Robert Musil

© Robert-Musil-Institut für Literaturforschung, Kärntner Literaturarchiv

Geb. 6.11.1880 in Klagenfurt, gest. 15.4.1942 in Genf.
Zu Lebzeiten kaum anerkannt, zählt Musil als Autor der österreichischen Moderne v. a. mit seinem unvollendeten Hauptwerk Der Mann ohne Eigenschaften zu den heute weltweit bedeutendsten Schriftstellern.

Als ausgebildeter Ingenieur und promovierter Philosoph bzw. Psychologe entschied er sich für den Schriftstellerberuf und wirkte als Romancier, Dramatiker, Essayist und Kritiker. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er zwar in Steyr (1882-90), die Mutter Hermine wurde 1853 in Linz geboren, ihr Vater Franz Xaver Bergauer (1805-1886) war einer der Erbauer und Betriebschef der Pferdebahn Linz-Budweis. Doch betrachtete sich Musil nie als oberösterreichischer Schriftsteller, "keines der Bundesländer beansprucht mich für sich", schreibt er in sein Autobiografie-Heft in einer Eintragung, die mit dem Satz beginnt: "Es ist mir verwehrt, in Österreich ein Dichter zu werden." (KA, H. 33/23) Er problematisiert damit die Zuordnung seiner Person und seines Werks zu einer lokalen literarischen Szene, zur Literatur einer Region, des Staats, der Nation. Ausgelöst ist die Zugehörigkeitsskepsis durch den Mangel an Anerkennung. Kulturpolitiker des österreichischen Ständestaats versagen ihm diese, weil "sie zu provinziell sind, um mich zu kennen" (ebd.), in die Deutsche Dichterakademie sei er mit der Begründung nicht aufgenommen worden, er sei "zu intelligent für einen wahren Dichter" (ebd.). In einer weiteren Bankrotterklärung an den eigenen literarischen Werdegang, im Nachlass unter dem Titel Ich kann nicht weiter erhalten, schreibt Musil, die Nation gestatte ihm nicht, ihr "als Dichter zu dienen" (KA, Mappe II/1, 141), da sie seine Bücher nicht kaufen würde.

Die Stationen seines Lebens nach Steyr waren Brünn (Brno; 1891/92), Eisenstadt (Militär-Unterrealschule, 1892-94), Mährisch-Weißkirchen (Militär-Oberrealschule, 1894-97), Brünn (Studium an der Technischen Hochschule, 1898-1902), Stuttgart (technischer Voluntärassistent, 1902/03), Berlin (Studium an der Universität, 1903-10), Wien (Bibliothekar an der Technischen Hochschule, 1911-13), Berlin (Redakteur im S. Fischer Verlag, 1914), Südtirol und Oberitalien (Offizier im Ersten Weltkrieg, 1914-17), Wien (Kriegspressequartier, Beamter im Außen- und im Heeresministerium, Theater- und Kulturkritiker, Arbeit am Roman Der Mann ohne Eigenschaften, 1918-31), Berlin (1931-33), Wien (1933-38), Zürich (Exil, 1938/39), Genf (Exil, 1939-42). Verheiratet mit der Malerin Martha Marcovaldi (geb. Heiman, 1874-1949), die zwei Kinder in die Ehe brachte, selbst aber kinderlos, kam Musil die Verankerung im persönlichen, politischen und gesellschaftlichen sowie auch literarischen Leben zunehmend abhanden. Die Frustration über den Mangel an literarischer Wirkung trat in Verbindung mit philosophisch empfundenen und literarisch gestalteten Zweifeln an der Festigkeit der Welt, an der Ordnung und Identifizierbarkeit der Dinge, an Klarheit in Fragen der Identität. Dass ein Schriftsteller, dessen Leben und literarisches Œuvre dermaßen deutlich von Exterritorialität bestimmt ist, ein Stichwort in Oberösterreich zugesprochen erhält und den Baustein einer oberösterreichischen Literaturgeschichte liefert, ist nicht der erste posthume Heimholungsversuch. Die Stadt Klagenfurt machte das Geburtshaus zum Musilhaus mit Museum, Literaturarchiv und universitärer Literaturforschungsstätte.

