Sauwald

Vichtenstein/Donau; © Ansichtskartensammlung Stift St. Florian

Südlich der Donau gelegen, erstreckt sich der Sauwald nahe des Dreiländerecks Österreich, Deutschland und Tschechische Republik als geologischer Teil der Böhmischen Masse (Granit- und Gneisgestein) über eine Fläche von 458 Quadratkilometer.

Geografisch und verwaltungspolitisch zählt das Gebiet, dessen Grenze im Westen der Inn zwischen Schärding und Passau bildet, zum Innviertel, gegen dessen sanfte Hügeln es sich nach Süden hin öffnet. Im Norden und Nordosten hingegen bricht der Sauwald mit seiner höchsten Erhebung, dem Haugstein (895 Meter), steil gegen die Donau ab und läuft gegen Osten bis Waldkirchen und der Donauschlinge bei Schlögen in einem spitzen Winkel zu, sodass man auch vom "Sauzipf" spricht. Der Name stammt indes nicht, wie zuweilen angenommen wurde, von den in früheren Zeiten hier lebenden Wildschweinen, sondern leitet sich von der ursprünglichen Bezeichnung "Passauer Wald" ab. Erst 1779 (Frieden von Teschen) kamen das Innviertel und damit auch der Sauwald, der den Passauer Bischöfen zur Jagd und Erholung (Sommersitz in Kopfing) diente, von Bayern an Österreich. Frühere Ansiedlungen gehen auf Kelten und Römer (Kastell Stanacum am Donau-Limes), später die Bajuwaren zurück.
Das Klima im Sauwald ist mitunter rau, das Landschaftsbild prägen dichter Waldbestand insbesondere im Norden, agrarische Nutzflächen (u. a. Kartoffeln, sgn. "Sauwald-Echtlinge") sowie Dorfgemeinden (Hauptort: Münzkirchen), Weiler und Einzelgehöfte. Bis heute ist der Sauwald ein dünn besiedelter Naturraum mit land- und forstwirtschaftlicher Bedeutung, wurde in den vergangenen Jahren jedoch als Tourismus- und Kulturregion ("Kulturprojekt Sauwald") belebt. Neben den Burgen Krämpelstein (ca. 12. Jh.) bei Esternberg und Vichtenstein (ca. 1100, ehem. Pfleggericht), dem Stift Engelszell (gegr. 1293, einziges Trappistenkloster Österreichs) und dem Fatimaheiligtum Schardenberg sind der Baumkronenweg in Kopfing, der "Forellenzirkus" bei St. Aegidi sowie der Hof des Anführers des Oberösterreichischen Bauernkriegs Stefan Fadinger (1585-1626) in St. Agatha beliebte Ausflugsziele. Seit 2001 findet alljährlich das Radrennen "Sauwaldman" statt, im südlich gelegenen Diersbach hat sich das internationale "Jazzfestival INNtoene" einen Namen gemacht, ebenso der in Brunnenthal/Schärding ansässige Kulturverein Landstrich (gleichnamige Kulturzeitschrift).

In die Musik fand der Sauwald durch die Toccata des aus Passau stammenden Komponisten Klaus Obermayer (geb. 1943) Eingang. Aus literarischer Sicht hat das Gebiet insbesondere die Sauwaldprosa (1976; erweitert 1978, 1981, 1987 u. 2001) als umfangreiches und bekanntestes Werk des in Perlesreut bei Passau lebenden deutschen Schriftstellers Uwe Dick (geb. 1942; Marieluise-Fleißer-Preis 1986; Jean-Paul-Preis 2007) bekannt gemacht. Die stets erweiterte Sammlung verschieden langer Texte unterliegt keiner bestimmten Form und zeichnet sich durch die Montage unterschiedlicher Stile und Jargons (Erzählung, innerer Monolog, Tagebuch, historische und kulturgeschichtliche Reportage, direkte Rede u. a. im Dialekt, Dialoge, Briefzitate, Gedichte usw.), experimentellen Sprachwitz und Wortneuschöpfungen aus. Mit dem Versuch, "[d]em Diktat der Sprache zu trotzen" (Dick 2001, 419), erinnern die gesellschaftskritischen Texte an den deutschen Schriftsteller Arno Schmidt. Dick führt eine persönliche, abenteuerliche und kurzweilige Auseinandersetzung mit dem Kultur- und Lebensraum Sauwald, den er als "[s]ein Arkadien" (ebd., 5) bezeichnet und als genauer Beobachter in Reiseminiaturen - oftmals mit dem Fahrrad - erfasst. "Wundersam nicht, wenn man weiß, wie nahe der Sauwald ist, und wie weit er reicht. Bis zu den Tibetanischen Gebetsfahnen im Ohegraben, am Gestäude des munter mäandernden Flüßchens; Plastik- und Kleiderfetzen, die ihm das Hochwasser anhängt. Der Sauwald - bis tief hinter den Fudschijama, wenn die alleinherrschende Pyramide des Haugsteins aus dem Nebel steigt." (ebd. 405) Auch auf die Schwierigkeit einer exakten geografischen Eingrenzung des Gebiets vor allem Richtung Süden und Osten verweist die "Sauwald-Odysee" (ebd. 7): "Ja, da saanS jetzt scho z weit. Da Sauwald is do umme, doda - dooo ausse! [...] Jaaa, (singend) jaaaa, den Sauwald, den ko ma need greiffa. Der is, wo er is. Und wo er is, dees woaß eigentlich koana need gwiß." (ebd., 8f.)"

