Mondseer und Lambacher Liederhandschriften

Manuskriptseite der Liederhandschrift, Cod. 2856 (Faks.), fol. 189v.; © Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

Die beiden Liederhandschriften der zweiten Hälfte des 15. Jh., die sich heute in Wien befinden, wurden über Jahrhunderte hinweg in oberösterreichischen Klöstern verwahrt und tragen deren Namen.

Die Mondseer (auch Mondsee-Wiener) und die Lambacher Liederhandschriften sind wichtige Überlieferungsträger der Werke des Mönchs von Salzburg, der als Dichter und Komponist in der zweiten Hälfte des 14. Jh. am Hofe des Salzburger Erzbischofs Pilgrim II. von Puchheim wirkte.

Die Mondseer Liederhandschrift wird nach ihren Aufbewahrungsorten vorwiegend als Mondsee-Wiener Liederhandschrift oder in älterer Literatur wegen des Besitzereintrags "Item das puech ist Peter Spörl 1472" (252v) als Spörl'sches Liederbuch bezeichnet. Bei dem Werk, das seit 1796 in der Österreichischen Nationalbibliothek unter der Signatur Cod. 2856 (ehemals Cod. Lunaelacensis f. 119) verwahrt wird, handelt es sich um den zweiten Teil einer Papierhandschrift von insgesamt 414 Blättern mit den Maßen 27,5 x 21 cm. Der erste Teil (fol. 1-165) enthält Rechtsbücher und -texte sowie eine Übersetzung der Historia trium regum (‚Legende von den Heiligen Drei Königen�??) des Johannes von Hildesheim (1310/20-1375), der zweite (fol. 166-284) ist das Liederbuch, im dritten Teil (fol. 285-414) findet sich das Buch der Natur des Konrad von Megenberg (1309-1374) in einer unvollständigen Abschrift. Diese drei Teile waren ursprünglich selbstständig, wurden aber wahrscheinlich schon im 15. Jh. zusammengebunden. Der von drei Händen auf Papier geschriebene Liederteil entstand etwa zwischen 1455 und 1470 vermutlich in einem Salzburger Skriptorium. Der Schreibdialekt ist bairisch, die Schrift eine Bastarda. Es findet sich auf Blatt 252v und 282v jeweils ein Besitzervermerk des Salzburger Goldschmieds Peter Spörl. Wahrscheinlich gelangte die Liederhandschrift noch vor 1500 zusammen mit drei weiteren Büchern aus Spörls Eigentum (heute Österreichische Nationalbibliothek, Codices 2870, 2953 und 3617) in die Benediktinerabtei Mondsee. Nach der josephinischen Klosterauflösung 1791 kam sie 1792 zuerst nach Linz, 1796 nach Wien.
Inhaltlich ist die Handschrift geprägt durch die Werke des Mönchs von Salzburg, des neben Oswald von Wolkenstein (1377-1445) wichtigsten deutschsprachigen Liederdichters des Spätmittelalters, der biografisch nicht näher fassbar ist, jedenfalls aber am Hofe des Erzbischofs Pilgrim II. (reg. 1365-1396) gewirkt hat. Von den insgesamt 100 Liedern werden 87 ihm zugeschrieben, davon sind 30 geistlich und 53 weltlich. Vier von diesen Liedern sind doppelt eingetragen. Für die weltlichen Lieder des Mönchs ist die Mondsee-Wiener Liederhandschrift die Hauptquelle. Die anderen Lieder stammen von verschiedenen Dichtern: sechs von Heinrich von Mügeln, zwei von Albrecht Lesch und je eines von Barthel Regenbogen, Peter von Arberg und dem pseudonymen Klingsor, zwei Meistergesänge sind anonym. Fast alle Lieder der Handschrift wurden mit Melodien in gotischer Choralnotenschrift oder schwarzer Mensuralnotation versehen.

Die Lambacher Liederhandschrift gehört seit 1830 zum Bestand der Österreichischen Nationalbibliothek unter der Signatur Cod. 4696 (ehemals M. cart. 251). Die 230 Blätter zählende Papierhandschrift mit den Maßen 21,3 x 14 cm besteht ebenfalls aus drei ursprünglich selbstständigen Teilen. Im ersten Teil (fol. 1-106) finden sich lateinische Traktate und eine Predigt, der zweite Teil (fol. 107-188) ist die Liederhandschrift, im dritten Teil (fol. 189-230) stehen kleinere, zumeist lateinische geistliche Texte. Der Liederteil wurde etwa um 1460-1480 in einem bairischen Schreibdialekt niedergeschrieben und befand sich, wie ein Signaturzettel am Einbandrücken belegt, schon im 15. Jh. in Lambach. Dort wurde er mit den übrigen Teilen zusammengebunden. Niedergeschrieben wurden die Lieder von einer Hand, der sich auch Teile der Mondsee-Wiener Liederhandschrift zuordnen lassen und die sich wahrscheinlich auch in den Niederschriften der Mönchslieder in den Codices Cgm 715 und 1115 der Bayerischen Staatsbibliothek wiederfindet. Das Liedcorpus umfasst 20 Werke des Mönchs von Salzburg - davon sind vier weltlich und sechzehn geistlich - sowie zwei Lieder Oswalds von Wolkenstein. Zu den geistlichen Liedern des Mönchs gehören neben Neuschöpfungen vor allem Übersetzungen von lateinischen Werken. Die beiden Wolkenstein-Lieder haben dieselben lateinischen Vorbilder wie zwei Mönchslieder und wurden diesen als konkurrierende Varianten gegenüber gestellt. In der Lambacher Liederhandschrift sind singulär das Martinslied Von sand Marteins frewden (168r) sowie der Martinskanon Ain Radel von drein stymmen (170v), der erste dreistimmige Kanon in deutscher Sprache, mit Melodie in schwarzer Mensuralnotation überliefert.

Manuel Schwembacher

 

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