Die Biografie Musils reduziert sich bis auf wenige, aber wichtige Episoden auf die Geschichte seines Schreibens. Diese gliedert sich in drei Abschnitte. Die erste Phase umfasst zunächst die allerersten, erst jüngst entdeckten anonymen Brünner Veröffentlichungen und die erste namentlich gekennzeichnete Publikation Variété in der Brünner Zeitung; das Gros der ersten Schreibversuche 1900-1902, das Projekt Paraphrasen, blieb freilich ungedruckt. Das erste Buch Musils wurde sein größter Erfolg: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906), in denen er, vordergründig betrachtet, seine Internatserfahrungen in Mährisch-Weißkirchen aufarbeitet, hintergründig den Prozess einer Sinnfindung dokumentiert. In das Jahr nach der Promotion an der Universität Berlin mit der Dissertation Beitrag zur Beurteilung der Lehren Machs (1908) fiel die Entscheidung, auf eine Universitätslaufbahn zu verzichten und den Schriftstellerberuf zu ergreifen. Er verwickelte sich in das literarische Experiment der Vereinigungen (1911), einen Versuch, weibliches Begehren in intensiver Bildhaftigkeit zweier Novellen auszugestalten, der mehr als zwei Jahre in Anspruch nahm. Die schreibende Annäherung an die weibliche Perspektive in Novellenform setzte sich noch fort bis zum Erscheinen der Drei Frauen (1924), womit die erste Schreibphase zu ihrem Abschluss kommt. Zuvor hatte Musil noch das Theaterstück Die Schwärmer (1920) veröffentlicht, das ebenfalls dieser Periode zuzurechnen ist, in der eher gesellschaftsferne Seelenzustände und individuelle Sinnkrisen verarbeitet sowie Revolutionen der Novellen- und Dramenform angesagt wurden, die dann nicht stattfanden. Die Uraufführung der Schwärmer in Berlin am 3. April 1929 führte zu einem Fiasko.

Die zweite Phase von Musils Schaffen steht unter dem Eindruck des Kriegsausbruchs im Sommer 1914. 1918 begann er an einem gesellschaftssatirischen Roman zu arbeiten, der erklären sollte, wie es zum Zusammenbruch der Vorkriegsordnung kommen konnte. Als Titel waren Der Spion (1918-21), Der Erlöser (1921/22) und Die Zwillingsschwester (1923-26) vorgesehen. In die Jahre 1918-24 fallen die meisten essayistischen Arbeiten Musils sowie seine Theater- und Kulturkritiken, die er großteils für die Prager Presse schrieb. Die Tätigkeit als Essayist und Kritiker begleitete die Arbeit an dem großen Roman und bereitete dessen Entwicklung zu einem Essayroman und zum Instrument einer Kulturdiagnose vor. 1924 stellte Musil seine Kritikertätigkeit ein, sein neuer Verleger Ernst Rowohlt bezahlte ihm bis 1931 Vorschüsse für den Roman - seit Anfang 1927 mit dem Titel Der Mann ohne Eigenschaften -, was Musil erlaubte, sich ausschließlich diesem zu widmen. Nach mehreren Metamorphosen gingen im Oktober 1930 das Erste Buch (zwei Teile, insgesamt 123 Kapitel) und im Dezember 1932 der erste Teil des Zweiten Buchs (die ersten 38 Kapitel) in Druck. Die Veröffentlichung der fertigen Teile des Mann ohne Eigenschaften stellt den Höhepunkt der schriftstellerischen Laufbahn Musils dar. Der Roman erhielt begeisterte Kritiken, gewann prominente Fürsprecher, u. a. Thomas Mann. Musil wurde mit internationalen Größen wie James Joyce oder Marcel Proust verglichen. Doch war dem Buch kein Verkaufserfolg beschieden, 1931 ging der Rowohlt Verlag in Konkurs, die Finanzierung des literarischen Großprojekts war damit auf staatliche Förderungen, die großteils ausblieben, und private Initiativen (Berliner Musil-Gesellschaft 1931/32, Musil-Gesellschaft 1934-38) angewiesen und blieb bis zu Musils Tod stets gefährdet.

