Meistersang

Gedenktafel Hans Sachs, Schloss Polheim (Wels); © Gerhard Anzinger

(auch: Meistergesang)
Lyrische Kunstpraxis der frühen Neuzeit, in Oberösterreich vor allem in Eferding, Steyr und Wels gepflegt.

Meistersang ist eine Kunstpraxis der frühen Neuzeit und ruht auf drei Säulen: dem Zunftwesen, der frühneuzeitlichen Stadt und der Reformation. Jedes dieser Elemente war im frühneuzeitlichen Österreich schwächer ausgeprägt als in den süddeutschen Reichsstädten, unter denen wir dank Richard Wagner noch heute Nürnberg mit seinen Meistersingern assoziieren. Die Handwerkszünfte waren in Österreich früher und strenger unter die Aufsicht der Obrigkeit geraten, die Städte im Vergleich weniger blühend, bürgerlich differenziert und selbständig, die Maßnahmen des Hauses Habsburg für den alten Glauben zielgerichtet und langfristig erfolgreich, und so hat sich in dessen Herrschaftsbereich der Meistersang nicht in den Hauptstädten der Länder, sondern nur in Mähren und in Oberösterreich bemerkenswert entwickelt und eine Zeit lang gehalten. Zwei dieser Städte verschafften durch ihre europaweite industrielle Bedeutung ihren Zünften Wohlstand und Selbstbewusstsein, Iglau mit seiner Tucherzeugung und Steyr mit seiner Metallverarbeitung, in zwei weiteren garantierte die Stadtherrschaft einer dezidiert lutheranischen Gesangspraxis den nötigen Rückhalt, in Eferding die der Starhemberg, in Wels jene der Polheim.

Der Meistersang hängt in seiner Auffassung von Sprache und Dichtung an der Welt des alten Handwerks, sowohl in seinen kulturellen Praktiken als auch in der strengen Regulierung der "richtigen" Kunst. Sein poetisches Formenspektrum geht auf die Sangspruchdichtung der "zwölf Meister" zurück, also der Poeten des (späten) Mittelalters, darunter Walther von der Vogelweide, Der Marner (13. Jh.), Frauenlob (ca. 1250/60-1318), Klingsohr und Konrad von Würzburg (ca. 1220/30-1287). Das Regelwerk der Meistersinger wird als "Tabulatur oder Schulregister" bezeichnet (Puschmann 1888, 2. Tractat, 10), das zentrale sprachliche Gestaltungsmoment ist die Silbenzählung. In Regeln gefasst werden die Verse und Reime, die sodann zu größeren Gebilden zusammentreten, "nicht allein, an zal vnd maß kunstreich, ... Sondern auch an dem Gebänd und Melodey" (ebd., 8). Das schulgerechte Lied ("Bar") ist in Stollen, Gegenstollen und Abgesang gegliedert, was einer dreiteiligen Melodie entspricht. Die Strophe wird "gesetzt" und heißt daher "Gesätz", Strophe und Melodie sind ein "Ton". Die äußerst komplizierte Anordnung der Verse ("Gebänd") reicht manchmal über mehrere Dutzend Zeilen hinaus. Den positiven Bestimmungen entspricht eine Terminologie der möglichen Fehler, die von "falsch gebend" ("Gebände") bis zu den "Milben, Klebsyllaben, Differentzen, Halber differentzen" (ebd., 22) reichen; am schlimmsten ist, wenn man sich versingt: "Irre werden, hat gar verloren". Auch die Karrieren sind dem Handwerk nachgebildet, denn analog zu Lehrjahren, Gesellen- und Meisterprüfung rückt der Meistersänger vom Schüler, der "die Tabulatur wissen" muss, über den "Dichter", der auf eine fremde Strophe und Melodie ein neues Lied machen kann, zum "Meister" auf, der einen neuen "Ton" erfunden hat. Kriterium für Originalität ist nach Puschmann, dass die Melodie allenfalls vier Silben lang mit einem bislang bekannten Meisterlied übereinstimmen dürfe. Und schließlich sind die geselligen Praktiken des Meistersangs handwerklich: das Zusammentreffen und Wettsingen, das Beurteilen durch den "Merker" und die Auszeichnung der Gewinner. Dichtung und Gesang werden im Wettbewerb betrieben, unter genauem Reglement, wie bei verschiedenen Anlässen vorzugehen ist oder bei sonstiger Punktegleichheit die Länge des Gedichtes entscheidet. Es gab verschiedene Formen des Wettsingens in der "Schule" (dem obrigkeitlich gestatteten Treffen der Meister), ein "Freisingen" ohne Preis, ein "Hauptsingen" um ein Ehrengeschenk, und jedenfalls schloss das Ereignis auf gute alte Handwerksweise mit einem Gelage auf der "Zeche".
Insgesamt versteht sich der Meistersang in der weitestgehend religiösen Thematik seiner Lieder auch als Gottesdienst, wie das dritte Motto Puschmanns besagt: "Schöne Moteten im Gesang, | Vnd weiser Melodeyen klang. | Welche haben jr Seel vnd leben, | Vnd reinen guten Text darneben | Diese, aller ehren werd sein, | Als köstlich Gaben Gottes rein" (ebd., 2).

