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Klassik

Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar; © Georg Hofer

Der Begriff Klassik wird hier im engeren Sinn verwendet ("Weimarer Klassik", repräsentiert durch Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller und die von ihnen begründete Tradition). Eine eigenständige klassische Literatur ist in Oberösterreich jedoch nicht entstanden.

Zwar wurden Goethe und Schiller in Oberösterreich sehr wohl rezipiert, aber die kulturpolitischen Verhältnisse waren, so wie im restlichen Österreich, auch hier für eine breitere Aufnahme ungünstig. Die Restauration und der daran gebundene Aufstieg des konservativen Katholizismus standen der Aufklärung und der Klassik skeptisch, manchmal sogar feindselig gegenüber. Insbesondere Goethe war als "Neuheide" verdächtig.

Eine Sonderstellung nimmt in diesem Zusammenhang Marianne von Willemer (1784-1860) ein. Die gebürtige Linzerin kam als 14-jährige Schauspielerin mit ihrer Mutter nach Frankfurt/Main und wurde dort vom verwitweten Bankier Johann Jakob Willemer zuerst adoptiert, später heiratete er sie. In seinem Haus lernten Goethe und Marianne einander kennen. Die Liebesbeziehung, die aus dieser Begegnung entstand, fand ihren literarischen Niederschlag in Goethes Gedichtzyklus West-östlicher Divan (1819 bzw. 1827) Suleika steht für Marianne, ihre Rolle beschränkte sich aber nicht auf die der Muse. Nachweislich stammen einige Gedichte aus dem West-östlichen Divan aus der Feder von Marianne von Willemer.

Vermutlich auf Initiative von Anton Ritter von Spaun (1790-1849) wurde 1815 in Linz ein literarischer Freundschaftsbund gegründet, der sein Programm explizit aus den Schriften Schillers, Goethes und Wilhelm von Humboldts bezog. 1817 erschien der Almanach Beyträge zur Bildung von Jünglingen, an dem neben Anton Spaun und seinem Bruder Joseph von Spaun (1789-1870) Anton Ottenwalt (1789-1845), Josef Kerner, Josef Kreil und Johann Baptist Mayrhofer (1787-1836) beteiligt waren. Nach dem zweiten Almanach ist eine Modifizierung des ursprünglichen Kunstprogramms erkennbar. Im Vordergrund stehen nun biedermeierliche Werte wie Geselligkeit und Familiensinn, während im ersten Almanach die Freundschaft noch als staatsbürgerliche Tugend gefeiert wurde, als politische Kraft, die selbst Tyrannen erschreckt. Für Anton von Spaun, der das Linzer Kulturleben im Vormärz maßgeblich beeinflusste, war eher Johann Gottfried Herder als Goethe und Schiller die intellektuelle Autorität.
Der Dichter Johann Baptist Mayrhofer, der dem Kreis um Anton von Spaun angehörte, sah Goethe als maßgebliches literarisches Vorbild. Über ein gehobenes Epigonentum kam er aber nicht hinaus. 49 Gedichte Mayrhofers wurden von Franz Schubert vertont. Für das lyrische Schaffen vieler ambitionierter Epigonen war im 19. Jh. Goethe immer wieder die maßgebliche Orientierungsgröße.

Adalbert StiftersLesebuch zur Förderung humaner Bildung (1854) enthält zahlreiche Texte von Goethe, Herder, Schiller und Wilhelm von Humboldt. Der Schwerpunkt der Textauswahl zeigt eindeutig, dass Stifter die klassische humanistische Bildungstradition im Schulwesen verankert wissen wollte. Damit stand er im Gegensatz zum herrschenden Bildungsverständnis seiner Zeit, das patriotische und religiöse Erziehung in den Mittelpunkt rückte. Stifters Lesebuch wurde die Approbation des Ministeriums verweigert.

Was Goethe für die Epigonenlyrik des 19. Jh., war Schiller für die Dramatik. An der klassischen Tradition des idealistischen Dramas orientierte sich der Schriftsteller Johann Otto Prechtler (1813-1881). Sein Vorbild war neben Schiller Franz Grillparzer. Zwölf von Prechtlers Stücken wurden immerhin am Burgtheater aufgeführt. Am "Linzer Landständischen Theater" wurden regelmäßig Theaterstücke der Klassiker aufgeführt, aber das durch sie angeregte regionale Theaterschaffen blieb deutlich hinter dem Niveau der Vorbilder zurück, vor allem kamen diese Autoren zu spät (neben Prechtler Alois Ebner und Adam Müller-Guttenbrunn, 1852-1923). Als sie in Linz noch Versdramen in der Schiller-Nachfolge zusammenfügten, kam anderswo schon der Naturalismus zum Durchbruch.

Wie lange die Klassik nachwirkte, zeigen zwei Beispiele zu Beginn des 20. Jh. Alfred Grohmann (1882-1916), ein deklarierter Gegner der naturalistischen Moderne, betrachtete sein in Versen geschriebenes Bauernkriegsdrama Stöffel Fadinger (1903) als oberösterreichische Wilhelm Tell-Variante. 1911 erschien das Drama Phädra von Julius Zerzer im Druck. Nicht nur der klassische Stoff, auch der von Zerzer verwendete Blankvers zeigt die dauerhafte Wirksamkeit der Klassik.

Christian Schacherreiter

 

Domandl, Sepp: Adalbert Stifters Lesebuch und die geistigen Strömungen zur Jahrhundertmitte. Linz 1976. - Dürr, Walter: Der Linzer Schubert-Kreis und seine "Beiträge zur Bildung für Jünglinge". In: Jahrbuch der Stadt Linz 1985. - Ebner, Jakob und Helga u. a.: Literatur in Linz. Eine Literaturgeschichte. Linz 1991, bes. 177-357. - von Gersdorff, Dagmar: Marianne von Willemer und Goethe. Geschichte einer Liebe. Frankfurt/Main, Leipzig 2005. - Jungmair, Otto: Aus der geistigen Bewegung der Romantik in Linz und Oberösterreich. In: Jahrbuch der Stadt Linz 1949. - Klügl, Michael (Hg.): Promenade 39. Das Landestheater Linz 1803-2003. Salzburg, Wien 2003. - Wimmer, Heinrich: Geschichte des Dramas in Oberösterreich von 1885 bis zur Gegenwart. Phil. Diss. Wien 1925. - Ders.: Oberösterreichische Dramatiker im Landestheater Linz. In: Literarisches Oberösterreich 13 (1963/64), H. 3/4.