Moritat

"Todten-Lied" (FL 42a, Nr. 58); © OÖ. Volksliedarchiv

Die Moritat, vermutlich von "Mordtat" abgeleitet, ist eine Sonderform des Bänkelsanges.

Sie erklang auf Jahrmärkten, Kirtagen und ähnlichen Veranstaltungen zur Unterhaltung der anwesenden Personen aber auch darum, um dem Vortragenden eine bescheidene Einkunft zu ermöglichen. Diebstähle, Morde und andere Verbrechen schilderte man in diesen Liedern meist in klischeehafter Schwarz-Weiß-Malerei. Der Täter wurde oft in plumpen und überaus detailnahen Versen als Träger allen Übels hervorgehoben, damit der Sieg der weltlichen und überirdischen Gerechtigkeit umso strahlender in den Vordergrund treten konnte. Die Sensationsgier der Zuhörer sollte, gepaart mit tugendorientierter Belehrung in strophenreichem Maß gestillt werden. Es ist offensichtlich, dass gerade in einer Zeit, in der nicht jeder des Lesens und Schreibens kundig war, eine solche Art der Nachrichtenvermittlung auf breite Resonanz stieß.

Die Vortragenden der Gesänge standen meist auf einem hölzernen "Bänkel" (daher die Bezeichnung "Bänkelsänger") und wiesen mit der Hand oder einem Stock auf eine hinter ihnen angebrachte Bildtafel, die in anschaulicher Weise die im Lied besungenen Geschehnisse darstellte. Begleitet wurden sie dabei von Drehleiern, Leierkästen oder ähnlichen Instrumenten.
Ein besonderes Privileg dieser Sänger war der Verkauf von Flugblättern, die neben einer ausführlichen Beschreibung der Mordtat auch sämtliche Strophen des Liedes enthielten und darüber hinaus oft mit passenden Illustrationen oder anhänglichen Tugendlehren und Gebeten aufwarten konnten. Diese Heftchen wurden von den Sängern direkt beim Drucker bestellt. Auf Hinrichtungslieder, die neben dem Tathergang mitunter auch Auszüge aus Verhör und Geständnis des Mörders enthielten, spezialisierten sich besonders die Verleger in jenen Städten, in denen die Prozesse stattfanden. Es verwundert nicht sonderlich, dass gerade aus Wien eine Vielzahl solcher Flugblätter erhalten sind. In Oberösterreich waren es in erster Linie Linz, SteyrWels und Ried/Innkreis, die als Druckorte für die Verbreitung  solcher Lieder sorgten.
Die meisten Flugblätter enthalten keine Melodien, doch wird oft der "Ton" genannt, auf dem die Texte zu singen sind. Dieser war in der Regel den Interessenten bekannt und verwies auf ein populäres Volkslied oder eine Ballade.

