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Prokop von Templin

Geb. um 1608 in Templin (Uckermark), gest. 22.11.1680 in Linz.
Kapuziner, Predigtautor, Liederdichter.

Als Sohn evangelischer Eltern im Brandenburgischen aufgewachsen, geht Andreas von Templin als etwa 19-Jähriger nach Böhmen, wo er aus "Zuneigung zu Maria der Mutter Gottes" zum Katholizismus konvertiert. 1627 tritt er ins Kapuzinerkloster Raudnitz (Roudnice nad Labem) ein und nimmt den Ordensnamen Procopius an; die Profess legt er im folgenden Jahr in Krems ab. Das Studium der Theologie führt ihn u. a. nach Wien, die obligaten Philosophieklassen absolviert er vielleicht in Linz. Nach der Priesterweihe Mitte der 1630er-Jahre ist er zunächst im Dienst der Gegenreformation als ‚missionarius‘ vor allem in den böhmischen Ländern, womöglich auch in Oberösterreich tätig. 1642 wirkt er erstmals als Seelsorger in Passau, wo er bei Georg Höller den Liederzyklus Ehren Kräntzel mit Melodien des Domorganisten Georg Kopp in den Druck gibt. Ab 1645 ist er für gut ein Jahrzehnt Prediger an der Wiener Schottenkirche, unterbrochen von Aufenthalten in Rom (1651) und Budweis (1652 als Guardian des Klosters).

1656 wird er bei dem in Linz abgehaltenen Provinzkapitel wieder nach Passau versetzt, wo er das Predigtamt in der Stadtpfarrkirche und der Wallfahrtskirche Mariahilf versieht. Der Plan, seine Kanzelreden gesammelt zu veröffentlichen, lässt sich aus finanziellen Gründen zunächst nicht verwirklichen. So folgen weitere Sammlungen von Liedern, die ursprünglich bloß zur Auflockerung, Strukturierung und Zusammenfassung der Kanzeltexte entstanden waren: Lob=Gesang und das zweiteilige Hertzen=Frewd und Seelen=Trost mit Vertonungen des Formbacher Benediktiners Berenger Berfaller bzw. seines Passauer Ordensbruders Albinus. Erst mit dem Erfolg der Liederbücher ließen sich auch die homiletischen und katechetischen Schriften Prokops verlegen. Der erste Band Eucharistiale ist den Sakramentspredigten gewidmet, ihm folgen u. a. Bußpredigten, Predigten zu den zehn Geboten und zur Sittenlehre. Nach dem verheerenden Stadtbrand von 1662, bei dem auch Höllers Druckerei und Lagerräume zerstört wurden, erklärt sich der Salzburger Drucker Johann Baptist Mayr bereit, die Predigtsammlungen herauszugeben. Um die Lektorierung sicherzustellen, sucht Prokop 1663 um Freistellung vom Predigtamt und Umzug nach Salzburg an, wo er ab 1666 als freier Schriftsteller für zumindest zehn Jahre lebt und einige seiner bedeutendsten Werke herausgibt: das der Marienverehrung gewidmete Mariale, das Adventuale mit seinerOrdnung der Kanzelreden nach dem Kirchenjahr, das Catechismale, dessen Kinderpredigten sich stilistisch an der Zielgruppe orientieren, oder die Dominicalia mit ihren Perikopenpredigten. Als letzte Arbeit erscheinen 1679 seine den Nonnberger Benediktinerinnen dedizierten Kasualpredigten über das Wirken ihrer ersten Äbtissin Ehrentraut. Im Jahr darauf stirbt Prokop nach der Rückkehr von einer Passaureise in Linz und wird in der Klostergruft bestattet. Seine Gebeine werden später in ein Massengrab am städtischen Friedhof transferiert.

Mit seinen 2236, zum Teil in aufwändiger Ausstattung gedruckten Predigten zählt Prokop zu den produktivsten Kanzelrhetorikern seiner Zeit. Dass er in der Literatur oft als Vorgänger Abrahams a Sancta Clara gesehen wird, erklärt sich aus dem gemeinsamen Bemühen, die Glaubensverkündigung mit einem Höchstmaß an Unterhaltsamkeit zu verbinden. Um die Aufmerksamkeit des Publikums zu binden, verarbeitet auch er in oft drastischer Fabulierfreude Schwänke, Anekdoten, Sprichwörter oder Volkslieder und zeichnet dabei kulturhistorisch bemerkenswerte Bilder des ruralen und urbanen Alltags. Doch weist Prokops erstaunlich klare Sprache und volkstümliche Bildwelt selbst in den kurzweiligsten seiner Bände wie dem Encæniale weniger artistisch-hypertrophe, polemisch-karikierende Züge auf. Seine Nachwirkung war wohl nicht zuletzt deswegen gering. Erst mit der Aufnahme eines Dutzends seiner insgesamt 575 vielstrophigen Lieder in Des Knaben Wunderhorn (1805) und J. W. Goethes Beifall ("das liebenswürdigste von allen christkatholischen Gedichten") wurde sein poetisches Werk wieder der Vergessenheit entrissen.

