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Redl-Zipf

Brauerei Zipf 1945; Foto: Meinrad Hinderks; © ARGE Schlier

Die Ortschaften Redl (46 Einwohner) und Zipf (180 Einwohner, Stand 2011) gehören zur Gemeinde Neukirchen an der Vöckla (Bezirk Vöcklabruck) im Hausruck. Mit ihren Namen verbindet sich bis heute neben der traditionsreichen Bierbrauerei ein bedeutender Erinnerungsort geschichtlichen Grauens im Zweiten Weltkrieg.

Ihre Bedeutung seit dem 19. Jh. und zugleich einen wichtigen wirtschaftlichen Impuls verdankt die Gemeinde Neukirchen an der Vöckla, die seit dem 12. Jh. zum Herzogtum Österreich zählt, dem Wiener Bankier Franz Schaup (1796-1871). Dieser erwarb in Zipf 1858 eine Liegenschaft mit einem bereits bestehenden kleinen Brauhaus sowie das Moorbad und gründete eine Kleinkinderbewahranstalt und Mädchenschule. Adalbert Stifter bereiste die Region im Dezember 1859 als Landesschulrat; sie bildet den realen Hintergrund der Erzählung Nachkommenschaften (1864) mit dem "Lüpfinger Thale" und dem "Schloß Firnberg", das "ein unbillig reicher Mann" (Stifter 2005, 1303) gekauft hat. (vgl. ebd., Kommentar 1629)
1864 übernahm Wilhelm Schaup (1838-1899) die väterliche Brauerei und erweiterte den Betrieb kontinuierlich zur größten oö. Brauerei mit 100.000 Hektoliter Jahresproduktion (1887). Neben der Errichtung einer modernen Kühlanlage und der ersten elektrischen Industriebahn - die Lage an der Westbahn zwischen Salzburg und Wien mit der Station Redl-Zipf erwies sich ebenfalls als vorteilhaft - setzte er vor allem soziale Initiativen wie eine Krankenfürsorge und einen Unterstützungsfonds für seine Belegschaft. Bis heute zählt das 1970 mit der Brau Union AG fusionierte Unternehmen zu einem wichtigen Bestandteil der Region.

Bereits der Erste Weltkrieg und die Wirtschaftskrise der 1920er-Jahre hinterließen deutliche Spuren, von denen sich die Brauerei bis Ende der 1930er-Jahre jedoch wieder erholte. Der entscheidendste Einschnitt erfolgte jedoch im Herbst 1943, als das NS-Regime Teile der strategisch günstig gelegenen Bierkeller für Rüstungszwecke beschlagnahmte. Als Nebenlager des KZ Mauthausen wurde das KZ Redl-Zipf bzw. Schlier errichtet, in dem bis zu 1.900 Häftlinge verschiedener Nationen inhaftiert waren, die das unterirdische Stollensystem erweiterten. So konnte im sogenannten Werk "Schlier" - der als Deckname geführte Begriff leitet sich von den regionalen Vorkommen rötlich-braunen Mergels ab - ab Anfang 1944 mit den umfangreichen Tests von rund 500 Raketentriebwerken für die "Vergeltungswaffe" V 2 der Nationalsozialisten und der Produktion von Flüssigsauerstoff begonnen werden. Nach außen hin sollte die als "Steinbruch-Verwertungs GmbH" getarnte Anlage weitgehend unauffällig wirken. Auch wenn die Zahl der KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter, Ingenieure, Facharbeiter und Aufseher jene der einheimischen Bevölkerung bei Weitem überstieg, sollte diese so wenig wie möglich von den geheimen Vorgängen im Inneren mitbekommen.
Am 29. Februar und 28. August 1944 forderten zwei Ereignisse, ein Brand und ein Explosionsunfall während des Testbetriebs, zahlreiche Todesopfer und Verletzte, u. a. starb die Tochter des Physikers und Raketenexperten Hermann Oberth (1894-1989). Nach dem zweiten Unfall wurden die Raketentests eingestellt, im April 1945 wurde das zu Geld- und Dokumentenfälschung eingesetzte "Unternehmen Bernhard" nach Redl-Zipf verlegt, ehe die SS am 3. Mai 1945 die Häftlinge nach Ebensee verbrachte und das Lager zerstörte. Die Zahl der getöteten Kriegsgefangenen wird auf zumindest 267 geschätzt, vermutlich starben aber weit mehr, da kranke und arbeitsunfähige Personen nach Mauthausen und Hartheim transportiert wurden. Heute erinnern ein Gedenkstein und sechs Stahlstelen mit den Namen der Todesopfer unter den KZ-Häftlingen an die Gräuel, die auch die ARGE Schlier im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern versucht.

