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Most

Most ist, "wie beinahe alle wörter des weinbaues", ein Lehnwort aus dem Lateinischen (vinum mustum: junger Wein), das sehr früh ins Westgermanische gelangte. So ist schon im Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm (1885) zu lesen, und das zeigt das Doppelleben dieses Getränks.

"Unvergorener Traubensaft", lautet in allen Wörterbüchern die erste Definition, und das ist der Innviertler Most ganz bestimmt nicht. Martin Luther kennt in der Übersetzung des Hohelieds (8,2) den "Most meiner Granatäpfel", im Innviertel aber ist er aus Mostäpfeln und -birnen. Most hat die Eigenschaft, sich in unterschiedlichster Gestalt in die unterschiedlichsten Regionen als ihnen eigen einzuschreiben, was auch für die Redewendung "Wo der Bartel den Most holt" zutrifft. Die gilt wechselweise als schwäbisch (Heimat des Apfelweins), bayerisch oder eben österreichisch. Das zeigt allerdings nur die Neigung der Halbwelt zu grenzüberschreitender Aktion, denn die Redewendung kommt aus der Gaunersprache: "Barsel" ist ein altes jiddisches Wort für Stemmeisen, "Moos" bedeutet Geld; "wo der Bartel den Most holt" heißt also, wissen, wie man mit dem Stemmeisen an Geld kommt.

Im Innviertel jedenfalls gehört zu jedem Bauernhaus ein Mostbirnbaum; seine Silhouette ist schon aus großer Ferne unverkennbar, sie markiert weithin sichtbar die Sehnsucht nach Ankommen und das Versprechen auf Rast. Nicht weniger landschaftsprägend sind die schmalen, wellig das Land durchziehenden Wege, wiewohl mittlerweile fast durchgängig asphaltiert, die von zerzausten Mostapfelbäumen gesäumt sind. Allee ist eindeutig kein Wort, das zu ihrer bodenständigen Strubbeligkeit passt. Mostobstbäume haben wenig gemein mit Pappeln oder Linden - die haben allerdings den Vorteil, dass sie gegenwärtig nicht flächendeckend vom Feuerbrand bedroht sind.

Bäume, die eine Landschaft so weithin sichtbar prägen, hinterlassen auch ihre Spuren in der Literatur der Region. In Oberösterreich ist das fast staatstragend der Fall: Franz Stelzhamers Landeshymne s'Hoamatg'sang hat gleich zwei, allerdings selten gesungene Strophen vorzuweisen, in denen der Most einen Auftritt erhält und auch die ihm inhärente Problematik angesprochen wird: "Dein Hitz is nöt z'grimmi, / Nöt z'groaß is dein Frost, / Ünsa Traubben haißt: Hopfen, / Ünsan Wein nennt ma: Most. // Und zum Bier und zum Most / Schmöckt a kräftige Kost, / Und dö wachst oli Jahr, / Mit da Noath hads kain Gfahr!" Selbstbewusst wird hier der Most als der "bessere" Wein besungen und implizit auf seinen etwas mehr zum Sauren tendierenden Geschmack hingewiesen, der verdauungstechnisch nach einer "kräftigen", also deftigen Kost verlangt. Übersetzt heißt das: Als einfacher Haustrunk war mit dem Most lange kein Staat zu machen, während die aktuelle Biowelle, die den Sinn für das Natürliche wieder etwas schärfte, mit den deftigen Begleitspeisen so ihre Probleme hat. Trotzdem, imagemäßig ist es dem Most wahrscheinlich schon schlechter gegangen.

