Norbert Hanrieder

Aufnahme um 1898, © Adalbert-Stifter-Institut / StifterHaus

Geb. 2.6.1842 in Kollerschlag, OÖ; gest. 14.10.1913 in Linz.
Einer der wichtigsten Mundartdichter in OÖ.

Norbert Hanrieder, von 1874 bis zu seinem Tod Pfarrer in der Mühlviertler Gemeinde Putzleinsdorf, ab 1906 Dechant von Sarleinsbach, gilt nach Franz Stelzhamer als bedeutendster Mundartdichter Oberösterreichs, besonders auf dem Gebiet der epischen Dichtung. Zudem war er mit Georg Weitzenböck Mitherausgeber der Mundartdichtungen Stelzhamers (1897 bzw. 1899/1900) in der vom Stelzhamerbund verlegten Reihe "Aus dá Hoamát". Hanrieder verfasste aber auch zahlreiche Erzählungen, Gedichte und Epigramme in Standardsprache, die jedoch zum Teil erst postum veröffentlicht wurden. Darüber hinaus setzte er sich für die Gründung der katholischen Wochenzeitung Mühlviertler Nachrichten (1893) ein und gemeinsam mit dem Lembacher Richter Moritz Scheibl für die Errichtung der Ameisbergwarte (1903); außerdem war er Mitbegründer der Raiffeisenkasse Putzleinsdorf (1889). Das sind nur einige Beispiele für Hanrieders weitgespannte kulturelle und wirtschaftliche Aktivitäten. In der kommentierten dreibändigen Werkausgabe, die von der Hanrieder-Gemeinde Putzleinsdorf herausgegeben wurde, ist der Großteil seines literarischen Œuvres zugänglich.

Hanrieder wuchs im Mühlviertel auf und war insofern von Kindheit an mit dem Mühlviertler Idiom vertraut. Sein Vater Josef Anton war Wundarzt und Hausbesitzer in Kollerschlag, seine Mutter Franziska (geb. Ecker) Hebamme und, wie damals üblich, Hausfrau und Mutter. So problematisch sein Verhältnis zu seinem Vater war - immer wieder ist die Rede von dessen großer Gefühlskälte, unter der v. a. Hanrieders Mutter zu leiden hatte -, so verbunden war er seiner Mutter, die er 1874, drei Jahre nach dem Tod des Vaters, zu sich in den Pfarrhof von Putzleinsdorf holte. Hanrieder kam aufgrund seiner Gesangsbegabung und Musikalität - auch sein Vater war als Sänger und Geiger begehrt - mit neun Jahren zu den Sängerknaben ins Zisterzienserstift Wilhering. 1855 wechselte er in das Staatsgymnasium Linz, besuchte ab 1863, dem Wunsch der Mutter folgend, aber auch aus eigener Überzeugung das Priesterseminar und wurde 1866 von Bischof Franz Josef Rudigier, dem Initiator des Linzer Mariä-Empfängnis-Doms, zum Priester geweiht. Nach einigen Stationen als Kaplan in Losenstein (Ennstal), Peilstein und Sarleinsbach (Mühlviertel) wurde ihm die Pfarre Putzleinsdorf übertragen.
Ähnlich wie bei Stelzhamer waren die Studentenjahre vom Erleben heftiger Liebesgefühle und ständiger Geldnot, Folge eines geselligen Lebensstils (Hanrieder war Mitglied der deutschnationalen Burschenschaft Germania), geprägt. Die Welthaltigkeit seiner literarischen Texte hat vermutlich auch mit diesem Umstand zu tun.

