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Nikolaus Lenau

© Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

(d. i. Franz Nikolaus Niembsch, Edler von Strehlenau). Geb. 13.8.1802 in Csatád (heute: Lenauheim, Rumänien), gest. 22.8.1850 in Oberdöbling (Wien).
Von melancholischem Weltschmerz und rastloser Suche erfüllt, aber auch mit dem deutlichen Bekenntnis zu Humanität und Freiheit ist Lenaus Lyrik die bedeutendste des Vormärz und Biedermeier in Österreich.

Geboren im südungarischen Csatád als Sohn eines k.k.-Beamten, der bereits 1807 verstarb, wuchs Lenau zunächst unter materiell schwierigen Verhältnissen und dem prägenden Einfluss seiner Mutter auf. Dabei genoss der Junge, der 1818 zu seinen wohlhabenden Großeltern nach Stockerau bei Wien übersiedelte, eine gute Schulausbildung. Er begann verschiedene Studien (Philosophie, Landwirtschaft, Recht und Medizin), die er jedoch nie zu Ende führte. Der Tod der Großmutter brachte ihm 1830 ein beträchtliches Erbe von 10.000 Gulden und ermöglichte Lenau ein finanziell unabhängiges Leben, das er von nun an seiner eigentlichen Leidenschaft, der Poesie, widmen konnte. Um diese Zeit erschienen bereits erste Gedichte in Almanachen und Zeitschriften (u. a. Aurora, Morgenblatt für gebildete Stände). Sie sind v. a. um den Themenkreis Liebes- und Natursehnsucht angesiedelt, rekurrieren oftmals auf das ‚Herbst‘-Motiv, reflektieren aber nicht zuletzt auch die politischen Verhältnisse der restaurativen Metternich-Zeit, mit deren Zensur Lenau in Konflikt geriet.

Wichtig wurde die Begegnung mit dem schwäbischen Dichterkreis (v. a. Justinus Kerner, 1786-1862; Karl Mayer, 1786-1870; Gustav Schwab, 1792-1850 und Ludwig Uhland, 1787-1862). So reiste Lenau oft nach Deutschland, wo er die freundschaftlichen Kontakte pflegte. In der renommierten Cotta'schen Verlagsbuchhandlung fanden seine Gedichte eine breite Wirkung. Von der von großen Erwartungen erfüllten Amerika-Reise, die Lenau im Herbst 1832 antrat (Aufenthalt u. a. in Indiana), kehrte er im Sommer 1833 enttäuscht zurück. Das Land und seine Bewohner erschienen ihm "tot für alles geistige Leben" (Lenau 1959, 845; Brief an Anton Xaver Schurz, 16.10.1832), weniger frei und kultiviert, als er sich das erhofft hatte.

Bis zuletzt führte er ein von Wanderschaft, Sehnsucht und Liebesschmerz erfülltes Leben, das ihn mit Wien als Lebensmittelpunkt zwischen verschiedenen Orten, darunter auch in Oberösterreich, umhergetrieben hat. Zwischen 1830 und 1841 verbrachte Lenau wiederholt einige Wochen v. a. im Sommer in Gmunden (Freundschaft mit dem dichtenden Saline-Verwalter Matthias Leopold Schleifer, 1771-1842; Begegnung mit Nanette Wolf), Hallstatt und Bad Ischl. Dort traf er sich mit seiner großen, jedoch unerfüllten Liebe  Sophie von Löwenthal (1810-1889), die mit dem ebenfalls dichtenden und mit Lenau befreundeten Beamten Max von Löwenthal (1799- 1872) verheiratet war.
Die Natur des Salzkammerguts bildete die reale Vorlage für viele Gedichte (u. a. Der schwarze See, An die Alpen, Der Laudachsee, An den Ischler Himmel im Sommer 1838). In Bad Ischl hat Lenau 1840 seine Faust-Dichtung (1836) für eine Neuauflage bearbeitet, im Jahr darauf das Versepos Die Albigenser (1842) weitgehend vollendet. Ähnlich wie im Zyklus Savonarola (1837) beschäftigt sich Lenau hier mit dem Konflikt des nach individueller Freiheit strebenden Menschen innerhalb der religiösen Gemeinschaft, noch deutlicher ist seine Kritik an der gesellschaftlichen Ordnung (Klerus, Absolutismus) sowie am Christentum an sich, dem ein positiver Naturbegriff sowie der Drang nach Veränderung gegenüber gestellt wird.
1844 erlitt der rastlose und gesundheitlich angeschlagene Dichter einen Schlaganfall, dem der psychische Zusammenbruch folgte, sodass er die letzten Lebensjahre in "Wahnsinn" und "geistig umnachtet" in Nervenheilanstalten verbrachte.

Unbestritten bis heute ist die Bedeutung seines Werks, das meist zu einseitig unter den Aspekten der spätromantischen Naturdichtung und Melancholie betrachtet wurde. Bereits zu Lebzeiten wurde Lenau von Dichterkollegen wie Anastasius Grün (1806-1876) - er bearbeitete und edierte Lenaus Nachlass -, Theodor Fontane (1819-1898) und Gottfried Keller (1819-1890), später von Friedrich Nietzsche (1844-1900) geschätzt. Eine wechselseitige kritische Rezeption fand zwischen Lenau und Franz Grillparzer (1791-1872) statt, viele Gedichte wurden vertont (u. a. von Franz Liszt, Robert Schumann, Richard Strauss).

Bernhard Judex

 

Werke und Briefe. Hg. von Hermann Engelhard. Stuttgart 1959. - Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hg. von Helmut Brandt u. a. Wien 1989ff.

Eke, Norbert Otto; Skrodzki, Jürgen: Lenau-Chronik. 1802-1851. Wien 1992. - Gibson, Carl: Lenau. Leben-Werk-Wirkung. Heidelberg 1989. - Grün, Anastasius: Nikolaus Lenau. Lebensgeschichtliche Umriße. Stuttgart 1885. - Hammer, Jean-Pierre: Nikolaus Lenau. Dichter und Rebell. Schwaz 1993. - Härtling, Peter: Niembsch oder der Stillstand. Eine Suite. Stuttgart 1964. - Heinecke, Gudrun (Hg.): Nikolaus Lenau heute gelesen. Wien 2000. - Lachinger, Johann: Das "schrecklich schöne" Salzkammergut. Idylle und Dämonie einer Landschaft bei Stifter und Lenau. In: Vierteljahresschrift des Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich 41 (1992), H. 1/2, 41-50. - Lenau-Jahrbuch. Hg. von der Internationalen Lenau-Gesellschaft (seit 1996; 1970-1995: Lenau-Forum). - Mádl, Antal: Auf Lenaus Spuren. Beiträge zur österreichischen Literatur. Budapest, Wien 1982. - Ritter, Michael: Zeit des Herbstes. Nikolaus Lenau. Biografie. Wien, Frankfurt/Main 2002. - Roček, Roman: Dämonie des Biedermeier. Nikolaus Lenaus Lebenstragödie. Wien u. a. 2005. - Schmidt-Bergmann, Hansgeorg: Nikolaus Lenau. Zwischen Romantik und Moderne. Wien 2003.