Minna Kautsky

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Geb.am 11.6.1837 in Graz, gest. am 20.12.1912 in Berlin.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jh. eine der populärsten Schriftstellerinnen der Arbeiterbewegung. Ihr literarisches Schaffen lässt sich durch die Leitbilder "Sozialismus", "Darwinismus" und "Feminismus" - in der zeitgenössischen Diktion "Die Frauenfrage" - definieren.

Kautsky wurde als älteste Tochter des Dekorations- und Theatermalers Anton Jaich in Graz geboren. Die Familie übersiedelte 1845 nach Prag, wo sie die blutige Niederschlagung des tschechischen Freiheitskampfes im Zuge der Revolution von 1848 unmittelbar miterlebte. Im Alter von 14 Jahren begann Kautsky Theater zu spielen, z. B. am Prager Stadttheater und ab 1861 am böhmischen Landestheater. 1854 heiratete sie als Sechzehnjährige den akademischen Maler Johann Kautsky. Der Ehe entstammten drei Söhne und eine Tochter. Bedingt durch eine schwere Lungenerkrankung, musste sie das Schauspielengagement aufgeben. Die soziale Lage besserte sich erst, als Johann Kautsky eine Stelle am Wiener Hofburgtheater erhielt und die Familie nach Wien übersiedelte.

In die 1870er Jahre fiel ihre erste literarische Publikationstätigkeit. Erzählungen und Novellen, die vor allem Frauen und ihre standesmäßigen Rollenbilder zum Inhalt haben, wurden in der Neuen Welt, einem illustrierten sozialdemokratischen Unterhaltungsblatt, gedruckt. Ihre Akzeptanz als sozialistische Schriftstellerin begründete Kautsky durch den Roman Stefan vom Grillenhof, der das tragische Leben eines als Krüppel aus dem Krieg von 1866 heimkehrenden, hochbegabten Bauernsohnes thematisiert.

Von ihrem Sommerdomizil in St. Gilgen aus unternahm Kautsky 1878 eine Studienreise in das innere Salzkammergut, um die Verhältnisse der "Staatsarbeiter und Hausindustrie im Salzkammergut" persönlich kennenzulernen. Vorausgegangen war ein Briefkontakt mit Konrad Deubler (1814-1884). Deubler, Gründer eines Lesevereines in Hallstatt, kurzzeitig Bürgermeister und Schulreformer in Bad Goisern, Autodidakt und religiöser Zweifler, der sein Wissen aus Büchern und Briefkontakten mit David Friedrich Strauss (1808-1874), Ernst Haeckel (1834-1919) oder Ludwig Feuerbach (1804-1872) bezog und wegen Hochverrats und Religionsstörung vier Jahre lang in Kerkerhaft war, musste Minna Kautsky beeindruckt haben. In Hallstatt lernte sie auch den Salzarbeiter Josef Viertbauer kennen, seit rund zehn Jahren Obmann des Hallstätter Konsumvereins und politisch engagiert. Beide Männer, gleichsam als Geistespioniere in diesem abgeschlossenen Gebirgstal des inneren Salzkammerguts, faszinierten Kautsky und inspirierten sie zum Roman Die Alten und die Neuen (1884) sowie zur Fortsetzung Die Brandstatt (1889).
1904 übersiedelte Minna Kautsky zu ihrem Sohn Karl Kautsky (1854-1938), einem der führenden Theoretiker der Sozialdemokratie, nach Berlin.

Wolfgang Quatember

 

Madame Roland. Historisches Drama in fünf Acten. Wien 1878. - Stefan vom Grillenhof. Roman. 2 Theile. Leipzig 1881. - Herrschen oder Dienen. Roman. 2 Bde. Leipzig 1882. - In der Wildnis. Lustspiel in einem Aufzug, 1882 - Die Alten und die Neuen. Roman. 2 Bde. Leipzig 1885. - Victoria. Roman. 2 Theile. Zürich 1889. - Die Brandstatt. In: Österreichischer Arbeiterkalender 1889. - Sie schützt sich selbst. Lustspiel in vier Akten, 1892. - Helene. Roman in drei Büchern. Stuttgart 1894. - Die Eder-Mizi. Volksstück in 5 Acten. 1894. - Ein Maifesttag. In: Illustrierter Neue Welt Kalender 1907. - Im Vaterhause. Sozialer Roman. Nürnberg 1914 (zuvor: Die Neue Welt 1904). - Die Leute von St. Bonifaz. Nürnberg 1914 (zuvor: Die Neue Welt 1905).

Cella, Ingrid: Die Genossen nannten sie die "rote Marlitt". Minna Kautsky und die Problematik des sozialen Romans. In: Österreich in Geschichte und Literatur 25 (1981), 1-16. - Ertl, Eva: Minna Kautsky. Von den Anfängen weiblicher Literaturproduktion im Umfeld der sozialdemokratischen Bewegung. Salzburg 1989. - Friedrich, Cäcilia: Minna Kautsky. Beitrag zur Entstehungsgeschichte der sozialistischen deutschen Literatur, Reihe XII, Heft 12. Halle 1963, 1035-1045. - Dies.: Minna Kautsky. Auswahl aus ihrem Werk. Berlin 1965. -Dies.: Aus dem Schaffen früher sozialistischer Schriftstellerinnen. Berlin 1966. - Kunert, Marie: Unsere Toten. Minna Kautsky. In: Illustrierter Neue Welt Kalender. Hamburg 1914. - Münchow, Ursula: Neue Wirklichkeitssicht und politische Praxis. Sozialistische Literatur und Arbeiterinnenbewegung. In: Gisela Brinker-Gabler (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen. Bd. II. München 1988, 254-257. - Pimingstorfer, Christa: Zwischen Beruf und Liebe. Minna Kautsky und Lou Andreas-Salomé im Vergleich. In: Theresia Klugsberger, Christa Gürtler und Sigrid Schmid-Bortenschlager (Hg.): Schwierige Verhältnisse. Liebe und Sexualität in der Frauenliteratur um 1900. Stuttgart 1992, 43-56. - Quatember, Wolfgang: Erzählprosa im Umfeld der österreichischen Arbeiterbewegung. Von der Arbeiterlebenserinnerung zum tendenziösen Unterhaltungsroman (1867-1914). Wien, Zürich 1988, bes. 121-148. - Riesenfellner, Stefan; Spörk, Ingrid (Hg.): Minna Kautsky. Beiträge zum literarischen Werk. Wien 1996 (mit Beiträgen von Stefan Riesenfellner, Ingrid Spörk, Ingrid Cella, Christine Sunk, Eva Kok-Ertl, Werner Michler und Harald Troch). - Schmid-Bortenschlager, Sigrid; Schnedl-Bubenicek, Hanna: Österreichische Schriftstellerinnen 1880-1938. Stuttgart 1982. - Sunk, Christine: Minna Kautsky. Möglichkeiten einer sozialistischen Tendenzliteratur am Beispiel Die Alten und die Neuen. Univ. Dipl.-Arb. Salzburg 1990. - Weber, Lilo: "Fliegen und Zittern". Hysterie in den Texten von Theodor Fontane, Hedwig Dohm, Gabrielle Reuter und Minna Kautsky. Bielefeld 1996, bes. 96ff. - Zadek, Julie: Die Alten und die Neuen von Minna Kautsky. In: Die Neue Zeit 2 (1884). - Zetkin, Clara: Minna Kautsky. In: Die Gleichheit, 8/1913.