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Johannes Reuchlin

Porträt

Geb. 29.1. od. 22.2.1455 in Pforzheim, gest. 30.6.1522 in Stuttgart.
Deutscher Humanist, erster christlicher Hebraist und Kabbalist.

Reuchlin studierte klassische Philologie in Freiburg/Br., Paris und Basel und schuf mit 20 Jahren sein erstes Werk, den Vocabularius breviloquus, ein Lateinwörterbuch, das ein großer Erfolg wurde. 1477-81 folgte ein juristisches Studium in Orléans und Poitiers, wo Reuchlin das Lizentiat der Rechte erwarb.
Erstmals hielt er sich 1482 im Zuge seiner ersten Italienreise in Linz auf. Er dürfte dabei auf gelehrte Juden getroffen sein, die ihm beim Lernen des Hebräischen halfen, in dem er sich seit seiner Studienzeit versucht hatte. Bei der Rückkehr von seiner zweiten Italienreise 1492 wurde ihm in Linz durch Kaiser Friedrich III. die Adels- und Hofpfalzgrafenwürde zugesprochen. Dabei fand er im jüdischen Leibarzt des Kaisers, Jakob ben Jechiel Loans, seinen ersten ernst zu nehmenden Hebräischlehrer, zu dem er auch ein freundschaftliches Interesse entwickelte. Die Linzer Begegnung war für Reuchlins (natürlich christlich geprägtes) humanistisches Interesse am Hebräischen und an der jüdischen Tradition entscheidend.
Er sieht in der Kabbala, der mittelalterlichen jüdischen Mystik, älteste Weisheiten verborgen, über die die Wahrhaftigkeit des Christentums bewiesen werden soll. In seinen beiden "kabbalistischen" Werken De verbo mirifico (‚Vom wundertätigen Wort‘, Basel 1494; eigentlich eine Preisrede auf die hebräische Sprache) und De arte cabalistica (‚Über die kabbalistische Kunst‘, Hagenau 1517) legt er in fiktiven Lehrgesprächen dar, wie die neue Sicht der Kabbala zentrale Elemente der christlichen Theologie stützt und erhellt. Nach dem Tod seines herzoglichen Gönners, Graf Eberhard von Württemberg, musste Reuchlin 1496 nach Heidelberg fliehen.
1498 kam es zum dritten Besuch in Italien. Danach konnte er nach Württemberg zurückkehren, wo er von 1502 bis 1513 als Richter tätig war. Später wurde er Rechtsanwalt in Stuttgart und lehrte an den Universitäten von Ingolstadt und Tübingen. 1506 erschien in Pforzheim sein Werk Rudimenta linguae hebraeae, die erste von einem Christen ausgearbeitete hebräische Grammatik mit hebräischem Wörterbuch, und 1518 De accentibus et orthographia linguae hebraicae (‚Über Betonung und Schreibung des Hebräischen‘). Damit trug er zur Verbreitung des Studiums des Hebräischen unter christlichen Gelehrten bei.

Nachdem sich Reuchlin 1510 in einem um höchste Objektivität bemühten Gutachten an Maximilian I. (1459-1519) aufgrund humanistischer Prinzipien und Gelehrteninteressen gegen die Konfiszierung und Vernichtung jüdischer Schriften ausgesprochen hatte, geriet er in einen jahrelangen Streit mit dem die Verbrennung jüdischer Literatur befürwortenden Apostaten Johann Pfefferkorn (1469-1522) und seinen Anhängern, den Kölner Dominikanern, die einen Prozess gegen Reuchlin anstrengten. Pfefferkorn war zuvor, 1509, von Maximilian I. ermächtigt worden, "christenfeindliche" jüdische Literatur zu beschlagnahmen, was er auch in brutaler Weise ausführte. Im lange andauernden Streit zwischen Reuchlin und Pfefferkorn ging es um die Bedeutung der hebräischen Sprache und der Werte des Humanismus. Der Kaiser intervenierte und verpflichtete beide Seiten zur Einstellung der Angriffe; dennoch erreichte der Streit seinen Höhepunkt erst in den satirischen Epistolae Obscurorum Virorum (‚Dunkelmännerbriefe‘) 1515 und 1517, die zwei von Reuchlins Anhängern, nämlich Ulrich von Hutten (1488-1523) und Crotus Rubeanus (1486-1539), verfassten und in denen überholte Lehren sowie die Dummheit und Bildungsfeindlichkeit der Mönche verhöhnt wurden, was am Vorabend der Reformation dazu beitrug, die Kirche in Misskredit zu bringen. 1520 wurde durch päpstlichen Urteilsspruch gegen Reuchlin entschieden, was aber weitgehend folgenlos blieb. Obwohl Reuchlin von vielen Reformatoren unterstützt wurde, blieb er in der reformatorischen Auseinandersetzung der alten Kirche treu. So bricht er etwa mit seinem Verwandten Philipp Melanchton (1497-1560), dem Reformator und Freund Luthers, und versucht ihn vom Anschluss an die Reformation abzuhalten.

Als Mann geistiger Weite und religiöser Toleranz erscheint Reuchlin der Nachwelt vor allem aufgrund seines - nicht nur gegenüber der kirchlichen Lehre, sondern auch gegenüber vielen Humanisten - eigenständigen und -willigen Einsatzes für die Freiheit der Wissenschaft und den Erhalt des jüdischen Schrifttums. Heinrich Graetz fasst sein Urteil so zusammen: "Johannes Reuchlin ist eine Persönlichkeit, welche das Mittelalter in die neue Zeit hat hinüberleiten helfen und darum einen klangvollen Namen in der Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts hat; ihm gebührt aber auch in der jüdischen Geschichte ein glänzendes Blatt." (Graetz 1907, 78)

Armin Eidherr

 

De verbo mirifico (1494). - De rudimentis hebraicis (1506). - Augenspiegel (1511; Faksimile-Ausgabe mit einem Nachwort von Josef Benzing, München 1961). - De arte cabalistica (1517). - De accentibus et orthographia linguae hebraicae (1518). - Johann Reuchlins Briefwechsel. Hg. von Ludwig Geiger. Tübingen 1875 (Nachdruck: Hildesheim 1962). - Gutachten über das jüdische Schrifttum. Hg. von Antonie Leinz von Dessauer. Konstanz 1965. - Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe mit Kommentar (angelegt auf 17 Bände). Hg. von Widu-Wolfgang Ehlers, Hans-Gert Roloff und Peter Schäfer. Stuttgart, Bad Cannstatt 1996 ff.

Brod, Max: Johannes Reuchlin und sein Kampf. Eine historische Monographie. Wiesbaden 1965. - Graetz, Heinrich: Geschichte der Juden, Bd. 9 (Von der Verbannung der Juden aus Spanien und Portugal [1494] bis zur dauernden Ansiedlung der Marranen in Holland [1618]). 4. Aufl. Leipzig 1907. - Herzig, Arno; Schoeps, Julius H. (Hg.): Reuchlin und die Juden. Konstanz 1992. - Rachum, Ilan: Enzyklopädie der Renaissance. Zürich o. J. - Schiffmann, Konrad: Johannes Reuchlin in Linz. Ein Bild aus der Vergangenheit der Stadt. 2. Aufl. Linz 1929. - Schwab, Hans-Rüdiger: Johannes Reuchlin. Deutschlands erster Humanist. München 1998. -Vinzent, Markus (Hg.): Metzler Lexikon christlicher Denker. 700 Autorinnen und Autoren von den Anfängen des Christentums bis zur Gegenwart. Stuttgart 2000.