Der Weltreisende Christoph Ransmayr, selbst gebürtiger Oberösterreicher aus Wels, hat in seiner Essaysammlung Der Weg nach Surabaya (1997) dem Most ein liebevolles Denkmal gesetzt. Die vergorene Heimat. Ein Stück Österreich ist der Titel der Reportage, allerdings ist damit das niederösterreichische Mostviertel gemeint und Oberösterreich kommt nur in einem dieser "Gewiss"-Halbsätze vor, die keine Fortsetzung finden: "Gewiß, auch [...] im benachbarten Oberösterreich, ist das Land im Frühjahr weiß bewölkt von der Blüte der Mostobstbäume; auch dort bückt man sich im Herbst nach den unter jedem Schritt knirschenden Teppichen aus Fallobst [...]. In kaum einem anderen Landstrich aber haben die Kellerbaumeister, Steinmetze, Pressenzimmerer und Korbflechter und alle, die an der Kultivierung dieses herben Getränkes Arbeit fanden, einprägsamere Zeichen hinterlassen als im Mostviertel." (Ransmayr 1997, 43f.) Diese Aussage hielte möglicherweise einer Überprüfung in oberösterreichischen Mostregionen wie dem Innviertel oder der Gegend rund um Scharten bei Eferding nicht stand; einiges dazu ist nachzulesen in Alois Brandstetters Erzählung Almträume (1993), die Gerätschaften wie Brauchtum rund um die reiche oberösterreichische Mostkultur in einem weit ausholenden "Vergangenheitslob" zumindest in die Lesergegenwart rettet. Schließlich war es auch in Oberösterreich, wo 1981 Dora Dunkls (1925-1982) schmales poetisches Loblied auf den Mostbirnbaum als illustrierter Prachtband erschien. Möglicherweise sind Mostobstbäume einfach leichter (foto-)grafisch einzufangen denn lyrisch; auch die Anthologie Mostalgie. Loblied an die Most/baum/kultur (1997) lebt zu einem Teil von den suggestiven Holzschnitten Karl Herndlers - vielleicht ist es sogar so, dass die Holzschnittkunst in Oberösterreich (etwa bei Hans Plank) vom bizarren Wuchs der Mostobstbäume eine besondere Inspiration erfuhr. 

Wie reich die oberösterreichische Mostkultur einst war, beschreibt auch Franz Kain in seinen Büchern immer wieder. "Jedes Wirtshaus hatte einen anderen Most: [...] Der gelernte Mosttrinker erkennt das Getränk schon an seinem Geruch. Und nicht nur an dem Geruch im Glas, sondern auch sonst. Wer bei den Pissoirs vorbeigeht, der merkt noch am Dunst, welcher Most hier ausgeschenkt wird: Birnen, Apfel oder Mischling", heißt es in seinem Roman Am Taubenmarkt (1991, 385). Wenn Kain ein Thema am Herzen liegt, teilt er auch im Romanzusammenhang die dazugehörigen Fakten mit: 1991, als er seinen Roman schrieb, standen in Oberösterreich noch rund 1,4 Millionen Mostobstbäume bei 1,1 Millionen Einwohnern, während das Verhältnis Mensch - Baum früher bei eins zu drei lag. Im Anschluss an diese Feststellung spielt Franz Kain jene Passage aus Anna Seghers Roman Das siebte Kreuz (1942) ein, wo "der entflohene und gehetzte Häftling Georg Heisler in einem schattigen Gastgarten einen Most trinkt und die Kellnerin, die sein Schicksal ahnt, ihn vorsorglich fragt, ob er nicht ein zweites Glas trinken möchte". In dieser Szene steigt für Franz Kain viel mehr auf als "der würzige Duft des hellen Getränks". (ebd.)

