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Karel Klostermann

Gemälde von F. Velísek, Böhmerwaldmuseum Bergreichenstein

(auch: Karl Klostermann)
Geb. 13.2.1848 in Haag am Hausruck (OÖ), gest. 16.7.1923 in ŠtÄ›keň bei Strakonice (Tschechische Republik).
Entdecker des Themas "Böhmerwald" für die tschechische Literatur.

Seine Darstellung des Böhmerwaldes als raue, unwirtliche Gegend, in der der Mensch ständig um sein Dasein kämpfen muss, hat die Gestalt der tschechischen Literatur nachfolgender Schriftstellergenerationen bis zum Ausgang des 20. Jh. geprägt (Rudolf Kalčík, Jan Otčenášek, Petr Pavlík, Bohumil Hrabal).
Klostermann entstammte einer deutschen Familie: Sein Vater, Josef Klostermann, wirkte als Arzt an verschiedenen Orten im Böhmerwald und in dessen böhmischem Vorland. Klostermanns Mutter Charlotte entstammte der im Böhmerwald eingesessenen Glasfabrikantenfamilie Abele. Als die Familie Oberösterreich wieder verließ, war Karel noch keine zwei Jahre alt. Durch den häufigen Wechsel des Wirkungsortes des Vaters kam der Sohn sowohl mit der deutschen als auch mit der tschechischen Sprache in Kontakt. So besuchte er eine tschechische Volksschule, später dann Gymnasien in Klatovy (Klattau) und in Písek, an denen Deutsch bis Anfang der 1860er Jahre Unterrichtssprache war. Wie der Vater studierte auch der Sohn 1865-70 Medizin in Wien, ohne allerdings nach zehn Semestern den Examen-Abschluss zu erreichen. Ein Jahr verbrachte er als Hauslehrer im ostböhmischen Žamberk (Senftenberg), 1872/73 arbeitete er als Journalist für die pro-tschechisch orientierte Zeitschrift Wanderer in Wien. Von 1873 bis zu seiner Pensionierung 1908 unterrichtete der zwölf Fremdsprachen beherrschende Klostermann Deutsch und Französisch am deutschen Realgymnasium in Plzeň (Pilsen), zunächst als Supplent (Hilfslehrer), ab 1878 verbeamtet.

Der Lehrerberuf befriedigte ihn allerdings nicht ganz. Ab 1885 begann er seine Feuilletons in der böhmischen Zeitschrift Politik, die auf Deutsch erschienen, zu veröffentlichen. Eine Auswahl dieser Feuilletons erschien 1890 im Selbstverlag (und ohne großes Echo) unter dem Titel Böhmerwaldskizzen. Doch Klostermanns erzählerisches Talent blieb nicht unbemerkt: Václav Vlček, Herausgeber der tschechischen Literaturzeitschrift OsvÄ›ta, bot ihm an, in der Zeitschrift tschechisch verfasste Texte zu veröffentlichen. Klostermann nahm das Angebot an: In den ersten zwei Nummern der OsvÄ›ta für das Jahr 1891 erschien die Erzählung Rychtářův syn [Der Sohn des Freirichters], darauf folgte in demselben Jahrgang der Roman in Fortsetzungen Ze svÄ›ta lesních samot [Aus der Welt der Waldeinsamkeiten], der dem Schriftsteller große Anerkennung und Popularität bei der tschechischen Leserschaft brachte. Als Einheimischer öffnete Klostermann seinen Lesern eine Gegend, die für diese bisher von tschechischen Autoren (Jan Neruda, Alois V. Šmilovský, Eliška Krásnohorská, Adolf Heyduk) eher aus der Perspektive des Urlaubers dargestellt wurde, und machte so die Tschechen mit dem Böhmerwald vertraut. In seinen Schilderungen erkennt man die Härte des Lebens der dortigen Bauern, Heger, Förster und Holzfäller sowie die düstere Schönheit der Wälder und Filze (= Sumpfgebiete) des zentralen Böhmerwaldes. Klostermanns erzählte Zeit bewegt sich um das Jahr 1870, den großen Windbruch, der ein Drittel des Böhmerwaldes niederfegte, und dessen Folgen (Durchdringen der Geldwirtschaft in diese bisher entlegene Gegend, kurzzeitiges Aufkommen der Böhmerwäldler bei der Bearbeitung des gefallenen Holzes und deren nachfolgende Verschuldung und Verarmung, als es diese Beschäftigung nicht mehr gab). Diese bitteren realen Erkenntnisse enthalten Klostermanns Romane und Erzählungen aus den 1890er Jahren wie V ráji šumavském (1893) [Im Böhmerwaldparadies], V srdci šumavských hvozdů (1896) [Im Herz der Böhmerwald-Wälder] oder Kam spÄ›jí dÄ›ti (1901) [Die Erben des Böhmerwaldparadieses]. Eine andere Lösung zeigt der Roman Za štÄ›stím (1893)[Dem Glück nach], in dem man den Erwerb in der Großstadt Wien sucht. Nur in einem einzigen Buch, dem Roman SkláÅ™i (1896) [Die Glasmacher], greift Klostermann tiefer auf die Vergangenheit zurück und stellt dabei die Geschichte der eigenen Familie belletristisch dar. Das Schaffen der 1890er Jahre bedeutet für Klostermann zugleich den Höhepunkt; in späteren Werken kommt es oft zu Wiederholungen und zur Bevorzugung des Unterhaltungscharakters der Texte.

