Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen

Joseph Fouché; © Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

Biografie von Stefan Zweig, erschienen 1929 im Insel-Verlag (Frankfurt/Main).

Stefan Zweig (1881-1942) hat hier die Lebensgeschichte des wohl berühmtesten Linzer Polit-Exilanten des 19. Jh. vorgelegt: Joseph Fouché (1759-1820) begann seine Laufbahn als Ordensgeistlicher und Lehrer, bis er Maximilien de Robespierre kennenlernte und dessen Gefolgsmann wurde. Während des "Terrors" 1793/94, der blutigsten Phase der Französischen Revolution, schlug er einen monarchistischen Aufstand nieder, was ihm den Titel "Schlächter von Lyon" eintrug. Genauso aber trug Fouché zum Ende Robespierres bei und wurde später Polizeiminister Napoleons (1799-1802, 1804-10 und 1815). Nach dessen endgültigem Sturz schlug sich Fouché auf die Seite der bourbonischen Restauration. Durch seine Mitwirkung an der Hinrichtung Ludwigs XVI. 1793 war er jedoch so sehr kompromittiert, dass er 1816 aus Frankreich verbannt wurde. Metternich gewährte ihm zögernd zunächst in Prag, dann in Linz Exil; 1819 wurde Fouché wegen einer Lungenkrankheit die Übersiedlung nach Triest gestattet, wo er kurz darauf starb.

Im Brennpunkt von Zweigs Biografie, die in ihrem berichtend-analysierenden Stil auf Dialoge und andere Literarisierungen weitgehend verzichtet, steht der macchiavellistische Überlebenstrieb des hochintelligenten sowie rücksichtslosen Wendehalses: Hässlich in seiner Erscheinung und leidenschaftslos kalt in seinem Naturell, ist Fouché ein Intrigant, der stets im Hintergrund bleibt. Er kennt "nur eine Partei, der er treu war [...]: die stärkere". (26) Zugleich wird er "niemals und niemandes Diener [...].  Nie opfert er seine geistige Selbständigkeit, seinen Eigenwillen einer fremden Sache vollkommen auf. " (156) Damit wird Fouché für Zweig zum Paradebeispiel einer "notwendigen Biologie des Diplomaten, dieser noch nicht erforschten, allergefährlichsten Rasse unserer Lebenswelt" (12). Die rassistische Anspielung unterstreicht, dass die hier unternommene "Typologie des politischen Menschen", des "professionellen Hasardeur[s]" (ebd.), einen stark zeitkritischen und warnenden Charakter hat, bahnten sich doch in Zweigs Gegenwart die europäischen Totalitarismen des 20. Jh. an.

Fouchés Exilort indes kommt im Text des Wahl-Salzburgers Zweig nur kurz vor, als Synonym für "Provinz" (281) und die "Wandelbarkeit der irdischen Macht und Größe" (282). Der Protagonist, "ein alter Mann, müde, ärgerlich, einsam und fremd, geht mürrisch durch die langweiligen Straßen von Linz [...], sonst kennt ihn niemand mehr in der Welt" (283).

Clemens Ruthner

 

Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen. Frankfurt/Main 1950.

Alami, Mourad: Der Stil der literarischen Biographien bei Stefan Zweig. Erläutert am Joseph Fouché. Frankfurt/Main u. a. 1989. - Müller, Karl: Joseph Fouché. Geschichte, Individuum und Dichtung bei Stefan Zweig. In: Mark H. Gelber (Hg.): Stefan Zweig reconsidered. Tübingen 2007, 21-40. - Prater, Donald A.; Michels, Volker (Hg.): Stefan Zweig. Leben und Werk im Bild. Frankfurt/Main 2006.