Ist die Sauwaldprosa eine Mischung aus Erlebtem und Fantastischem, aus Realität und Fiktion, so bewahrheitet sich der für die Region signifikante Ausspruch "Mei liaber, der kann aber loign!". Dabei bezeichnet das Wort "keineswegs einen Lügner, im Gegenteil es ehrte einen Menschen, der mit besonders plastischen Formulierungen sehr phantasievoll, also auch mit der notwendigen Kunst des Übertreibens, zu erzählen imstande war." (Zauner 1993, 108) Der fantastisch-surreale Roman Die andere Seite (1909) von Alfred Kubin ist innerhalb weniger Wochen im Herbst 1908 im Sauwald entstanden. In München bekannt geworden, erwarb der Buchillustrator und Zeichner gemeinsam mit seiner Frau Hedwig 1906 ein Haus in Zwickledt bei Wernstein, wo er bis zu seinem Tod lebte und mit zahlreichen Künstlern wie Hans Carossa, Hermann Hesse, Fritz von Herzmanovsky-Orlando oder Ernst Jünger persönlich und brieflich verkehrte. Auch zeitgenössische Künstler und Schriftsteller hat der nördlichste Teil des Innviertels angezogen und inspiriert.
Neben dem österreichischen Schriftsteller Alexander Giese (geb. 1921), der sich wiederholt in Wernstein aufhielt, dem aus Schardenberg stammenden Mundartdichter Karl Bachmair (geb. 1941), der unter anderem Sauwald-Gstanzln (Bachmair 2005) verfasst hat, sind der in Vichtenstein geborene Fritz Lichtenauer (Dialektdichtung, konkrete und visuelle Poesie), der Lyriker und Prosaautor Franz Xaver Hofer, dessen Texte immer wieder auf Spaziergänge in der Landschaft reflektieren, sowie das in Rainbach/Schärding lebende Ehepaar Roswitha Zauner und Friedrich Ch. Zauner zu nennen. In ihrer Lyrik setzt Roswitha Zauner, die auch Hörspiele sowie Erzählungen und Stücke für Kinder verfasst, dem Land, wo "die Bäume noch in den Himmel [wachsen]" (zit. nach Porträt 1996, 90) ein Denkmal. Ihr Mann, der nicht zuletzt als Hörspiel- Film- und Theaterautor (u. a. Evangelienspiele in Rainbach) erfolgreich ist, schildert in seinem vierbändigen Romanzyklus Das Ende der Ewigkeit (1992-96) chronistisch - beginnend in der Nacht zum Neujahr 1900, in der nicht nur die Wirtstocher Theres geboren, sondern auch der Knabe Maurits als Findelkind aufgenommen wird, bis zur umstrittenen Heirat der beiden und dem "Anschluss" Österreichs an das Dritte Reich 1938 - das einfache, entbehrungsreiche dörfliche Leben jenseits sozialromantischer Verklärung. Sein Roman Dort oben im Wald bei diesen Leuten erschien bereits 1981 und wurde 1990 verfilmt. Hier liegt das fiktive Dorf Recheuz "wie in den Wald hineingepfercht", es "besteht aus wenigen Häusern. [...] Die Leute haben einen sicheren archaischen Instinkt für Schönheit" (Zauner 1981, 22). Auch für die Film-Reportagen Im Sauwald (1977, Regie: Karin Brandauer) und Die oberösterreichische Donau (1979) hat Zauner, der die ländliche Welt der Region in eindringlichen, klaren Sprachbildern minutiös einfängt und sich des Idioms der Bevölkerung bedient, die Drehbücher geschrieben. Seine kritische "Heimatliteratur", schreibt Karl-Markus Gauß, "preist und verdammt die Heimat nicht, sie entdeckt sie" (Porträt 1996, 39).
Ebenfalls im Sauwald angesiedelt ist Franz Riegers Roman Paß (1973). "Das Dorf St. Sixt am Sauwald ist nicht das Dorf St. Sixt am Sauwald, die gezeichneten Leute befinden sich nicht dort, obwohl sie sich dort befinden könnten" (Rieger 1973, o. S.), heißt es in der Vorbemerkung. Der Text selbst ist eine differenzierte gesellschaftskritische Auseinandersetzung mit dem Topos des Außenseiters. Ein Lehrer lässt sich von der Stadt freiwillig in die äußerste ländliche Provinz versetzen.
Bei der Erzählung Eine Hütte im Sauwald des aus Kärnten stammenden Autors Antonio Fian (geb. 1956) handelt es sich wiederum um eine - stilistisch an Thomas Bernhards Prosa angelehnte - fiktive Begebenheit, bei der ein nicht näher bezeichneter "Romancier aus dem Innviertel" mitten in der Landschaft eine Behausung einrichtet, die die in seiner Literatur beschriebene Natur nachbildet, und erklärt, diese sei "sein Schreibtisch, [...] er verfasse seine Romane draußen" (Fian 2004, 90).

