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Sagen

I. Allgemeines

Sagen sind "mündlich überlieferte Erzählungen, die an historische Ereignisse anknüpfen", so ließe sich kurz und bündig mit dem Duden Bedeutungswörterbuch sagen, fehlte dieser knappen Formulierung nicht ein Spektrum an wichtigen Merkmalen und weiteren Bedeutungen, die auch im Verb "sagen", von dem die Sage hergeleitet wird, enthalten sind. Bis ins 18. Jh. war das Wort "Sage" nahezu synonym u. a. mit "Bericht", "Erzählung", "Kunde", "Gerücht". In Zusammensetzungen wie "Aus-Sage", "Ab-Sage", "Zu-Sage" finden wir noch den ursprünglichen Sinn, doch mit dem Erscheinen der Deutschen Sagen der Brüder Grimm und in der Zeit der Romantik, wo das Interesse für Sagen geweckt und besonders groß wurde, verengte sich die Bedeutung von ‚Sage‘ zum Sammelbegriff für volkstümliche, knappe, vor allem bzw. zunächst mündlich überlieferte Erzählungen, die bestimmte Örtlichkeiten, Personen, Ereignisse, Erscheinungen der Natur zum Inhalt haben und diese zumeist noch mit magisch-numinosen oder mythischen Elementen verbinden. Wir begegnen sowohl in den Sagen als auch in den Märchen wunderlichen Stoffen von Hexen, Riesen, Teufeln, Zwergen usw. und auch denselben Motiven der Erlösung, Verdammung, aller möglichen menschlichen Schwächen und Ähnlichem. Was aber die Sage deutlich von den Märchen trennt, ist ihre mehr oder weniger genaue Datierung und Lokalisierung des Erzählten, dem damit ein hoher Grad an Faktizität und Wahrheit zugesprochen wird.

Sagen gehören zum Gegenstand der Erzählforschung, einer vergleichsweise jungen Forschungsrichtung, die heute vor allem der Literaturwissenschaft, ursprünglich aber der Europäischen Ethnologie bzw. Volkskunde zugehörte und sich außerdem mit Textsorten wie Märchen, Legende, Schwank, Witz, Anekdote und allen möglichen Alltagsgeschichten beschäftigt. Alle diese Texte basieren zunächst auf mündlichen Überlieferungen und besitzen entsprechende Merkmale wie narrative und stilistische Schlichtheit bis hin zu dialektalen Einschlägen. Was ihre Genese angeht, beruhen Sagen nach Hermann Bausingers Formen der Volkspoesie zunächst auf "subjektiver Wahrnehmung" eines Ich-Erzählers, der Selbsterlebtes und außergewöhnliche Begegnungen berichtet (sog. Memorate), diese aber einem "objektiven Geschehen" der jeweiligen Region, der Geschichte oder Naturerscheinungen (z. B. bestimmten Katastrophen) zuordnet; nach diesem kreativen Prozess sind dann Sagen mit normaler Erfahrung nicht mehr erklärbar, aber immerhin lassen sich in bestimmten Namen, in auffälligen Geländeformen wie aufragenden Felsen, tiefen Schluchten und dergleichen (sog. Objektivationen) ihre gegenständliche Realität wahrnehmen und erkennen. Solche persönlich erlebte Geschehnisse oder Erfahrungen münden schließlich in schon traditionell vorgegebene Erklärungsmuster mit oft zauberhaft-mythischen Elementen und in allgemein geläufige Sinnzusammenhänge, die im Verlaufe des Erzählprozesses überformt, erweitert, stilisiert und variiert werden und sich schließlich vom ‚Memorat‘ zum ‚Fabulat‘, also zu unserer Sage, verfestigen. Betont wird, Sagen würden in ihrer Überlieferung von den Anfängen bis in unsere Zeit den jeweiligen Stand volkstümlicher Glaubensvorstellungen widerspiegeln und dadurch einen unschätzbaren Wert an Religions- und Sozialgeschichte besitzen.