Für Oberösterreich konnte folgende Moritaten nachgewiesen werden:
(1) Ein Jahr geht nach dem andern. Beschreibung eines am 4.1.1886 in Wels vollzogenen Mordes. Der Name des Täters bleibt ungenannt.
(2) Ein traurig Schicksal ist geschehen. Beschreibung des am 4.6.1863 in Sigharting durch Franz Traxinger verübten Mordes.
(3) Es war auf einer Alpe. Undatierte Beschreibung eines Mordes auf einer Alm bei Kleinreifling.
(4) Folgt mir liebe Schwestern, Brüder. Beschreibung eines am 20.11.1859 durch Sebastian Ahamer in Vorchdorf verübten Mordes.
(5) Höret ihr die Sterbeglocke hallen. Beschreibung eines am 23.8.1814 in Eberschwang durch Anna Dopf verübten Mordes.
(6) Ihr Freunde seid ein wenig still. Beschreibung eines im Jahre 1857 in Au bei Wels von Johann Sch. verübten Mordes.
(7) Kaum zur Freude aufgeblühet. Beschreibung eines im Dezember 1856 in Radt durch einen gewissen O. verübten Mordes.
(8) Liebe Leute, lasst mich singen. Beschreibung eines am 1.3.1855 durch Johann Aschböck in Hochholz verübten Mordes.
(9) Lieber Mann, ich will dich bitten. Beschreibung eines um 1811 in Hagenau verübten Mordes. Der Name des Täters bleibt ungenannt.
(10) Merket auf mir in der Still. Beschreibung eines um 1846 in Baum bei Seewalchen durch Johann Ebelsberger verübten Mordes.
(11) Mit welch einem Bösewichte. Beschreibung eines 1826 in der Nähe von Mauerkirchen durch Matthias Z. verübten Mordes.
(12) Mörgts a wenig af, ja meinö liam Kamarad'n. Nicht näher bestimmbare Beschreibung eines 1863 in Schildorn verübten Mordes.
(13) Niemand ist, der es kann wissen. Beschreibung eines am 14.9.1817 in Aigen bei Wels verübten Mordes. Der Täter bleibt ungenannt.
(14) Schauerlich ertönt die Kunde. Beschreibung eines am 21.3.1868 in Braunau durch Josef Knapp verübten Mordes.
(15) Was in Steinbach sich begeben. Beschreibung eines durch Vitus D. in Steinbach/Steyr vermutlich 1857 verübten Mordes.
(16) Wer in seinen jungen Jahren. Alternative Beschreibung des im Jahre 1857 in Au bei Wels von Johann Sch. verübten Mordes.
(17) Wie verblend't lebt man auf Erden. Alternative Beschreibung des um 1846 in Baum bei Seewalchen durch Johann Ebelsberger verübten Mordes.
(18) Zu Steinbach im friedlichen Orte. Beschreibung eines am 3.3.1819 in Steinbach/Steyr durch einem gewissen Ribeth verübten Mordes.

Die Verfasser der Texte blieben durchwegs unbekannt. Für Oberösterreich konnte lediglich ein Autor mit Bestimmtheit nachgewiesen werden: Josef Wirringer oder Wieringer, "Hausbesitzer" in St. Martin/Innkreis. Er lässt sich zwei Mal als Dichter von Moritaten verifizieren (Nr. 14 und 6). Über seine Biografie ist nichts bekannt. Auch bei der sogenannten "Grilleneder-Morritat" (Nr. 2), können nur Vermutungen über den Autor angestellt werden. In Frage kämen der nicht näher bekannte "blinde Bua", der noch um 1900 in der Region als Bänkelsänger unterwegs war, oder der sogenannte "Bernrader", welcher im Innviertel als wandernder Maler von Haus zu Haus zog.

Erscheinen die Texte der Moritaten gegenwärtig als nicht mehr zeitgerecht oder unbrauchbar, verdienen sie dennoch Aufmerksamkeit, da sie den Alltag vergangener Tage auch aus regionalhistorischer, sozio- und ethnologischer Sicht beleuchten. Zudem ist der direkte örtliche Bezug, der anderen Liedern oft fehlt, Anreiz für eine intensivere Beschäftigung.

Klaus Petermayr

 

Bortenschlager, Wilhelm: Innviertler "Moritaten"-Literatur und Richard Billinger. In: VASILO (= Vierteljahresschrift des Adalbert-Stifter-Institutes) 28 (1979), 123-129. - Holzinger, Fritz: Der "Wiemmeder Giftmord". In: Beiträge zur Heimatkunde des Bezirkes Schärding 3 (1912), 98-104. - Meindl, Konrad: Geschichte der Stadt Ried im Innkreis. München 1899. - Petermayr, Klaus (Hg.): Schauerlich ertönt die Kunde. Moritaten aus Oberösterreichischen Quellen. 2. Aufl. Linz 2005. - Petzold, Leander: Bänkelsang. In: Handbuch des Volksliedes. Hg. von Rolf Brednich, Lutz Röhrich und Wolfgang Suppan. München 1973ff., Bd. 1 (Die Gattungen des Volksliedes), 235-291. - Ruttmann, Rupert: Der blutige Fronleichnam 1863 in Sigharting oder Die Grilleneder-Moritat. In: Die Heimat. Heimatkundliche Beilage der Rieder Volkszeitung 256 (1981), 4. - Salzmann, Aubert: Das Osternacher-Lied. In: Jahrbuch des Welser Musealvereines 9 (1962/63), 178-180. - Schmidt, Leopold: Einige Welser Flugblattlieder. In: Jahrbuch für Volksliedforschung 9 (1964), 95-103.