich die Flucht, er schlug sich nach Brüssel durch, wo er sich einer kommunistischen Widerstandsgruppe anschloss. Am 23. Juli 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und nach der Folterung in der Festung Breendonck im Januar 1944 nach Auschwitz deportiert.

Am 15. April 1945 aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen von britischen Soldaten befreit, kehrte er nicht nach Wien, sondern nach Brüssel zurück. Brüssel wurde die Stadt seines immerwährenden Exils. Er hatte 1945, von der Résistance, von Jean-Paul Sartre und von der Literatur Frankreichs begeistert, sogar überlegt, französischer Schriftsteller zu werden, kam aber von der deutschen Sprache nicht los und entschied sich auch für die österreichische Staatsbürgerschaft, ohne jemals länger als für kurze Besuche nach Österreich zurückzukehren. Alle seine journalistischen und literarischen Arbeiten sind auf Deutsch geschrieben, die Bundesrepublik Deutschland wurde ab den frühen 1960er Jahren, nach dem Erfolg seines Essaybands Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten (1966; er enthält auch den von Bachmann zitierten Tortur-Essay), seine "publizistische Heimat" (Ulrike Schneider). Davor hatte er an die 5.000 journalistische Artikel - keineswegs nur publizistische "Konfektionsware" - vor allem in der Schweiz veröffentlicht.
Amérys Publizität ging nicht nur von der Lektüre seiner Bücher aus, sondern vor allem auch von westdeutschen Rundfunkstationen, die beinahe alle seine größeren autobiografisch-essayistischen Arbeiten vor dem Druck sendeten, ob das die Essays von Jenseits von Schuld und Sühne waren, die Unmeisterlichen Wanderjahre (1971) und Örtlichkeiten (erst postum 1980 veröffentl.) oder die Roman-Essays von Lefeu oder Der Abbruch (1974) und Charles Bovary, Landarzt (1978). Auch die berühmten großen theoretischen Erörterungen Über das Altern. Revolte und Resignation (1968) und Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod (1976) wurden zuerst als mehrteilige Rundfunksendungen, meist vom Autor selbst gelesen, einem großen Publikum zugänglich gemacht.

Zum Sterben kehrte er in sein Herkunftsland zurück. Am 17. Oktober 1978 nahm er sich in Salzburg im Hotel "Österreichischer Hof" das Leben. Der frei gewählte Tod in Österreich zeigt, dass für den Exilierten die Heimat ein Komplex blieb, mit dem er nie fertig geworden ist, genauso wenig wie mit dem "Morbus Austriacus", dem Kranksein an Österreich, das er auch im Werk Thomas Bernhards zu finden glaubte. Einer seiner bedeutendsten Essays stellt im Titel die Frage: Wieviel Heimat braucht der Mensch? Seine Antwort ist, dass der, dem die Heimat genommen wurde, gar nicht genug Heimat haben kann. "Es altert sich schlecht im Exil. Denn der Mensch braucht Heimat. [...] Er braucht viel Heimat, mehr jedenfalls, als eine Welt von Beheimateten, deren ganzer Stolz ein kosmopolitischer Ferienspaß ist, sich träumen läßt." (Werke 2, 116) Als er sich 1974 das Leben nehmen wollte, aber noch einmal gerettet werden konnte, kritzelte er, schon im Verdämmern, auf einen Zettel eine Nachricht, von der ein Wort deutlich lesbar ist - "Ischl". Es war die Stadt seiner Kindheit in Oberösterreich.

Jean Amérys Vorfahren stammen aus der jüdischen Gemeinde Hohenems in Vorarlberg. Er  wurde am 31. Oktober 1912 als Hans Maier in Wien geboren. Später ließ er den Namen auf "Mayer" verändern, dann wieder auf "Maier", denn vom "i" oder "y" konnte im Rassenwahn der NS-Zeit das Leben abhängen. Ab 1955 nannte er sich, mit den zu einem französischen Namen umgestellten Buchstaben, für immer "Améry".
1921 kam Hans Maier mit seiner Mutter nach Bad Ischl. Der Vater war 1917 im Ersten Weltkrieg als Tiroler Kaiserjäger gefallen. Die verarmte ‚Kriegerwitwe‘ pachtete eine Pension mit einer Wirtsstube, den "Gasthof zur Stadt Prag" in der Eglmoosgasse 9. Der Bub besuchte ab Mai 1921 die Ischler Volksschule, ab Herbst 1923 ging er ins Gymnasium nach Gmunden, wohnte bei seiner Klavierlehrerin Bertha Schwarzwald am Marktplatz 1, blieb aber nur bis zu seinem schulischen Scheitern in der zweiten Klasse Gymnasium dort. In den Lebensstationen der Örtlichkeiten (1980 postum erschienen) stellt das erste Kapitel, "Bad Ischl", die so gegensätzlichen Seiten der Sommerresidenz des alten Kaiser Franz Joseph dar: im Sommer eine fast urbane "jüdisch-mondäne Operettenatmosphäre" (Werke 2, 837), im Winter eine provinzielle oberösterreichische Kleinstadt, in der das Kind früh die Spannungen zwischen seiner bürgerlich jüdischen Herkunft und der katholischen Religion und dem bäuerlichen Brauchtum erlebte.
Im September 1926 zog er mit der Mutter wieder nach Wien. In der wirtschaftlichen Not der 1920er Jahre begann er, nach einer Handelsschule, einem Berlinaufenthalt 1929/30 und verschiedenen Gelegenheitsarbeiten, eine Buchhändlerlehre, arbeitete auch in der Volkshochschule Leopoldstadt und fand in der Volkshochschulbewegung des Roten Wien den sozialen Raum, der seinen literarisch-philosophischen Interessen entgegenkam. 1934 gründete er zusammen mit seinem Freund Ernst Mayer eine Zeitschrift, Die Brücke, deren Intention es war, von der eigenen autobiografischen Erfahrung ausgehend, wenigstens in der Welt des Geistes auf eine Versöhnung jenes Gegensatzes von Stadt und Land hinzuarbeiten, der besonders in der österreichischen Geschichte eine so destruktive politische Rolle spielte.