Die Schwierigkeit, Sagen überzeugend zu charakterisieren, liegt in der Vielfalt und Heterogenität ihrer Stoffe, Themen, Motive usw. Zugleich finden sie gerade deshalb noch immer bei vielen Menschen großes Interesse. Sagen haben ihren Unterhaltungswert und steigern ihn dann, wenn ihre Glaubensbindungen abnehmen und sie gleichsam zu Gruselgeschichten mutieren, die aber dann wiederum nach Lutz Röhrig eine bewusste Formgestaltung und einen eigenen Gattungsstil ausprägen.
Viele Versuche hat die Forschung bisher unternommen, Sagen nach bestimmten Kriterien einzuteilen. Ein brauchbares Modell bietet das Metzler Literatur Lexikon, das fünf Gruppen aufzählt, die sich aus ihrer Verbreitung als (1) "Wandersagen" (deren Motive sich jeweils lokalen Verhältnissen anpassen) bzw. "Lokalsagen" (mit sog. Milieudominanz) benennen lassen; nach Stoff und Struktur ergeben sich (2) "mythisch-dämonische Sagen" einerseits und "historische Sagen" über Personen und Ereignisse andererseits, nach Inhalten im engeren Sinne finden sich (3) Sagen über Hexen, Riesen, Tote, Teufel usw. als "Hexensagen", "Riesensagen" usw., des Weiteren lassen sich nach funktionalen Elementen (4) "Erklärungssagen" (sog. ätiologische Sagen mit der Antwort auf die Frage, warum etwas existiert) und "Erlebnissagen" (die vor Orten oder bestimmtem Verhalten warnen) unterscheiden, und schließlich ergeben sich aus modalen Aspekten (5) die "Schwank- und Zeitungssagen", beliebt und bekannt unter der englischen Bezeichnung Contemporary oder Urban Legend. Eine Überschneidung einzelner Aspekte ist bei dieser wie bei allen anderen Klassifizierungen unvermeidlich.

 

II. Sagen aus/in Oberösterreich

Großes Gewicht verleiht den Sagen der Faktor Örtlichkeit, der den Wahrheitsanspruch und die Glaubwürdigkeit der Erzählung erhöhen soll. Für OÖ. hat bereits 1932 Adalbert Depiny mit seiner bis heute gültigen und wertvollen Sagensammlung Oberösterreichisches Sagenbuch (OSB) einen Grundstein für verschiedene Bereiche der Landeskunde gelegt. Unter der tatkräftigen Mithilfe der Lehrenden des Landes wurden rund 2.600 Sagen aus allen Landesteilen zusammengetragen, davon etwa 1.600 in diversen Quellen aufgespürt. In erster Linie wird die lokale mündliche Überlieferung hervorgehoben, soweit sie für die damalige Zeit mit Gewährspersonen erfassbar war, daneben auch volkstümliche Darstellungen aus Quellen des 19. Jh. sowie Berichte aus alter Zeit, in denen vor allem der Volksglaube (Aberglaube) als "altes Erbe" (z. B. Wilde Jagd, Bercht, Riesen, Hexen, Gespenster, Geister, Schätze, Teufelssagen u. v. m.) repräsentiert ist und viele "wundersame Geschichten" enthalten sind (z. B. Heilige, Unheilige, heilige Zeiten). Sie bilden auch die erste Kategorie der Sammlung. In einer zweiten Kategorie, "Versunkene Zeiten" genannt, werden Geschichten aus der heidnischen Frühzeit, aus der Römerzeit sowie der Zeit der Hunnen und der frühen Landnahme der Baiern berichtet.
Das differenzierte Inhaltsverzeichnis gibt einen guten Überblick über die Stoffe und Motive der Sagen in OÖ., die Nachweise im Schlussteil mit den Verzeichnissen der Themen und Quellen, der Mitarbeiter und Auskunftspersonen, schließlich der wichtigsten Ortsnamen, wo die Sagen herstammen und sich zugetragen haben sollen, machen das Werk überaus benutzerfreundlich und in hohem Maße ertragreich.