Literarisch verarbeitet findet sich dieses dunkle Kapitel der Geschichte der Ortschaften in mehreren Werken. In seinem sprachlich konzentrierten, nicht leicht fassbaren Prosamonolog Zipf (1987) lässt der Autor Reinhard Palm (1957-2014) eine offenbar ältere Frau mit Namen Rosa im Krankenhaus über ihr Leben in Zipf reflektieren. Darin wird der "Nazi-Bunker", von dem der Ort "weggeschaut" (Palm o. J. [1987], 10) hat, erwähnt. Am Ende steht das Resümee: "Weil Zipf ist Zipf. Liebe, Hassan." (ebd., 20) Der Name Hassan dürfte dabei wohl einen imaginären, zuvor nicht genannten Fremden meinen, der in der Gegenwart mit der historischen Vergangenheit und ihren nicht vernarbten Wunden konfrontiert wird. Die bislang ausführlichste Thematisierung der Vorgänge im Werk "Schlier" erfolgt im Roman Silberpfeile (2000) des Salzburger Autors Walter Kappacher (geb. 1938). Dessen Rahmenhandlung sowie die Hauptfigur des Ingenieurs Paul Windisch bleiben zwar fiktiv, doch liegt ihnen die historische Wirklichkeit, der sich Kappacher mittels genauer Recherche annähert, zugrunde. Dabei wird auch das scheinbare Unwissen der Bevölkerung hinterfragt, waren doch die "Druckprüfungen, bei denen im Betonprüfstand ein Feuerstrahl aus dem Raketentriebwerk schoß, [...] in einem Umkreis von zwanzig Kilometer hörbar" (Kappacher 2000, 163), wie der Ingenieur konstatiert. "Ein Stück über das Bier, die Liebe, Raketen und ein KZ" lautet der etwas ausschweifende Untertitel eines Stücks von Franzobel. Sein Z!pf oder Die dunkle Seite des Mondes wurde am 19. Juli 2007 vom Theater Hausruck im ehemaligen Kohlebrecher des Bergwerks in Kohlgrube bei Wolfsegg uraufgeführt, 2008 erschien der Text als Buch. Ebenfalls 2007 hatte der das "Unternehmen Bernhard" verarbeitende Film Die Fälscher des österreichischen Regisseurs Stefan Ruzowitzky (geb. 1961) mit Karl Markovics (geb. 1963) in der Hauptrolle Premiere.

Bernhard Judex

 

Bouchal, Robert; Sachslehner, Johannes: Unterirdisches Österreich - vergessene Stollen, geheime Projekte. Wien 2013. - Franzobel: Z!pf oder Die dunkle Seite des Mondes. Ein Stück über das Bier, die Liebe, Raketen und ein KZ. Weitra 2008. - Kappacher, Walter: Silberpfeile. Wien 2000. - Kleinschmidt, Karl: Erbe und Wachstum. Linz o. J. [1958]. - Kriechbaum, Gerhard; Limbeck-Lilienau, Christian: Zipf - "Schlier". In: Christian Hawle, Gerhard Kriechbaum und Margret Lehner (Hg.): Täter und Opfer. Nationalsozialistische Gewalt und Widerstand im Bezirk Vöcklabruck 1938-1945. Eine Dokumentation. Wien u. a. o. J. [1995]. - Palm, Reinhard: Zipf. Ein Monolog. Wien o. J. [1987]. - Pollack, Martin: Kontaminierte Landschaften. St. Pölten u. a. 2014. - Stifter, Adalbert: Nachkommenschaften. In: Ders.: Sämtliche Erzählungen. Bd. 2. Hg. von Wolfgang Matz. München, Wien 2005, 1297-1361 (Komm. 1628-1629).

Stand: 17.3.2015