Wie viele bedeutende Mundartdichter mit humanistischem Bildungshintergrund (u. a. P. Maurus Lindemayr, Franz Stelzhamer) schrieb Hanrieder zunächst in hochdeutscher Sprache. Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte er Das Lied vom Hopfen (1884) und Die Gallinade (1902), ein Epos in antikem Versmaß, sowie Erzählungen mit kulturkämpferischem Impetus wie Der Teufel auf Besuch in Krähwinkel (1869), Ausnehmergeschichten (1874) und Geistlichkeit und Aberglaube (1889) im Linzer Volksblatt bzw. in einschlägigen Kalendern. Hanrieder war auch Mitarbeiter der 1894 von Friedrich Pesendorfer gegründeten Dombauzeitschrift Ave Maria. Erst nach seiner berufsbedingten Rückkehr ins obere Mühlviertel dichtete er zunehmend im Dialekt der Region.
Als mundartliche Hauptwerke gelten die Mühlviertler Máhrl, eine originelle poetische Topografie - sie erschienen 1895 unter dem Titel Bilder aus dem Volksleben des Mühlviertels -, und Der Oberösterreichische Bauernkriag (1907, 1923), Hanrieders episches Meisterwerk in 14 Gesängen mit dem oberösterreichischen Bauernführer Stephan Fadinger als Protagonisten.
Hanrieder nahm nicht nur im seelsorgerischen Alltag, sondern auch literarisch Partei für die Menschen des unteren Mittelstandes (die sog. ‚Fünf-Gulden-Männer‘), sofern sie den ‚Einflüsterungen der neuen Zeit‘ durch Liberale und Freimaurer nicht erlegen waren. Als engagierter Vertreter der katholischen Gegenbewegung, wie sie sich 1868 nach Aufhebung des Konkordats um den Linzer Bischof Rudigier formierte, verquickt er geschickt regionale Sagen- und Märchenstoffe mit konservativ-katholischem Sendungsbewusstsein, einhergehend mit einer ahistorischen Verklärung des Feudaladels und Verharmlosung des sog. ‚Volkes‘ zu raffinierter Tendenzdichtung, so z. B. in der Erzählung Maria Bründl (1893).

Silvia Bengesser

 

Bilder aus dem Volksleben des Mühlviertels. Linz 1895 [resp. 1924] (Aus dá Hoamát 6 [resp. 24]). - Der oberösterreichische Bauernkriag. Volksmundartliches Epos. Linz 1907 (Aus dá Hoamát 15). - Mundartliche Dichtungen aus dem Nachlaß. Hg. von Franz Berger und Leopold Mayrhofer. Ried/Innkreis 1935. - Der oberösterreichische Bauernkriag: Mundartliches Epos. Hg. von der Hanriedergemeinde Putzleinsdorf. Linz 1964. - Mühlviertler Mahrl und andere Mundartdichtungen: Eine Auswahl. Im Auftrag der Hanriedergemeinde Putzleinsdorf. Zusammengestellt und erläutert von Ludwig Fuchs und Alois Sonnleitner. Holzschnitte von Auguste Aigner-Kronheim. Lieder von Reinhold Friedl. Linz 1969. - Biographie und Dichtungen in der Hochsprache. Ausgewählt von Alois Sonnleitner. Hg. von der Hanriedergemeinde Putzleinsdorf. Linz 1989.

Ebner, Helga; Ebner, Jakob; Weißengruber, Rainer: Literatur in Linz. Eine Literaturgeschichte. Linz 1991. - Deutsch-österreichische Literaturgeschichte. Hg. von Johann W. Nagl, Jakob Zeidler und Eduard Castle. Wien 1899-1937. Bd. 2, 604; Bd. 3, 925-926; Bd. 4, 1158. - Deutsches Literaturlexikon. Das 20. Jahrhundert. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Begr. von Wilhelm Kosch. Berlin, New York 1999ff., Bd. 14 (hg. von Konrad Feilchenfeldt), 133-134. - Fuchs, Erich H.: Norbert Hanrieder - Licht und Schatten. Saldenburg 2015. - Krackowizer, Ferdinand; Berger, Franz: Biographisches Lexikon des Landes Österreich ob der Enns. Linz, Passau 1931, 112-113. - Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Bd. 2. Graz, Köln 1959, 181. - Prader, Georg: Norbert Hanrieder in seinen Dichtungen. Studie. St. Pölten 1912. - Slapnicka, Harry: Norbert Hanrieder. Der zweite unter Oberösterreichs Mundartdichtern nach Stelzhamer. In: Ders. und Franz Steinmaßl (Hg.): Berühmte Persönlichkeiten aus dem Mühlviertel und dem Böhmerwald. Grünbach 2001, 140-145. - Sonnleitner, Alois: Norbert Hanrieder (1842-1913). Univ. Diss. Innsbruck 1948.