Der Unterricht in Schulen, viele Heimatbücher, die Vermittlungen der Sagen durch erzählende und schreibende Menschen tragen dazu bei, dass das Sagengut im Land OÖ. im Gedächtnis lebendig bleibt und weitergegeben wird. Das OSB von Adalbert Depiny bildet in diesem Zusammenhang für gezielte Analysen die Basis. So könnte bei vorsichtiger Beurteilung aus den Umfragen vor dem Jahr 1932 die Frequenz, Verbreitung und Beliebtheit der Sagenstoffe erschlossen werden. Teilweise ergeben sich solche Schlussfolgerungen schon aus der Anordnung der Sagen im OSB, indem bewusst unter dem Titel "Altes Erbe" die Hauptmasse der mündlich tradierten Sagenstoffe erfasst dargeboten wird und damit die Vorliebe für alles im "Volksglauben" Überlieferte zum Vorschein kommt. Wagt man sich unter den genannten und bedenkenswerten Vorbehalten an eine quantitative Reihung innerhalb der als Volksglaube bzw. "Aberglaube" geführten Thematik, so dominieren auf über 80 Seiten der Sammlung die Teufelssagen (OSB 228-309, mit 552 Berichten). Über alle Landesteile verstreut erzählen die Geschichten von gelungenen oder misslungenen Handlungen des Teufels, wie man den Teufel selbst abzuwehren vermag, in welchen Gestalten er auftreten könne und welche Spuren heute noch an ihn erinnern würden. Lebendiger Nachhall solch teuflischer Geschichten findet sich in den vielen spezifischen Namen, wie z. B. in "Teufelsstein" (bei Haslach, bei Schlägl), "Teufelsstätte" (bei Laakirchen), "Teufelshöhle" (Kremsmünster, Steyrling), "Teufelsturm" (bei Grein), "Teufelsfelsen" (bei Freistadt), "Teufelsmühle" (bei Mondsee, bei Vichtenstein), "Teufelsgraben" (bei Leonstein), "Teufelsweg" (zwischen Pöndorf und Fornach), "Teufelsbrunnen" (bei Reichersberg) u. v. a.
Nicht minder zahlreich vertreten sind Erzählungen über Hexen und ihre diversen Zaubereien (OSB 162-225, mit 392 Berichten). Hexen stehen ihnen zufolge in einem Pakt mit dem Teufel, der ihnen Macht verleiht, allerlei Schaden auf Bauernhöfen und deren Fluren anzurichten. In den Sagen über Hexen oder Hexenmeister werden diese Personen ganz konkret mit Namen und Wohnort ausgewiesen. Aller Kontakt mit ihnen muss gemieden werden, weil sie dadurch Einfluss und Macht über Haus und Hof und deren Bewohner gewinnen würden. Wer die Kunst des Hexens besaß, konnte Milch, Butter, Schmalz, Eier und dergleichen aus dem Hof wegzaubern, das Vieh verhexen und schwere Flurschäden anrichten. Derart verheerende Folgen würden ausbleiben, wenn man solch verdächtigen Menschen aus dem Weg ginge und jeden Umgang mit ihnen miede, keine wie immer geäußerte Bitte ihrerseits erfüllte, denn das würde deren Einfluss steigern. Auch hier bekräftigen genaue Angaben zu Person, Ort und Zeit die Glaubwürdigkeit der Sagen und verstärken deren reales Geschehen; so heißt es beispielsweise, "im Reifgrabenhäuschen in Scharnstein wohnte die Eva", die den Kühen die Milch verzaubert habe (OSB 163, Nr. 6), "in der Gegend von Zell bei Zellhof war vor 200 Jahren die Wagenlehnerin eine gefürchtete Hexe" (OSB 164, Nr. 10), "beim Voglhubergut in Frankenmarkt stand unter einer Eiche ein Hexenkreuz", wo die Eiche den verhexten Platz markierte (OSB 166, Nr. 22) usw. Viele dieser Berichte enthalten allerlei Details nicht nur über die Kunst des Hexens, sondern auch anleitende Hilfen, um Schäden abzuwenden oder Teufelsbündnissen zu entgehen. Mit historischen Fällen der Hexenverfolgung können sie im wissenschaftlich gesicherten Sinne nicht korreliert werden.
Nicht fehlen dürfen in diesem Zusammenhang die Sagen von der Wilden Jagd, von Frau Percht, von Geistern und Gespenstern, von Spukgestalten und Ungeheuern in Gestalt der Drachen, Schlangen und den aus ihnen erlösungsbedürftigen Wesen. Berichte darüber finden sich in allen Teilen des Landes (vgl. dazu OSB 3-161, mit 119 Berichten).
Es seien noch die historisch und religiös motivierten Sagen erwähnt, die konkret auf Ortsgründungen, Kirchenbauten, Errettungen, abgelegte Gelübde, vor allem auf Heilige und ihre Erscheinungen, nicht zuletzt auf heilige Zeiten wie die Raunächte, auf die Sonnenwende, auf Sonn- und Feiertage verweisen (OSB 318-367, mit 319 Berichten). Viele dieser wundersamen Geschichten nähern sich mit ihren charakteristischen Merkmalen den Legenden an und erinnern damit an sie.
Längst vergangene, ja weit zurückliegende Zeiten und ihre prägenden Geschehnisse greifen die 484 Sagen im Schlussteil der Sammlung auf (OSB 371-442). Dabei geht es um Heidnisches und Frühchristliches im Lande, die frühe Besiedelung, kriegerische Auseinandersetzungen und Friedensschlüsse, schwere Seuchen und Hungersnöte, verschwundene Stätten und Schätze, um Raub und allerlei Unglück, nicht zuletzt auch um Einzelschicksale in Liebe und Leid. Gerade diese die Sammlung abschließenden Sagen gründen mitunter in noch heute sichtbaren, besonderen Spuren der Landschaft, die ihrerseits die Erzählungen in der Erinnerung der Bewohner wachhalten.