Abgesehen von den Böhmerwaldskizzen veröffentlichte Klostermann alle seine Bücher auf Tschechisch. Zu seinen Lebzeiten erschienen deutsche Übersetzungen der Romane Ze svÄ›ta lesních samot und SkláÅ™i, symptomatisch beide in Böhmen (Aus Waldwildnissen 1897 in Prag, Die Glasmeister 1922 in Pilsen). Erst 1993 erinnerte der Verlag Morsak in Grafenau durch die Herausgabe von Aus der Welt der Waldeinsamkeiten erneut an den Autor. Eine richtige Entdeckung Klostermanns für den deutschsprachigen Raum bedeutete allerdings erst die Forscher- und Übersetzerarbeit von Gerold Dvorak und die Bereitschaft des Verlags Karl Stutz (Passau), diese Übersetzungen herauszugeben.

Vaclav Maidl

 

Böhmerwaldskizzen. Pilsen 1890 (Selbstverlag) [2. Ausg. Berlin 1987, 3. Ausg. Passau 1996]. - Ze svÄ›ta lesních samot. In: OsvÄ›ta 21 (1891), Nr. 6-12 (auch: Praha 1894; dt.: Aus Waldwildnissen. Übersetzt von M. Frey. Prag 1897; Aus der Welt der Waldeinsamkeiten. Übersetzt von Anna Jelinek. Grafenau 1993). - V ráji šumavském. Praha 1893 (dt.: Im Böhmerwaldparadies. Übersetzt von Gerold Dvorak. Passau 2005). - Za štÄ›stím. In: OsvÄ›ta23 (1893), Nr. 3-12 (auch: Praha 1895). - V srdci šumavských hvozdů. Praha 1896. - SkláÅ™i. Praha 1896 (dt.: Die Glasmeister. Übersetzt von Otto Stelzer. Pilsen 1922; Die Glasmacher. Übersetzt von Otto Stelzer. Passau 2007). - Kam spÄ›jí dÄ›ti. Praha 1901 (dt.: Die Erben des Böhmerwaldparadieses. Übersetzt von Gerold Dvorak. Amberg 2002). - Mlhy na blatech. In: Máj 4 (1906) (auch: Praha 1909). - Suplent. Bd. 1-4, Praha 1913/14. - ÄŒervánky mého mládí. Bd. 1-2. Praha 1926. - Heiteres und Trauriges aus dem Böhmerwald oder: der Böhmerwaldskizzen 2. Teil. Hg. von Gerold Dvorak. Passau 1997. - Der Sohn des Freirichters. Übersetzt von Gerold Dvorak. Passau 1998. - Der Herr Professor. Übersetzt von Gerold Dvorak. Passau 1999. - Faustins Geschichten aus dem Böhmerwald. Hg. von Gerold Dvorak. Passau 2003.

Dvorak, Gerold (Hg.): Karl/Karel Klostermann 1848-1923. Passau 1998. - Karel Klostermann - spisovatel Šumavy [K.K. - Autor des Böhmerwaldes]. Klatovy 2000. - Karel Klostermann (1848-1923). Soupis díla [K.K. Schriftenverzeichnis]. ÄŒeské BudÄ›jovice 2008. - Regal, Max: Život a dílo Karla Klostermanna. [Karl Klostermanns Leben und Werk] Praha 1926. - Viktora, Viktor: Klostermannova Šumava [Klostermanns Böhmerwald]. In: Václav Maidl (Hg.): Znovuobjevená Šumava. Klatovy 1996.