Sabine Scholl

© Fotostudio Gezett, Berlin

Geb. 28.3.1959 in Grieskirchen, OÖ.
Die Gegenwartsautorin beschäftigt sich mit Fragen soziokultureller Identität und arbeitet dabei grenzüberschreitend.

"ich bin aus dem hausruckviertel hinausgegangen und komme kaum mehr hinein", schreibt Sabine Scholl in ALS FRAU (im haus-ruck-viertel). Die Autorin, 1959 in Grieskirchen geboren, im benachbarten Schlüßlberg aufgewachsen, lebte zur Zeit der Publikation dieses Textes (1997) in Chicago. Für Scholl ist das "Hineinkommen" in das, was man gemeinhin "Heimat" nennt, nicht möglich, sie lebt eine Internationalität mit wechselnden Wohnsitzen (seit 2001 in Berlin), schaut aber in ihrer Herkunftsregion genau hin. Dabei ist ihr, wie in all ihren Büchern, die Rolle der Frau sehr wichtig, und - ebenfalls bezeichnend für ihr Werk - sie spielt mit den Begriffen: "das wichtigste im viertel ist das haus. jeder hat eins und die frauen gehören dazu. die männer geben sich einen ruck und bauen alles aus. die frauen werden gebraucht."

In dem Essayband Die Welt als Ausland (1999) geht Scholl ebenfalls vom Haus der Kindheit aus, beobachtet die zerstörte Kindheitslandschaft und erinnert sich an die Grenzen, die Erwachsene setzten. Von diesem biografischen Ausgangsmaterial gelangt sie zu einer literarischen Untersuchung der Phänomene Haus, Raum, Erinnern, Schreiben. Auch in ihrer ersten literarischen Veröffentlichung, Fette Rosen (1991), hat sie sich die Räume der Kindheit und die Geschichte eines Übergangs von landwirtschaftlichen zu industriellen Strukturen poetisch erarbeitet. In Die Welt als Ausland überschreitet sie mehrfach die Grenze zu anderen Literaturen. Besonders interessiert Scholl die Literatur der Chicanas, einer feministischen Bewegung von Frauen mexikanischer Herkunft. Zwischen den Kulturen, Sprachen und Biografien zu wechseln, steht im schriftstellerischen und poetologischen Fokus der Autorin. So stellt sie in ihrem großen Roman Die geheimen Aufzeichnungen Marinas (2000) die Figur der Malinche in den Mittelpunkt, der Sklavin bzw. Geliebten des spanischen Eroberers Cortéz, die als Übersetzerin eine wichtige Rolle spielte. Sabine Scholl geht dabei niemals konventionell erzählerisch vor, das ist in ihren Augen heute nicht mehr möglich. In dem Montageroman greifen Überlieferungen, Aufzeichnungen und gegenwärtige Erzählebenen ineinander - Rezensenten nannten das "postmodern" oder einen  "postkolonialen Science-Fiction-Roman", passender ist wohl der von der Schriftstellerin Dubravka Ugrešic (geb. 1949) eingeführte Begriff "patchwork-story", auf den sich Scholl explizit beruft (vgl. Benay 2003). In diesem Begriff schwingt auch die Tätigkeit des Nähens mit, die Scholl oft mit dem Schreibvorgang parallelisiert: "Nähen als Metapher: die subversive Überarbeitung von vorgegebenen Mustern, aus der eine weitere Lesart der Geschichte sichtbar werden soll", schreibt sie in Poetologische Notizen ABCD (Scholl 2003, 131).In Alle ihre Körper (1996)etwa "näht" sie aus den Biografien der Chanson- und Schlagersängerin Dalida und der Diva Maria Callas poetische "Patchwork-Biographien", mittels neuer Sprachgewebe werden die beiden zersplitterten Identitäten neu zusammengesetzt. Scholls Schreiben ist dabei höchst materiell, stets wortwörtlich. So ist der Körper, ein weiterer zentraler thematischer Knotenpunk ihrer Literatur, immer auch als Sprachkörper zu verstehen.

Es gehört zur Qualität ihrer Literatur, dass Scholl das fundierte "theoretische Unterfutter" anzumerken ist. Wichtige Ausgangsbasis war die Arbeit zu Unica Zürn, für die sie Theorien Michel Foucaults heranzog. Bezugspunkte sind auch Judith Butlers Ausführungen zur Subjektbildung oder die Arbeiten des Barthes-Schülers Tzvetan Todorov, soziologische und ethnografische Texte sind weitere Quellen. Dabei agiert Scholl auch als Vermittlerin: In verschiedenen Lehrtätigkeiten (Portugal, USA, Japan), ihren Poetikvorlesungen und bei der Arbeit für die Wiener "Schule für Dichtung" hebt sie immer wieder die Grenzen von Sekundär- und Primärliteratur auf. Ihr Blick über viele Grenzen lockert zum einen die hierzulande oft vorherrschende akademische Ablehnung der Lehrbarkeit von Literatur, zum anderen führt er zu einer Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem "Eigenen" und dem "Fremden", eine Auseinandersetzung, die Scholl stets als Chance begreift.

Wolfgang Straub

 

Fehler Fallen Kunst. Zu Unica Zürn. Frankfurt 1990. - Fette Rosen. Erzählungen. Berlin 1991. - Haut an Haut. Roman. Berlin 1993. - Gut im Bild. Hand-Buch. Klagenfurt 1994. - Wie komme ich dazu? Graz, Wien 1994. - Alle ihre Körper. Zwei Erzählungen. Klagenfurt 1996. - ALS FRAU (im haus-ruck-viertel). In: Gruppe für angewandte Texte (Hg.): Wortgestrüpp und Textgebirge. Linz 1997, 41-46. - Die Welt als Ausland. Essays. Wien 1999. - Die geheimen Aufzeichnungen Marinas. Roman. Berlin 2000. - Poetologische Notizen ABCD. Berlin November 2001. In: Kernmayer, Hildegard; Ganglbauer, Petra (Hg.): Schreibweisen. Poetologien. Die Postmoderne in der österreichischen Literatur von Frauen. Wien 2003, 131-134. - Lissabonner Impressionen. Literarische Streifzüge. Düsseldorf 2005. - Sprachlos in Japan. Notizen zur globalen Seele. Wien 2006. - Giftige Kleider. Roman. Wien 2010. - Tödliche Tulpen. Roman. Wien 2011. - Wir sind die Früchte des Zorns. Roman. Berlin, Zürich 2013. - Die Füchsin spricht. Roman. Berlin, Zürich 2016.

Benay, Jeanne: Sabine Scholls Poetik der "Mestiza". In: Hildegard Kernmayer und Petra Ganglbauer (Hg.): Schreibweisen. Poetologien..., a. a. O., 135-149.