Bernhard Judex

 

Bachmair, Karl: Lach a wengerl! Lustige Begebenheiten aus dem unteren Innviertel und Gedichte zum Nachdenken. Ried/Innkreis 1996. - Ders.: Derlebt und derlost. Lustiges und Nachdenkliches in Innviertler Mundart. Ried/Innkreis 2000. - Ders.:Der Reim-Schmied. Gedankensplitter. Heiteres und Nachdenkliches in Innviertler Mundart. Ried/Innkreis 2005. - Dick, Uwe: Sauwaldprosa. Salzburg u. a. 2001. - Ders.: Des Blickes Tagnacht. Gesammelte Gedichte. Salzburg u. a. 2002. - Fian, Antonio: Eine Hütte im Sauwald. In: Ders.: Bis jetzt. Alte und neue Erzählungen. Wien, Graz 2004, 90-95. - Giese, Alexander: Die Mitten der Welt. Innviertler und andere Geschichten. Steyr 1994. - Hofer, Franz Xaver: Sigmund oder Die Stimme am Ohr. Aspach 1999. - Ders.: Das Ich im Freien. Lyrischer Kalender. Brunnenthal 2007 (= Landstriche extra). - Ders.: Leo. Gedichte. Passau 2011. - Kubin, Alfred: Die andere Seite. Ein phantastischer Roman. Mit 52 Abbildungen und einem Plan. [1909] München 1990. - Lichtenauer, Fritz: do schausd / midde aung. Weitra 1989. - Ders.: a longs und a broads. Weitra 2000. - Rieger, Franz: Paß. Roman. Wien 1973. - Zauner, Friedrich Ch.: Dort oben im Wald bei diesen Leuten. Wien, Hamburg 1981. - Ders.: Das Ende der Ewigkeit. 4 Bde. Grünbach 1992-96. - Ders.: Der Schnabel, wie er gewachsen ist. In: Ders. (Hg.): Innviertel. Linz 1993, 104-115. - Zauner, Roswitha: Meine Liebe - Mein Land. Gedichte. Linz 1978 (auch: Steyr 1997).

Amt der oberösterreichischen Landesregierung. Naturschutzabteilung (Hg.): Natur und Landschaft. Leitbilder für Oberösterreich, Bd. 23: Raumeinheit Sauwald. - Geyer, Andreas: Träumer auf Lebenszeit. Alfred Kubin als Literat. Wien u. a. 1993. - Hewig, Anneliese: Phantastische Wirklichkeit. Interpretationsstudie zu Alfred Kubins Roman Die andere Seite. München 1967. - Knickmann, Hanne; Nickel, Gunter: Optimierung des Denkens durch Witz. Interview mit Uwe Dick. In: Volltext, 5/2004. - Krolow, Karl: Böse Heimat im Nirgendwo. In: Der tagesspiegel, 21.10.1973 (auch in: Franz Rieger. Porträt. Die Rampe. Hefte für Literatur 1993, 33). - Lippner, Heinz: Alfred Kubins Roman Die andere Seite. Bern, München 1977. - Porträt. Friedrich Ch. Zauner. Porträt. Die Rampe. Hefte für Literatur 1996 (= Porträt 1996). - Regionalverband Sauwald (Hg.): Sauwald. Der Passauer Wald von A-Z.