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Leopold Federmair

© Alexander Golser

Geb. 25.8.1957 in Wels.
Federmair lebt als Schriftsteller, Kritiker, Essayist und Übersetzer in Hiroshima (Japan).

Von 1975 an studierte er an der Universität Salzburg Germanistik, Publizistik und Geschichtswissenschaften. Mit einer Studie über den deutschen Lyriker Johann Christian Günther promovierte Federmair 1985. Die Tätigkeit als Lektor für deutsche Sprache führte ihn von 1985 bis 1993 nach Frankreich, Italien und Ungarn. Ab 1993 lebte Federmair als freier Autor in Wien. Immer wiederkehrende Reisen nach Lateinamerika ließen ihn Ende der 1990er Jahre drei Jahre in Argentinien verbringen. 2002 zog es ihn nach Japan, wo er an den Universitäten in Osaka und Nagoya unterrichtete.

Federmairs Gedichte, Erzählungen, Essays und Kritiken erscheinen in regelmäßigen Abständen in Zeitungen und Zeitschriften wie Die Presse, Der Standard, Neue Zürcher Zeitung,Literatur und Kritik, manuskripte, Weimarer Beiträge und Wespennest. Die bevorzugte literarische Form des Autors ist der Essay und sein großes Vorbild der Begründer dieses Genres: Michel de Montaigne. Ob es sich um essayistische Porträts von Schriftstellern wie Camus, Jelinek, Kafka, und Trakl oder Annäherungen an andere Kulturen, ihre Geschichte und ihre Menschen handelt, Federmairs Texte überzeugen durch sprachliche Feinheit und poetische Bildkraft.

Gleichzeitig mit dem ersten Essayband, Die Gefahr des Rettenden erschien 1992 mit der Übersetzung des Romans Morirás lejos (1967) des mexikanischen Schriftstellers José Emilio Pacheco (geb. 1939) die erste Übertragung ins Deutsche (Der Tod in der Ferne). Übersetzt hat Federmair im Laufe der Jahre aus dem Spanischen, Französischen und Italienischen und dabei Schriftsteller wie François Emmanuel (geb. 1952), Michel Houellebecq (geb. 1958) und Ricardo Piglia (geb. 1941) im deutschsprachigen Raum bekannt gemacht. 2007 erschien im Wieser-Verlag die Übersetzung von Gerhard Koflers (1949-2005) Taccuino su Nuova York a distanza / Notizbuch über New York aus der Entfernung. Diese Arbeit erfolgte auf besonderen Wunsch des Südtiroler Schriftstellers, der seine Texte gewöhnlich selbst ins Deutsche übertrug, dies aufgrund seiner heftigen und schmerzhaften Krankheit, an der er 2005 verstarb, aber nicht mehr leisten konnte.
Unter dem Titel Der Kopf denkt in Bildern präsentierte Federmair 1996 einen Prosa-Band, der ihn als Verfasser von Kurzgeschichten und Erzählungen auswies. Ein Jahr später wurde der Autor nach Klagenfurt eingeladen, um an den Tagen der deutschsprachigen Literatur teilzunehmen. 1999 publizierte er mit dem Buch Das Exil der Träume seinen ersten Roman. Im Jahr 2000 folgte der Erzählband Kleiner Wiener Walzer. Federmair spiegelt in diesem Band eine Welt wider, in der "die alten nationalen Identitäten durch Migration und eine weltweit agierende Kulturindustrie brüchig geworden sind". (Gauß 2001) In der Erzählung Schwarze Taube trifft ein südamerikanischer Musiker und Sänger in der oberösterreichischen Gemeinde Eferding auf ein Publikum, das von dem Fremden zwar hingerissen ist, ihn zugleich aber aus rassistischer und sozialer Arroganz verachtet.

Mit Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie legte Federmair 2005 zum 200. Geburtstag des oberösterreichischen Dichters (Adalbert Stifter) einen von der Kritik glänzend aufgenommenen Essay vor. Federmair besticht darin mit seiner genauen Kenntnis der Landschaften, der bäuerlichen Tradition und der sprachlichen Besonderheiten, findet Raum für autobiografische Parallelen - wie sein Landsmann verbrachte er einen Teil seiner Kindheit im Stiftsgymnasium in Kremsmünster - und eröffnet in einem Vergleich Stifters mit zeitgenössischen Autoren neue Werkinterpretationen.
Trotz des weiten Horizonts, den Federmair von Lateinamerika bis Japan zu spannen weiß, bildet der Bezug zu Oberösterreich in seinen Texten eine immer wiederkehrende Konstante. So auch im 2007 gemeinsam mit Helmut Neundlinger herausgegebenen Sammelband zum Linzer Lyriker Christian Loidl, seiner 2008 erschienenen Textsammlung Formen der Unruhe. Essays zur Literatur und im Erzählband Ein Büro in La Boca (2009).

Federmairs öffentliche Anerkennung spiegelt sich u. a. in der 1993 verliehenen Übersetzerprämie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst, dem Projektstipendium für Literatur des Bundeskanzleramts 1999/2000, dem Adalbert-Stifter-Stipendium 2005 sowie dem Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzung 2012 wider.

Michael Hansel

 

Die Gefahr des Rettenden. Wien 1992. - Monument und Zufall. Klagenfurt 1994. - Der Kopf denkt in Bildern. Klagenfurt, Wien 1996. - Flucht und Erhebung. Orte, Bilder, Probleme. Klagenfurt, Wien 1997. - Mexikanisches Triptychon. Wien 1998. - Das Exil der Träume. Wien 1999. - Kleiner Wiener Walzer. Wien 2000. - Die kleinste Größe. Trakl. Kafka. Montaigne. Wien 2001. - Dreikönigsschnee 1723. Wien 2003. - Adalbert Stifter und die Freuden der Bigotterie. Salzburg, Wien 2005. - Ein Fisch geht an Land. Roman. Salzburg, Wien 2006. - Ein Büro in La Boca. Erzählungen. Salzburg, Wien 2009. - Scherbenhügel. Wels 2010. - Erinnerungen an das, was wir nicht waren. Roman. Salzburg 2010. - Der Bedeutende und sein Fachmann. Mit einem Lob der Eitelkeit und einem Tadel des Neids. Wels 2011. - Buenos Aires, Wort und Fleisch. Essays. Wien 2011. - Die Ufer des Flusses. Verschiedene Prosa. Salzburg 2012. - Die Apfelbäume von Chaville. Annäherungen an Peter Handke. Salzburg 2012. - Das rote Sofa. Geschichten von Schande und Scham. Salzburg 2013. - Die großen und die kleinen Brüder. Japanische Betrachtungen. Wien 2013. - Wandlungen des Prinzen Genji. Roman. Salzburg 2014. - Ins Licht. Erzählungen. Salzburg 2015. - Rosen brechen. Österreichische Erzählungen. Salzburg 2016.

"Ein ganz banales Liebesbedürfnis". Christian Pichler im Gespräch mit Leopold Federmair über Männer, Macht und Gebrochenheit. In: Oberösterreichische Nachrichten, 16.2.2002. - Gauß, Karl-Markus: Die Sehnsucht, verführt zu werden. Leopold Federmairs Kleiner Wiener Walzer. In: Neue Zürcher Zeitung, 14.7.2001. - Katalog-Lexikon zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Teil 1, Bd. 1. AutorInnen A-M. Hg. von Gerhard Ruiss. Wien 1995. - Stuiber, Peter: Wiener Schnitzel sind barbarisch. Leopold Federmair. Ein Porträt. In: Die Presse, 20.3.2006.