Im idealtypischen Fall wurde die Meistersingerei in Form regelmäßiger Singschulen betrieben, wovon etwa in Nürnberg überlieferte Tabulaturen und Singschulordnungen, Meisterlieder und obrigkeitliche Aufzeichnungen als Quellen zeugen. Über die Praxis der Meistersinger in Oberösterreich sind wir wenig unterrichtet, es lassen die historischen Quellen nur Mutmaßungen zu (die sich in älteren literaturgeschichtlichen Darstellungen, die aus diesem Grund hier nicht angeführt werden, oft allzu unkritisch zur Gewissheit verdichtet haben). Hauptindizien sind die in mehreren Liedersammlungen überlieferten Meistergesänge selbst, die meistens mit Autorname, Orts- und Datumsangabe signiert werden, bisweilen auch mit dem Herkunftsort des Verfassers: "Zu Eferding durch Paulum Freudenlechner von Wellß den letzten tag aprilis gedichtet .. anno 1616" (Mitterschiffthaler 2007, 40), manchmal überdies mit Hinweis auf Schulbetrieb: "den Steyrer Singern zu ehren gedicht" (ebd.) oder "petter heyberger Nadler vnd ein liebhaber des deuttschen maistergsang zu steyer" (ebd., 51). Ein Lied von Lorenz Wessel überliefert die "Namen der meister singer zu steur", und seine "Tabulatur Vndt Ordnung der Singer In Steyer" blieb, vielleicht vor oder neben Puschmanns "Gründlichem Bericht" und der dort abgedruckten Tabulatur, die Grundlage des Steyrer Meistersangs.

Analog zum Wanderbetrieb des Handwerks ist der Meistersang international vernetzt, Hans Sachs (1494-1576) schreibt seine ersten Meisterlieder in Wels, Steyrer Meisterlieder werden in Nürnberg gesungen, der Nürnberger Schuhmachermeister Georg Hager (1552-1634) dichtet in Steyr. Der aus Görlitz stammende Adam Puschmann (1531/32-1600), "nach Hans Sachs der bedeutendste Meistersinger des 16. Jahrhunderts" (ebd., 48), ist eine wichtige Quelle des Meistersingerbetriebs, aber auch Beispiel für die Mobilität dieser Kunstübung: er soll in Wels und Eferding gesungen haben, bevor er nach Breslau ging und in Görlitz 1571 seinen Gründtlichen Bericht des Deutschen Meistergesangs publizierte. Paulus Freudenlechner (gest. 1616), der vielleicht in Wels geboren wurde, führte sein Weg nach Breslau, dann aber zurück nach Eferding. Die handschriftlich überlieferten Liedsammlungen dokumentieren in ihrem von weither gesammelten Bestand diese Vernetzung: Thomas Stromairs Gesangbüch Teudscher Maistergesang Aus Ald vnnd Newem Testament (ca. 1577) umfasst 126 Lieder, Freudenlechners umfangreiche Liederhandschrift 354 Lieder. Von Peter Heibergers (mindestens) sieben Liederhandschriften sind nur zwei erhalten.
Für Wels ist mutmaßlich 1587 der früheste Singschulbetrieb nachzuweisen (vgl. ebd., 38), das letzte Zeugnis überliefert 1600 eine Singschule, die der Nürnberger Kürschnergeselle Hans Haubmer gehalten hat; 1602 zog Freudenlechner nach Breslau. Eferding erscheint in der Datierung dreier Lieder Freudenlechners zwischen 1604 und 1616, sodass auch hier Meistersingerschulen vermutet werden dürfen (vgl. ebd., 58f.). Die reichste Dokumentierung der Meistersingerei gelingt trotz der "sehr dürftigen Quellenlage" (ebd., 43) für Steyr. Ein erstes Lied ist bereits 1542 in Steyr datiert, Puschmanns Abhandlung dürfte der Steyrer Singschule als Tabulatur gedient haben, die erste Singschule ist 1587 nachgewiesen (vgl. ebd., 56). Für den Zeitraum von 1599 bis 1624 sind sodann zahlreiche obrigkeitliche Genehmigungen von Singschulen überliefert, die als Festschulen um Ostern oder Weihnachten vermutlich im Rathaus veranstaltet wurden; die "gewöhnlichen" Singschulen fanden in der evangelischen Schulkirche oder in anderen Kirchen statt. Als jedoch die lutheranischen Prädikanten ausgewiesen, die Bücher konfisziert und verbrannt und die Kirchen den Katholiken zurückgegeben werden, erlischt auch der Sangbetrieb der Meister. Das Ende des oberösterreichischen Frühprotestantismus bedeutet zugleich das Ende des oberösterreichischen Meistersangs.

Franz Eybl

 

Puschmann, Adam: Gründtlicher Bericht des Deutschen Meistergesangs. Görlitz 1571. Hg. von Richard Jonas. Halle/S. 1888. - Ders.:  Gründtlicher Bericht des Deutschen Meistergesangs. 2 Bde. (mit den 3 Fassungen von 1571, 1584, 1596). Hg. von Brian Taylor. Göppingen 1984.

Hahn, Reinhard: "Die löbliche Kunst". Studien zu Dichtung und Poetik des späten Meistergesangs am Beispiel Adam Puschmans (1532-1600). Wroclaw 1984. - Mitterschiffthaler, Karl: Meistersang in Oberösterreich. In: Streifzüge 1. Beiträge zur oberösterreichischen Musikgeschichte. Hg. von Klaus Petermayr und Erich Wolfgang Partsch. Linz 2007, 25-60. - Ofner, Josef: Nikolaus Lindtwurm, Bortenschlager und Meistersinger zu Steyr. In: Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr 1955, H. 15, 24-28. - Trathnigg, Gilbert: Ein Meistersingerlied auf Leonhard Käsers Tod. In: Oberösterreichische Heimatblätter 7 (1953), 65-67 (Volltext: hbl1953_1_65-67.pdf). - Ders.: Die Welser Meistersinger-Handschriften. Untersuchungen zum Welser Meistersang. In: Jahrbuch des Musealvereines Wels 1954, 127-180.