Martin Pollack

Foto: Ayse Yavas; © Residenz Verlag

Geb. 23.5.1944 in Bad Hall (OÖ).
Literarischer Übersetzer aus dem Polnischen, Herausgeber, Publizist und Schriftsteller.

Pollack wurde durch seine akribisch recherchierten, detailgenauen, sachlich und farbig formulierten Reportagen und Essays auch außerhalb literarischer Kreise bekannt. Seine frühe Kindheit verbrachte er in Amstetten und Linz, wo er bei seiner Großmutter väterlicherseits, seiner Mutter Hildegard (geb. Gfrerer) und seinem Stiefvater, dem Bankbeamten und Kunstmaler Hans Pollack aufwuchs; Pollacks leiblicher Vater war der Jurist und SS-Führer, Einsatzgruppenleiter und Chef der Linzer Gestapo Dr. Gerhard Bast (1911-1947). Nach der Volksschule in Linz besuchte Pollack das neunjährige Realgymnasium Werkschulheim Felbertal, wo er 1963 die Matura sowie die Gesellenprüfung als Bau- und Möbeltischler ablegte. Anschließend studierte er an den Universitäten Wien und Warschau Slawistik und osteuropäische Geschichte und promovierte nach mehrjährigen Studienaufenthalten in Polen und Jugoslawien mit einer Dissertation über die polnische Autorin des Positivismus Eliza Orzeszkowa und die jüdische Frage. Nach dem Studium war er zwei Jahre lang Gast an der Polnischen Akademie der Wissenschaften (Institut für Geschichte) in Warschau, wo er auch einen Forschungsauftrag für das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes erfüllte. 1975 nach Wien zurückgekehrt, arbeitete Pollack zehn Jahre lang als geschäftsführender Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Wiener Tagebuch und schrieb für in- und ausländische Zeitungen und Zeitschriften mit Schwerpunkt Osteuropa. In diese Zeit fällt auch das Erscheinen seiner ersten Buchpublikationen: 1984 die Übersetzung von Ryszard KapuÅ›ciÅ„skis König der Könige. Eine Parabel der Macht sowie seine erste literarische Spurensuche Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Zwischen 1987 und 1998 war er als Redakteur des deutschen Nachrichtenmagazins Der Spiegel tätig, zuerst als Korrespondent und Leiter der Redaktionsvertretung in Wien, dann in Warschau.

Seit 1998 arbeitet Pollack als literarischer Übersetzer (KapuÅ›ciÅ„ski, Wilhelm Dichter, Henryk Grynberg, Mariusz Wilk u. a.) und freier Autor. Seine mit dem Reportagestil der Gazeta Wyborcza vergleichbare Schreibweise einer "vertieften, reflexiven Reportage" als "wichtiges Instrument der Kritik an der Wirklichkeit" (KapuÅ›ciÅ„ski) lässt die Grenzen zwischen Journalismus und Literatur verfließen; Pollacks Bücher scheinen sowohl in den "Sachbuch"- als auch in den "Literatur"-Rubriken der Bestseller-Listen auf. In seinen Osteuropa-Reportagen verschränkt er Recherche-Ergebnisse mit eigenen Erlebnissen, Fragen und Einsichten zu liebevollen, dabei völlig unpathetischen Schilderungen jener versunkenen Welten, von denen "Europa nichts weiß" (Karl Emil Franzos). Eine ruhige und knappe dokumentarische Sprache, ein genauer Blick auf das Einzelschicksal sowie beeindruckende Detailkenntnis erzeugen die Wirkung echter epischer Fülle. Internationale Resonanz fanden seine Bücher Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann (2002), die packende historische Rekonstruktion der sogenannten "Tiroler Dreyfus-Affäre", eines aufsehenerregenden, antisemitisch grundierten Kriminalfalls der Ersten Republik, sowie 2004 der Bestseller Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater. Dieser Text ist Biografie, Autobiografie und Zeitroman in einem und wurde bisher in sieben Fremdsprachen übersetzt.

Pollacks im weitesten Sinn übersetzerische, auf Verständigung über Nationengrenzen hinweg angelegte Mittlertätigkeit wurde mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt: 2000 Diplom des Außenministers der Republik Polen für hervorragende Verdienste um die Förderung Polens in der Welt, 2003 Kavalierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen und Österreichischer Staatspreis für literarische Übersetzung, 2005 Buchpreis der AK Oberösterreich, 2006 Toblacher Prosapreis, 2007 Karl-Dedecius-Preis der Robert-Bosch-Stiftung für polnische und deutsche Übersetzer, Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln, Mitteleuropäischer Literaturpreis Angelus der Stadt WrocÅ‚aw/Breslau, 2010 Georg-Dehio-Buchpreis, 2011 Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung sowie 2015 OÖ. Landeskulturpreis für Literatur. Er lebt im südburgenländischen Bocksdorf und in Wien.

Wolfram Bayer

 

Nach Galizien. Von Chassiden, Huzulen, Polen und Ruthenen. Eine imaginäre Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Wien 1984. - Echte Entnazifizierung fand nicht statt. In: Illustrierte Neue Welt 1985, H. 4, 12. - Des Lebens Lauf. Jüdische Familienbilder aus Zwischeneuropa. Wien 1987. - Galizien. Eine Reise durch die verschwundene Welt Ostgaliziens und der Bukowina. Frankfurt/Main, Leipzig 2001. - Anklage Vatermord. Der Fall Philipp Halsmann. Wien 2002. - Jüdische Übersetzer, Autoren und Kritiker als Mittler zwischen der deutschen und polnischen Literatur. In: TRANS 2003, 15. - Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater. Wien 2004. - Sarmatische Landschaften. Nachrichten aus Litauen, Belarus, der Ukraine, Polen und Deutschland. Hg. von Martin Pollack. Frankfurt/Main 2006. - Von Minsk nach Manhattan. Polnische Reportagen. Hg. von Martin Pollack. Wien 2006. - Das reiche Land der armen Leute. Literarische Wanderungen durch Galizien. Hg. von Martin Pollack und Karl-Markus Gauß. Neue Aufl. Klagenfurt 2007. - Warum wurden die StanisÅ‚aws erschossen? Reportagen. Wien 2008. - Kaiser von Amerika. Die große Flucht aus Galizien. Wien 2010. - [gem. mit Christoph Ransmayr] Der Wolfsjäger. Drei polnische Duette. Frankfurt/Main 2011. - Kontaminierte Landschaften. St. Pölten 2014. - Topographie der Erinnerung. Salzburg, Wien 2016.

Landerl, Peter: Martin Pollack. Warum wurden die Stanislaws erschossen? In: Buchmagazin des Literaturhaus Wien, 5.3.2008. - Millner, Alexandra: Vatermord und Muttersühne. Erinnerungskonstruktionen bei Hans Eichhorn, Martin Pollack und Günter Grass. In: Friedbert Aspetsberger (Hg.): Neues. Trends und Motive in der (österreichischen) Gegenwartsliteratur. Innsbruck, Wien 2003, 140-157. - Renöckl, Georg: Martin Pollack. Von Minsk nach Manhattan. In: Buchmagazin des Literaturhaus Wien, 29.5.2006. - Weißinger, Katharina: "Du musst ihn verurteilen, sonst verteidigst du ihn". Österreichische Väterliteratur im Vergleich: Peter Henisch, Martin Pollack, Julian Schutting und Brigitte Schwaiger. Dipl.-Arb. Univ. Wien 2009. - Zauner, Anne: Martin Pollack. Der Tote im Bunker. In: Buchmagazin des Literaturhaus Wien, 22.10.2004.