Richard Billinger

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Geb. 20.7.1890 in St. Marienkirchen bei Schärding (OÖ), gest. 7.6.1965 in Linz.
In Gedichten, Theaterstücken und Romanen beschrieb er seine Heimat in kräftigen Bildern und bodenständigen Formen, von Zeitgenossen wurde er gar als "Innviertler Dionysos" bezeichnet.

Ursprünglich sollte der Sohn eines Bauern und Kaufmanns, der als Geburtsjahr fälschlicherweise oft 1893 angab, Priester werden, er verließ jedoch das Linzer Petrinum und absolvierte das Gymnasium in Ried/Innkreis. Nach der Matura studierte Billinger in Innsbruck, Kiel, Berlin und Wien (ohne Abschluss) Germanistik und Philosophie. Während seines Aufenthalts in Wien (1918-28) wurde er von den Familien Köchert und Ludwig unterstützt. Als Dichter prägten ihn von Grete Wiesenthal vermittelte Begegnungen mit Max Mell und Hugo von Hofmannsthal. 1923 erschien sein Gedichtband Über die Äcker, später folgten Gedichte (1929) und Sichel am Himmel (1931). Hierbei handelte es sich um Sammlungen erdverbundener Bauernlieder; erklärtes Ziel von Billingers Lyrik war und blieb es, zu "Urworten" zu gelangen, die "wie Gebete klingen müssen".

Großen Publikumserfolg hatte Billinger mit seinen Dramen, die dem traditionellen Volksstück verpflichtet sind und diesem einen oft weihevollen Charakter verleihen. Das Perchtenspiel wurde 1928 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, die nachfolgenden Stücke wie Rosse (1931), Rauhnacht (1931), Lob des Landes (1933) und Die Hexe von Passau (1935) machten den Autor weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Das 1936 entstandene Schauspiel Der Gigant diente als Vorlage für Veit Harlans Film Die Goldene Stadt (1941/42). An Bühnenwerken folgten Am hohen Meer (1939), Melusine (1941), Die Fuchsfalle (1942), Paracelsus (1943) und Der Zentaur (1944). Auch als Drehbuchautor bzw. -mitarbeiter war Billinger tätig, u. a. für Luis Trenkers Der Berg ruft (1938), Veit Harlans Das unsterbliche Herz (1939), Karl Hartls Wen die Götter lieben (1942) sowie Leni Riefenstahls Tiefland (1934 begonnen, 1954 uraufgeführt).

Mit seiner eigenen Kindheit im Dorf, dem ländlichen Leben und den Riten und Bräuchen seiner engeren Heimat setzte sich Billinger auch in seinen Romanen - darunter Die Asche des Fegefeuers (1931), Das Schutzengelhaus (1934), Lehen aus Gottes Hand (1935), Das verschenkte Leben (1937) und Palast der Jugend (geschrieben 1946, veröffentlicht 1951; s. Linzer Petrinum) - auseinander. Auch in diesen Büchern geht es betont bodenständig zu; jenseits einer sozialen Befragung der gesellschaftlichen Verhältnisse stellt sich das Leben auf dem Land als eine gleichsam natur- und schicksalhafte Vorgabe dar. Weitere Lyrik - ebenfalls in altbewährten Formen - versammeln die Bände Die Nachtwache (1935), Holder Morgen (1942) und Lobgesang (1953). In dem berüchtigten Bekenntnisbuch österreichischer Dichter, das den "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich feierte, ist Billinger mit dem Gedicht Schwur vertreten, und auch andere, teilweise offene Führer-Huldigungen des Autors sind bekannt. Es besteht kein Zweifel: Billinger war aktiv in die kulturpolitische Propaganda der Nazis verstrickt und gehörte während des Nationalsozialismus zu den Spitzenverdienern der Branche. Misstrauen hingegen erregte seine Homosexualität; Anfang 1935 verbrachte er wegen "widernatürlicher Unzucht" mehrere Monate in Gestapo-Haft und entging nur knapp einer Verurteilung (vgl. Müller 1988, 249ff.).

Ab 1928 lebte Billinger in Salzburg, wo er dem Henndorfer Kreis um Carl Zuckmayer angehörte, ab 1932 hielt er sich vorwiegend in München und Berlin auf. Ab 1943 bewohnte er gemeinsam mit seinem Lebensgefährten ein Haus in Niederpöcking am Starnberger See, das er zwei Jahre zuvor erworben hatte und dessen inszeniert ländliche Ausstattung Besuchern bisweilen arg übertrieben schien. Auch wenn Billinger nach der Befreiung vom Nationalsozialismus nicht an seine Erfolge anzuknüpfen vermochte, führte er sein Schriftstellerdasein und die Art seines Schreibens ungebrochen fort. Seine alten und neuen Stücke - darunter Der Galgenvogel (1948), Das Haus (1949), Traube in der Kelter (1950), Der Plumpsack (1954), Das Augsburger Jahrtausendspiel (1955), Donauballade (1959) und Bauernpassion (1960) - wurden weiter gespielt, daneben schrieb der Autor Hörspiele für deutsche Rundfunkanstalten.
Ab dem Jahr 1954 erhielt Billinger vom Land Oberösterreich Unterstützung in Form einer monatlich ausbezahlten Ehrengabe. Zu den Auszeichnungen, die er im Laufe seines Lebens bekam, zählen u. a. der Preis der Stadt Wien (1924), der renommierte Kleistpreis - den Billinger 1932 gemeinsam mit Else Lasker-Schüler erhielt -, der Literaturpreis der Stadt München (1942), der Raimund-Preis der Stadt Wien (1943) sowie der Grillparzerpreis (1962). 1961 wurde Billinger zum ordentlichen Mitglied der Bayrischen Akademie der Schönen Künste ernannt. In seinem Geburtsort, an der Volksschule in St. Marienkirchen, ist für ihn ein Gedenkraum eingerichtet, einen Teil seines literarischen Nachlasses (die sogenannte Sammlung Ludwig) verwahrt das oberösterreichische Literaturarchiv im StifterHaus Linz.