Spricht man über Sagen, so schweifen die Gedanken unwillkürlich zu den Heldensagen mit den zentralen Gestalten von Siegfried, Dietrich von Bern, Rüdiger von Pöchlarn u. a., aber auch zu den altnordischen Sagas mit ihren parallelen Geschichten zu den Festlandsagen; und obwohl der Zug der Nibelungen ins Hunnenland auf dem Landweg durch OÖ. (Eferding, Enns) führte, finden sich keinerlei Hinweise auf diesen prunkvollen und beschwerlichen Durchzug in mündlichen Erzählungen der Volkssagen. In diesen schon früh festgehaltenen Heldensagen begegnen wir alten Stoffen aus dem Mittelalter in einer literarischen Kunstform. Werden Sagen von Autoren der Gegenwart erzählt, dann haben sie das Merkmal der anonymen Autorschaft verloren und stellen eine junge Form der Kunstsage dar. Alle Texte, ob mündlich oder schriftlich tradiert, die sich mit Sagenstoffen beschäftigen, erfüllen mehrere Ziele, indem sie nicht nur unterhalten, sondern auch belehren und erklären, vielleicht auch noch mahnen und warnen.

Herbert Tatzreiter

 

Commenda, Hans: Sagen in und um Linz. In: Oberösterreichische Heimatblätter 21 (1967), H. 3 u. 4,  27-74 (als Sonderband Linz 1968, 46 S.). - Depiny, Adalbert (Hg.): Oberösterreichisches Sagenbuch. Linz 1932 (= OSB). - Gloning, Kajetan Alois: Oberösterreichische Volks-Sagen. Linz 1912. - Hofbauer, Friedl: Sagen aus Oberösterreich. Wien 2000 (illustriert von Dominic Groebner). - Kramer, Josef (Hg.): Das Mühlviertel in seinen Sagen. Weitra 1992. - Ders. (Hg.): Das Innviertel in seinen Sagen. Wien u. a. 1994. - Paulitsch, Karl: Sagen und Geschichten aus Oberösterreich. Ein Volksbuch für Jung und Alt. Linz 1949. - Petzoldt, Leander (Hg.): Sagen aus Oberösterreich. München 1993. - Ders.: Einführung in die Sagenforschung. 3. Aufl. München 2002. - Pils, Richard (Hg.): Erzählungen und Volkssagen aus den Tagen der Vorzeit von dem Erzherzogthume Oesterreich ob der Enns. Linz, Weitra 1991 (Nachdruck der Ausgabe Linz 1834, zusammengetragen und hg. von Richard Pils). - Pöttinger, Josef: Oberösterreichische Volkssagen. Wien 2005. - Röhrich, Lutz: Die deutsche Volkssage. Ein methodischer Abriß. In: Studium Generale 1958, H. 11, 664-691. - Schmidt, Leopold: Die Volkserzählung. Märchen - Sage - Legende - Schwank. Berlin 1963. - Weidinger, Erich (Hg.): Das Hausruckviertel in seinen Sagen. Weitra 1996. - Winkler, Fritz: Sagen aus dem Mühlviertel. 2 Bde. Linz 1966.

Stand: 16.11.2015