Den Februar 1934, die Niederlage des Aufstands der österreichischen Arbeiter gegen die austrofaschistische Machtergreifung, verstand er als epochale Wende. Dreißig Jahre später erinnerte er am 12. Februar 1964 aus Brüssel seinen Freund Ernst Mayer in Wien an jenen "Unglückstag, der vielleicht der eigentliche Anfang all unserer Prüfungen war". Amérys erster Roman aus dem Jahr 1934, mit dem signifikanten Titel Die Schiffbrüchigen, hat die Niederlage der österreichischen Arbeiterbewegung zum Gravitationszentrum. Als Schriftsteller wird er die Herkunft aus dem sozialistischen Roten Wien, aus dem hellen logischen Positivismus des Wiener Kreises, aus der analytischen Psychologie und der Literatur und Musik der Wiener Moderne nie vergessen und sie in seinem Denken und Schreiben in die scharfsichtige analytische Erhellung des am eigenen Leib erfahrenen nationalsozialistischen Terrors verwandeln. Gegen den Schluss von An den Grenzen des Geistes, dem Essay, mit dem 1964 seine große Wirkung in Deutschland einsetzte, findet man ein bezeichnendes Zitat Arthur Schnitzlers, das in diesem Zusammenhang eine neue, eindringliche Aktualisierung erfährt und die einzigartige Radikalisierung von Aufklärung und analytischer Vernunft in Amérys Werk auf eine kurze sprachliche Formel bringt: "Tiefsinn hat nie die Welt erhellt, Klarsicht schaut tiefer in die Welt." (Werke 2, 53)

Hans Höller

 

Werke. Hg. von Irene Heidelberger-Leonard. Bd. 1-9. Stuttgart 2002-08. (Weitere Hg. von Einzelbänden: Monique Boussart, Hans Höller, Hanjo Kesting, Gerhard Scheit und Stephan Steiner.)
Die in der Chronologie ihres Erscheinens angeführten wichtigsten Werke Jean Amérys werden hier mit der entsprechenden Nummer des Bands der Werk-Ausgabe versehen:
Die Schiffbrüchigen (1934, Bd. 1). - Geburt der Gegenwart. Gestalten und Gestaltungen der westlichen Zivilisation seit Kriegsende (1961, Bd. 7). - Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten (1966, Bd. 2). - Über das Altern. Revolte in der Resignation (1968, Bd. 3). - Unmeisterliche Wanderjahre (1971, Bd. 2). - Lefeu oder Der Abbruch. Roman-Essay (1974, Bd. 1). - Hand an sich legen. Diskurs über den Freitod (1976, Bd. 3). - Charles Bovary, Landarzt. Porträt eines einfachen Mannes (1978, Bd. 4). - Örtlichkeiten (1978, Bd. 2). - Unterwegs nach Oudenaarde (1978, Bd. 5).

Heidelberger-Leonard, Irene: Jean Améry. Revolte in der Resignation. Biographie. Stuttgart 2004. - Dies.; von der Lühe, Irmela (Hg.): Seiner Zeit voraus. Jean Améry-ein Klassiker der Zukunft? Göttingen 2009. - Jean Améry. Hg. von Irene Heidelberger-Leonard (= Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur 99, 1988). - Steiner, Stephan (Hg.): Jean Améry (Hans Maier). Mit einem biographischen Bildessay und einer Bibliographie. Basel 1996 (mit Beiträgen von Imre Kertész, Hermann Langbein, Sidney Roesenfeld, Robert Schindel, Jan Philipp Reemtsma, Henryk M. Broder, Stephan Steiner, Franz Lerchenmüller, Jakov Lind, Ruth Beckermann, Gerhard Amanshauser, Detlev Claussen, Frederic Morton, Lothar Baier, Irene Heidelberger-Leonard, Erika Tunner). - Über Jean Améry. (Zum 65. Geburtstag von Jean Améry am 31. Oktober 1977). Stuttgart 1977.