Heute bücken sich im Herbst nicht mehr allzu viele oberösterreichische Mostbauern nach den Mostäpfeln und -birnen, die immer noch das ganze Land, dort, wo es noch Land ist, mit einem charakteristischen Duft überziehen. Deshalb haben viele der Texte über den Most und seinen Baum heute einen nostalgischen Hauch. Most ist Teil der Kindheitserinnerungen: "Piperlmost trinken", wie es Franz Blaas in seinen Kindheitserinnerungen Omas kleine Erde (1995) beschreibt, und die dazu gehörenden Schwärme von Wespen und Hornissen abwehren oder mit Salmiakgeist die Stiche versorgen. Der Mostobstbaum ist unverzichtbarer Bestandteil aller Abgesänge auf das oberösterreichische Dorf und seine einstige Struktur. "Speckbirn" heißt eine poetische Miniatur in Richard Walls (geb. 1953) Prosasammlung Sommerlich Dorf. Vom schöneren Leben auf dem Lande (1992). Einer der dichtesten Texte zum Thema ist Franz Riegers Roman Feldwege (1976). Der noch gar nicht alte Fuchs wird hier durch eine Lungenkrankheit aus seinem bäuerlichen Leben herausgerissen. Als in einer klaren, völlig windstillen Winternacht ein alter Mostbirnbaum einfach umfällt, der seit undenklichen Zeiten eine Orientierungsmarke in der Landschaft war, wird ihm das zum Symbol - so wie auch der Umgang mit all den anderen Mostobstbäumen. Sie stehen den neuen Fahrwegen im Weg, oder der Grund soll den Feldern zugeschlagen werden. In der heutigen Zeit, so der noch aktive Bauer, seien alle diese Bäume überaltert, deshalb setzte die Landwirtschaftskammer Prämien aus für jeden gerodeten überalterten Baum, der auf nutzbarem Grund stand. Die Mostbirnbäume auf der Hochfläche erledigt dann der Caterpillarführer in der Mittagspause gegen ein Trinkgeld. Mit den mühelos beseitigten Baumzeilen, so beobachtet der aus den ländlichen Verwertungszusammenhängen herausgefallene Fuchs, beginnt auch das "Sterben der Feldwege" (Rieger 1976, 140), die heute, wo das noch möglich und wo der örtliche Tourismusverband interessiert ist, zum Teil als (Rad-) Wanderwege rekonstruiert werden.

Aber natürlich lebt der Most nach wie vor - das hat das oberösterreichische Volksmusik-Duo Attwenger schon mit seinem zweiten Album bewiesen, das den schlichten Titel Most (1991) trägt. Und so lebt auch das Klischee vom sturen oberösterreichischen Mostschädel weiter. Das beruht laut Klaus Nüchtern (geb. 1961), einem gebürtigen Linzer, allerdings auf einer prinzipiellen Fehleinschätzung, denn seinem "Wesen nach ist der Oberösterreicher einer, der auf dem Bankerl in der Sonne sitzt, dem Aufklatschen der Mostbirnen lauscht, wohlwollend aufs wiederkäuende Vieh sieht, deren Fürze an sich vorbeistreichen lässt und hin und wieder einen Schluck nimmt", so Nüchterns Klarstellung mit dem überzeugenden Titel The Oberösterreicher Strikes Back (Nüchtern 2001, 51).
Eine der schönsten poetischen Formulierungen stammt von einem Autor, den man schwer nach Oberösterreich eingemeinden kann - wiewohl er viele Jahre im benachbarten Bayern, in München, gelebt hat: Die Birnen läuten im Chorgestühl der Baumkirchen ist der Titel eines Gedichts des aus Crossen an der Oder gebürtigen Alfred Henschke alias Klabund (1890-1928), das wie für einen Innviertler Mostbirnbaum geschrieben scheint.

Evelyne Polt-Heinzl

 

Blaas, Franz: Omas kleine Erde. Eine Art Roman. Linz 1995. - Brandstetter, Alois: Almträume. Eine Erzählung. Salzburg 1993. - Dunkl, Dora: Loblied auf den Mostbirnbaum. Linz 1981. - Kain, Franz: Am Taubenmarkt. Damaskus. Roman. Weitra 1991. - Mostalgie. Loblied an die Most/baum/kultur. Gaspoltshofen 1997. - Nüchtern, Klaus: Rain On My Crazy Bärenfellmütze. Wien 2001. - Ransmayr, Christoph: Der Weg nach Surabaya. Reportagen und kleine Prosa. Frankfurt/Main 1997. -  Rieger, Franz: Feldwege. Roman. Wien 1976. - Wall, Richard: Sommerlich Dorf. Vom schöneren Leben auf dem Lande. Miniaturen. Variationen. Spaziergänge. Weitra 1992.