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Nibelungenbrücke

Bau der Nibelungenbrücke, 1941; © Archiv der Stadt Linz

Die 250 m lange und 30 m breite Nibelungenbrücke in Linz spannt sich in Nord-Süd-Richtung über die Donau und verbindet die Stadtteile Innenstadt und Urfahr.

Sie ist die westlichste Linzer Brücke und ihr Standort ist der älteste (und lange Zeit einzige) Brückenstandort der Stadt. Schon ab 1501 gab es an dieser Stelle eine Holzbrücke, zu deren Bau Kaiser Maximilian I. am 3. März 1497 brieflich die Erlaubnis erteilt hatte. Seit 1832 führen Gleise über die Brücke, es waren zunächst die der Pferdeeisenbahn Budweis-Linz-Gmunden (Gmunden), heute sind es zwei Straßenbahngleise, sechs Fahrspuren und zwei Trottoirs. 1869 wurde mit der Errichtung einer Stahlbrücke begonnen, deren Kapazität sich bald als zu gering erwies. Erst nach dem "Anschluss" kam es zu einem Neubau, der dann freilich zügig durchgeführt wurde. Schon am 13. März 1938 soll ihn Adolf Hitler selbst dem Bürgermeister seiner "Patenstadt", Josef Wolkerstorfer, versprochen haben. Der Entwurf der Architekten Karl Schaechterle und Friedrich Tamms wurde im Sommer 1938 genehmigt, im September begannen die Bauarbeiten unter der Leitung des Linzer Baumeisters Werner Sarlay. Fertiggestellt wurde die noch heute bestehende, auf zwei Betonpfeilern ruhende Stahlkonstruktion 1940. Hitler war es auch, der der Brücke den Namen gab. Er soll an den Zug der Nibelungen erinnern, der sie von Worms her die Donau entlang bis zur Etzelsburg in Ungarn führte, wo sie - wie es Kriemhilds Rachepläne für Siegfrieds Ermordung wollten - den Untergang fanden.

Die Namengebung ist aus mehreren Gründen deplatziert und zeugt von beträchtlichem literarischem Unverstand. Erstens wird Linz im Nibelungenlied weder beim Zug der Burgunden/Nibelungen noch bei den anderen Fahrten zwischen Worms und Etzelsburg erwähnt. Zweitens haben die Nibelungen bereits im bayerischen Mehring über die Donau gesetzt, dort also, wo sie es als Fluss viel bequemer erlaubt denn in Linz als Strom. Nicht weniger unpassend war die Auswahl der Granitstandbilder, die Bernhard Graf Plettenberg anfertigen sollte (sie wurden nicht realisiert, zwei Gipsmodelle kamen aber anlässlich eines "Führerbesuchs" schon während des Baus zur Aufstellung): An den Ecken der Brückenköpfe sollten vier 6,5 Meter hohe Reiterskulpturen von Siegfried und Kriemhild, Gunther und Brünhild postiert werden, an den Treppen auf Urfahraner Seite außerdem zwei Statuen Hagens und Volkers. Siegfried und Brünhild lässt das Epos nun aber nicht einmal an Linz vorbeiziehen, denn der eine ist längst tot, die andere bleibt zu Hause in Worms. Schließlich ist die Benennung einer Brücke nach den Nibelungen grundsätzlich verfehlt, weil sie eben nicht zurückkehren, für sie errichtete Brücken wären also verschwendete Mühe. Indes sollten die historischen Ereignisse gerade in diesem Punkt eine schaurig-ironische Beziehung stiften.
Alles in allem zeugt Hitlers Namengebung ähnlich wie Hermann Görings berüchtigte "Nibelungenrede" nach der Niederlage in Stalingrad von einem mehr als schiefen ideologischen Gebrauch, der weniger ein dunkles Potenzial des Textes als ein ästhetisches Unvermögen, eine Leseunfähigkeit der Genannten preisgibt.

Nibelungenbrücken gibt es im Übrigen noch in Worms, hier vom literarischen Schauplatz her um vieles passender und natürlich über den Rhein führend (1895-1900 als "Ernst-Ludwig-Brücke" errichtet, 1945 von deutschen Pionieren gesprengt, 1950-1953 als "Nibelungenbrücke" wieder aufgebaut; eine parallel geführte "neue Nibelungenbrücke" wurde 2008 fertiggestellt) und in Regensburg (1935-1938 sinnigerweise als "Adolf-Hitler-Brücke" erbaut, 1945 ebenfalls gesprengt, 1950 wiederhergestellt, 2001-2004 durch einen Neubau ersetzt); seit Ende 2007 befindet sich im Tullnerfeld bei Traismauer eine Brücke in Bau, für die der Name "Nibelungenbrücke" überlegt wird (geplante Fertigstellung Ende 2010); er wäre zumindest nicht völlig unsinnig, weil Traismauer und Tulln im Epos wenigstens erwähnt werden; bei Regensburg ließe sich hingegen ähnlich diskutieren wie im Falle von Linz, wo freilich noch der Nachteil des dubiosen Paten hinzukommt.

Manfred Kern

 

Krüger, Peter: Etzels Halle und Stalingrad. Die Rede Görings vom 30. 1. 1943. In: Joachim Heinzle u. a. (Hg.): Die Nibelungen. Sage - Epos - Mythos. Wiesbaden 2003, 375-403. - Mayrhofer, Fritz: Die "Patenstadt des Führers". Träume und Realität. In: Fritz Mayrhofer und Walter Schuster (Hg.): Nationalsozialismus in Linz. 2 Bde. Linz 2002. Bd. 1, 327-386. -Schuster, Walter u. a. (Hg.): Nationalsozialismus. Auseinandersetzung in Linz. 60 Jahre Zweite Republik. Linz 2005, 25-85. - Sarlay, Ingo: Hitlers Linz 1938-1945. Die Stadtplanung von Linz an der Donau 1938-1945. Kulturelle und wirtschaftliche Konzeptionen, Planungsstellen und Wirtschaftspläne. Diss. (masch.) Universität Graz 1985. - Schuster, Walter: Adolf Hitler und Linz. In: Fritz Mayrhofer und Walter Schuster (Hg.): Bilder des Nationalsozialismus in Linz. Linz 1997, 11-27. - Kirchmayr, Birgit (Hg.): "Kulturhauptstadt des Führers". Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich; ein Projekt der Oberösterreichischen Landesmuseen in Kooperation mit Linz 2009 KulturhauptstadtEuropas. Linz 2008.

 

Internet-Quellen (zusammengestellt von Andrea Essl, Stand: 22.-26.10.2008)