Christian Neuhuber

 

Mariæ Hülff Ehren Kräntzel/ Das ist: Himmelische Lobgesänger [...]. Passau 1642. - Der Groß= Wunderthätigen Mutter Gottes Mariæ Hülff Lob=Gesang [...]. Passau 1659. - Hertzen=Frewd und Seelen=Trost [...]. Passau 1660. - Hertzen=Frewd und Seelen=Trost [...] Der Ander Teil. Passau 1661. - Mariæ Hülff ob Passaw Gnaden=Lust=Garten [...]. Passau 1661. - Eucharistiale [...]. Passau 1661. - Poenitentiale [...]. Passau 1662. - Orationale [...]. Passau 1663. - Conjugale [...]. Passau 1663. - Juventutale [...]. Passau 1663. - Prædestinationale [...]. Salzburg 1663. - Dekalogale [...]. Salzburg 1664. - Threnale [...]. Salzburg 1664. - Mariale [...]. Salzburg 1665. - Miserere [...]. Salzburg 1665. - Magdalenale [...]. Passau 1665. - Homo bene moriens [...]. München 1666. - Judiciale, Purgatoriale, et Infernale [...]. München 1666. - Eucharistiale Konstanz 1666. - Sanctorale [...]. Salzburg 1666. - Lignum vitæ [...]. München 1666. - Adventuale [...]. München 1666. - Quadragesimale et Passionale [...]. Salzburg 1666. - Dominicale, Peschale et Pentecostale [...]. Salzburg 1667. - Dominicale Æstivale [...]. Salzburg 1667. - Mariale concionatorium, rhythmo-melodicum [...]. Salzburg 1667. - Mariae processionale [...]. Salzburg 1667. - Sanctorale [...]. Salzburg 1668. - Dominicale, Peschale et Pentecostale secundum totaliter novum [...]. Salzburg 1669. - Funerale [...]. Salzburg 1670. - Encæniale [...]. Salzburg 1671. - Patrociniale [...]. Salzburg 1674. - Catechismale [...]. Salzburg 1674. - Triennale dominicale primum [...]. Salzburg 1676. - Sacrum Epithalamium [...]. München 1678. - Tugend=Spiegel Aller Zucht=liebenden Closter=Jungfrauen [...]. Sulzbach 1679. 

Brady, Philip V.: Prokop von Templin (1608-1680), "Redner" und "Poet". Zur volksbezogenen Praxis eines dichtenden Kapuziners. In: Wolfgang Brückner, Peter Blickle, Dieter Breuer (Hg.): Literatur und Volk im 17. Jahrhundert. Probleme populärer Kultur in Deutschland. Tl. II. Wiesbaden 1985, 527-541. - Breuer, Dieter: Die Lieddichtung des Procopius von Templin. In: Morgen-Glantz 14 (2003), 53-76. - Fethke, Leonhard: Prokopius aus Templin (1608-1680) als Dichter. Binningen 1998. - Gadient, Veit: Prokop von Templin. Sein Leben und seine Werke. Regensburg 1912. - Herzog, Urs: Der Roman auf der Kanzel. Prokop von Templin, ein erster Leser von Grimmelshausens "Simplicissimus". In: Simpliciana VI/VII (1985), 99-110. - Ders.: "Der Beerin Ampt und Dienst", geistlicherweise. Zur emblematischen Predigt des Prokop von Templin. In: Simpliciana XI (1989), 149-159. - Ilgen, Peter : Prokop von Templin (1608-1680) und das katholische deutsche Kirchenlied im 17. Jahrhundert. In: Kirchenmusikalisches Jahrbuch 80 (1996), 81-114. - Kemp, Friedhelm: Prokop von Templin. Ein süddeutscher Barockprediger. Passau 1987. - Kinsky, Eleonore: Das Predigtwerk des Paters Prokop von Templin. Diss. Univ. Wien 1962. - Kober, August Heinrich: Procopius von Templin. In: Euphorion 21 (1914), 520-547, 702-736, Euphorion 22 (1919), 25-50, 268-287. - Pichl, Robert: Prokop von Templin. In: Neue Deutsche Biographie 20 (2001), 741f. - Rausch, Alexander: Procopius von Templin (eig. Andreas Prokop). In: Rudolf Flotzinger (Hg.): Österreichisches Musiklexikon. Bd. 4. Wien 2005, 1826 [fehlerhaft]. - Tschulik, Norbert: Procopius von Templin und das deutsche Lied im 17. Jahrhundert. In: Die Musikforschung 6 (1953), 320-324. - Westermayer, Georg: P. Procopius von Templin, Prediger und Dichter. München 1877.