Seine letzten Lebensjahre verbrachte Billinger, schwer alkoholkrank, in Aschach und Linz. Anekdoten berichten, dass er in Wirtshäusern seine Gedichte in die Runde der Betrunkenen brüllte, ohne dass irgendjemand wusste, wer dieser nahezu zwei Meter große Mann war. Nach seinem Tod am 7. Juni 1965 ist es um Billinger still geworden. Nur mehr selten schaffte es eines seiner Stücke auf die Bühne. Eine letzte Werkausgabe, die Ende der 1970er Jahre erschien, wurde kaum mehr wahrgenommen; heute ist Richard Billinger fast völlig vergessen.

Richtungweisend für eine neue Auseinandersetzung mit dem Werk des Autors vor dem Hintergrund seiner ganzen komplexen Persönlichkeit könnte eine Kritik Robert Musils zu Das Spiel vom Knecht (1924) sein, die nicht nur von der Uraufführung dieses einen Theaterstücks handelt, sondern eine prinzipielle Einschätzung von Billingers Literatur aus der Sicht eines dezidierten Vertreters der literarischen Moderne gibt. "Solche Dichtung", so Musil, "wächst nicht aus der Heimat wie Stelzhamer oder Stifter: sondern sie kehrt zu ihr zurück; aus der Stadt, von der Universität, von Spital, Bordell, Literatur, Telephon, sagt aber kein Wort davon, sondern sieht sich die Dinge an, die unter diesem Blick sachte zu traumwandeln beginnen. Billinger scheint - fern oder nah - mit den großen, betrunkenen Tippelbrüdern der Weltliteratur verwandt zu sein, denen wir die schönste Lyrik danken." (Musil 1981, Bd. 9, 1668ff.)
Nicht sehr schmeichelhaft ist die Erwähnung, die Billinger in dem erst 2002 veröffentlichten Geheimreportvon Carl Zuckmayer findet. In diesem Buch, das vertrauliche Berichte über Personen zusammenfasst, die der Autor nach dem Krieg für die Amerikaner geschrieben hat, erscheint Billinger als ein "degenerierter Bauer, parfümierter Landmann und dörflicher Decadent". Wörtlich heißt es weiter: "Er ist eitel, rachsüchtig, vollkommen unzuverlässig, unglaublich feige und jederzeit zu jedem Verrat bereit." (Zuckmayer 2002, 70) Dieser offenen Denunziation stehen Dokumente inniger Freundschaft aus den 1930er Jahren sowie Zuckmayers späterer Nachruf entgegen, in dem er Richard Billinger als einen "zu Unrecht Vergessenen" (Zuckmayer 1976, 107) bezeichnet hat.

Klaus Kastberger

 

Richard Billingers gesammelte Werke. Romane. Dramen. Lyrik. 12 Bände. Graz 1955-1960. - Gesammelte Werke. 7 Bände. Hg. von Wilhelm Bortenschlager. Wels 1979-1983.

Baur, Uwe; Gradwohl-Schlacher, Karin: Literatur in Österreich 1938-1945. Handbuch eines literarischen Systems. Bd. 3, Oberösterreich. Wien u. a. 2014, 136-151. - Bortenschlager, Wilhelm: Der unbekannte Billinger. Innsbruck 1985. - Ders.: Richard Billinger. Leben und Werk. Wels 1981. - Heimat.Körper.Kunst. Richard Billinger Album. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im StifterHaus. Hg. vom StifterHaus-Zentrum für Literatur und Sprache in OÖ. Linz 2013. - Kastberger, Klaus; Strigl, Daniela (Hg.): Heimat.Körper.Kunst. Richard Billinger Symposium. Linz 2014. - Müller, Karl: Probleme männlicher Identität bei Richard Billinger. Homosexualität und Literatur während der NS-Zeit. In: Uwe Baur, Karin Gradwohl-Schlacher und Sabine Fuchs (Hg.): Macht Literatur Krieg. Österreichische Literatur im Nationalsozialismus. Wien 1998, 246-273 - Musil, Robert: Gesammelte Werke. Hg. von Adolf Frisé. 2. Aufl. Reinbek bei Hamburg 1981. - Rabenstein, Edith: Dichtung zwischen Tradition und Moderne. Richard Billinger. Untersuchungen zur Rezeptionsgeschichte und zum Werk. Frankfurt/Main 1988. - Richard Billinger 1890-1965. Schärding 1990. - Sacken, Katharina: Richard Billinger: urwüchsiger Bauerndichter oder raffinierter Literat? Dipl.-Arb. Universität Wien 1998. - Scheit, Gerhard: Die Zerstörung des Volksstückes. Richard Billinger und die Tradition des Volksstückes. In: wespennest 1984, H. 56 (Theater und Faschismus), 4-12. - Steinböck-Matt, Susanne: Das österreichische Volksstück 1918-1934. Diss. Universität Wien 2002. - Zuckmayer, Carl: Aufruf zum Leben. Frankfurt/Main 1976. - Ders.: Geheimreport. Hg. von Gunther Nickel und Johanna Schörn. Göttingen 2002.