Das Jahr 1933 bedeutete den Beginn der dritten Schaffensperiode Musils und eine wichtige Zäsur. Die NS-Herrschaft in Deutschland zwang ihn von Berlin nach Wien zurück. Nicht nur Krankheit - ein Schlaganfall 1936 - und finanzielle Not behinderten die Fertigstellung des Mann ohne Eigenschaften, der Roman litt auch, weil sein Autor das Gefühl hatte, mit der Aktualität nicht mehr Schritt halten zu können und mit dem Schreiben als Instrument der Zeitdiagnose zu langsam zu sein und zu versagen. Im Vortrag Der Dichter in dieser Zeit (1934) und in der Rede auf dem Internationalen Schriftstellerkongreß in Paris (1935) äußerte sich Musil noch öffentlich zum Verhältnis von Kultur und Politik und verteidigte die Autonomie der Kultur gegenüber der Politik mit ihren totalitären Ansprüchen. Dann aber verstummte er in der Öffentlichkeit. In der Romanarbeit stellte er die literarische Verarbeitung soziologischer und massenpsychologischer Phänomene durch Verfahren des Essayismus, der Satire und Ironie zurück und konzentrierte sich auf die Geschwisterliebesgeschichte der Hauptfiguren Ulrich und Agathe; an die Stelle der essayistischen Passagen des ersten Buchs treten traktathafte Einlassungen mit Gefühlspsychologie. Im März 1938 verhinderte der "Anschluss" das Erscheinen des zweiten Teils des Zweiten Buchs des Mann ohne Eigenschaften beim Bermann-Fischer Verlag. Im Schweizer Exil blieb Musil bei der Umarbeitung dieses Romanteils stecken, er gelangte nicht mehr zur Ausarbeitung des Schlussteils, der den Plänen von 1936 zufolge mit dem Kriegsausbruch 1914 und mit dem Eintritt Ulrichs in den Krieg hätte enden sollen. Damit blieb das Zweite Buch ein Torso, an die hundert nachgelassene Kapitel mit dazugehörigen Vorstufen aus den 1920er Jahren sind erhalten. Das Resultat von Musils Schreiben ist ein Laboratorium für Gedankenexperimente, sein literarischer Nachlass umfasst mehr als zehntausend Manuskriptseiten. Der literarische Weltruhm gründet sich erst auf die posthumen Ausgaben seiner Werke.

Walter Fanta

 

Gesammelte Werke. Hg. von Adolf Frisé. Reinbek bei Hamburg 1978 (Bd. 1: Der Mann ohne Eigenschaften; Bd. 2: Prosa und Stücke; Kleine Prosa, Aphorismen; Autobiographisches; Essays und Reden; Kritik. Auch als Taschenbuchausgabe in 9 Bden.). - Tagebücher. Hg. von Adolf Frisé. (2 Bde.) Reinbek bei Hamburg 1976. - Briefe 1901-1941. Hg. von Adolf Frisé. (2 Bde.) Reinbek bei Hamburg 1981. - Klagenfurter Ausgabe. Kommentierte digitale Edition sämtlicher Werke, Briefe und nachgelassener Schriften. Mit Transkriptionen und Faksimiles aller Handschriften. Hg. von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino. Klagenfurt 2009 [DVD-Ausgabe] (= KA).

Amann, Klaus: Robert Musil - Literatur und Politik. Mit einer Neuedition politischer Schriften aus dem Nachlass. Reinbek bei Hamburg 2007. - Arntzen, Helmut: Musil-Kommentar sämtlicher zu Lebzeiten erschienener Schriften außer dem Roman Der Mann ohne Eigenschaften. München 1980. - Ders.: Musil-Kommentar zu dem Roman Der Mann ohne Eigenschaften. München 1982. - Corino, Karl: Robert Musil. Leben und Werk in Bildern. Reinbek bei Hamburg 1988. - Ders.: Robert Musil. Eine Biographie. Reinbek bei Hamburg 2003. - Fanta, Walter: Die Entstehungsgeschichte des Mann ohne Eigenschaften von Robert Musil. Wien 2000. - Luserke, Matthias: Robert Musil. Stuttgart 1995. - Pfohlmann, Oliver: "Eine finster drohende und lockende Nachbarmacht?": Untersuchungen zu psychoanalytischen Literaturdeutungen am Beispiel von Robert Musil. München 2003.