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Margit Schreiner

© Wolfgang Marecek

Geb. 22.12.1953 in Linz.
Ironie und Komik prägen die Erzählungen, Romane, Essays, Hörspiele und Theaterstücke der Autorin, die als Chronistin des scheinbar Alltäglichen und Banalen den abgründigen Seiten des Lebens besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Nach der Matura am Wirtschaftlichen Realgymnasium am Bindermichl von 1972-80 Studium der Germanistik und Psychologie in Salzburg, 1979-81 Aufenthalt in Japan, Abbruch der Dissertation "Die Kategorie des Schönen in der Faustdichtung" und erste literarische Arbeiten, die Erzählung Die Bindermichler entstand. Schreiners erste Gedichte wurden im Rundfunk gelesen, 2005 wurden sie in ihrem einzigen bibliophilen Lyrikband Zehn Arten japanische Gärten zu beschreiben (Edition Thurnhof) publiziert. 1981-84 lebte Schreiner in Salzburg und Paris, von 1984-91 in Olevano (Italien) und Salzburg. 1989 erschien ihr Debüt Die Rosen des Heiligen Benedikt. Liebes- und Haßgeschichten im Zürcher Haffmans-Verlag, in dem sie bis zu dessen Konkurs 2001 ihre Bücher veröffentlichte, danach wechselte sie zum Frankfurter Schöffling-Verlag. 1990 wurde Schreiner vom Juror Volker Hage zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen, dann aber ausgeschlossen, weil Textteile bereits publiziert waren. 1998 nahm sie noch einmal am Wettlesen in Klagenfurt teil, blieb aber wieder ohne Preis. 1991 Geburt der Tochter Oktavia, von 1991-98 wohnte Schreiner in Berlin, von 1998-2000 in Olevano, 1994 Tod des Vaters, 1998 Tod der Mutter, seit 2000 Wohnsitz in Linz.

Schreiner bekennt sich dazu, im Schreibprozess das "eigene Leben als Material" zu behandeln: "Du kannst dich hinsetzen und haargenau aufschreiben, was du wie wann erlebt hast, es bleibt deine Erfindung." (2007, 56f.) In den frühen Erzählbänden Mein erster Neger. Afrikanische Erinnerungen (1990) und Die Unterdrückung der Frau, die Virilitätder Männer, der Katholizismus und der Dreck (1995) stehen Kindheits- und Pubertätserfahrungen ebenso wie studentischer Wohngemeinschaftsalltag und Beziehungen im Fokus des erzählerischen Interesses. In ihrer "Trilogie der Trennungen" reflektiert Schreiner in Nackte Väter (1997) das Sterben ihres an Alzheimer erkrankten Vaters und in Heißt lieben (2003) den Tod der Mutter, während sie in Haus, Frauen, Sex. (2001) ihre Stimme einem von seiner Ehefrau verlassenen Mann leiht und damit ihren bisher größten literarischen Verkaufserfolg erzielt. Auch in ihrem Buch der Enttäuschungen (2005) erweist sich Schreiner als Meisterin der Rollenprosa, die aus der Perspektive einer Toten das eigene Leben als eine Kette von falschen Träumen und Illusionen rückwärts abspult. Schreiner plädiert in ihrer Literatur für das Ende der Täuschungen und entzaubert ebenso lakonisch wie humorvoll vorgegebene Lebens- und Rollenmodelle. Ihr geht es darum, eine andere Wirklichkeit zu schaffen, in "der endlich alles ausgesprochen werden kann" (2007, 246).

Schon der Monolog Haus, Frauen, Sex. wurde erfolgreich am Theater aufgeführt (Theater Rampe, Stuttgart 2002; Theater Rabenhof, Wien 2004 u. a.), die Uraufführung der dramatisierten Fassung von Haus, Friedens,Bruch., dem Monolog einer Schriftstellerin in den Wechseljahren, folgte 2009 im Linzer Posthof, während die von Schreiner für das Theater geschriebenen Stücke noch keinen Weg auf die Bühne fanden. Von deutschen und österreichischen Sendeanstalten wurden bisher fünf Hörspiele realisiert, die als O-Ton-Hörspiele im oberösterreichischen (Kunst-)Dialekt verfasst wurden: Da gehen Schiffe unter mitten in der Wüste (1991), Die Bohrmaschine oder: Warten auf Berlin (1992), Gefühle (2000), Zu Fuß über die Alpen (2002), Die Überquerung des Kvarner (2006).

Schreiner ist eine vielseitige und politische Schriftstellerin. 2003/04 schrieb sie ein Jahr lang 52 Kolumnen (Bruno und ich) für eine oberösterreichische Wochenzeitung. 2008 erschienen ihre verstreut publizierten Essays unter dem provokanten Titel Schreibt Thomas BernhardFrauenliteratur? Über Literatur, das Leben und andere Täuschungen.
2004 erhielt sie den Landeskulturpreis für Literatur des Landes Oberösterreich, 2006 den Kunstwürdigungspreis der Stadt Linz,  2009 den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, 2015 den Johann-Beer-Literaturpreis und den Heinrich-Gleißner-Preis.

Christa Gürtler

 

Die Rosen des Heiligen Benedikt. Liebes- und Haßgeschichten. Zürich 1989. - Mein erster Neger. Afrikanische Erinnerungen. Zürich 1990. - Nackte Väter. Roman. Zürich 1997. - Haus, Frauen, Sex. Roman. Frankfurt/Main 2001. - Heißt lieben. Frankfurt/Main 2003. - Die Eskimorolle. Frankfurt/Main 2004. - Buch der Enttäuschungen. Frankfurt/Main 2005. - Haus, Friedens, Bruch. Frankfurt/Main 2007. - Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur? Über Literatur, das Leben und andere Täuschungen. Frankfurt/Main 2008. - Die Tiere von Paris. Frankfurt/Main 2011. - Das menschliche Gleichgewicht. Roman. Frankfurt/Main 2015.

Gürtler, Christa (Hg.): Porträt Margit Schreiner (= Die Rampe 2008, H. 3).