Schärding

Schärding, 1933; © Ansichtskartensammlung Stift St. Florian

Schärding am Inn ist eine Bezirksstadt im Innviertel (4.876 Einwohner, Stand 2011) und die (Wahl-)Heimat sowie ein Bezugspunkt wichtiger AutorInnen und KünstlerInnen.

"Ich fuhr wieder nach Scheerding zurück, und heute ist der letzte Abend, den ich hier zubringen werde", schreibt Adalbert Stifter seiner "geliebten teuren Gattin" Amalia in einem Brief, den er am 22. Oktober 1863 im Wirtshaus des Josef Peham in Schärding verfasste und des Essens wegen abbrechen musste, um ihn erst am nächsten Tag in Ried im Innkreis fortzusetzen. Er erzählt ihr darin u. a. vom "Statthaltereirat Fischer, welcher Bezirksvorstand von Scheerding ist" und ihn zu einem angenehmen Plauderabend bei einer Baronin Voigtberg, "(ich glaube sie heißt so)", eingeladen habe (Stifter 2005, 114). Die Schönheit der Barockstadt, die 806 erstmals als landwirtschaftliche Siedlung ,Scardinga' in einer Passauer Urkunde erwähnt worden war, bringt Stifter nicht zur Sprache.

Dabei ist sie einem so Sensiblen für Natur- und Kulturlandschaften wie ihm sicher nicht entgangen. Gut möglich, dass der berühmte Dichter in Schärding auch am Inn spazieren war, wie es heute noch viele Touristen und Einheimische tun, wenn es ihnen nicht gerade ein so katastrophales Hochwasser wie jenes im Juni 2012 unmöglich macht. Wohl keiner hat die Kraft des Innflusses so eindrucksvoll besungen wie der 1890 in St. Marienkirchen bei Schärding geborene Autor Richard Billinger. Er war auch einer von jenen Literaten und Künstlern, die vom Mäzenatentum der Schärdinger Unternehmersfamilie Kapsreiter profitierten. In der 2. und 3. Strophe des Gedichts Der Inn kommt Billingers enge persönliche Beziehung zu dem mächtigen Fluss besonders gut zum Ausdruck: "Der Inn, der grüne Inn / kommt aus den Bergestälern. / Durch meine Adern rinn‘ / sein Zorn, den Dämme schmälern! // Der Inn, der grüne Inn / fließt durch die Heimataue. / Sein Herz ich mir gewinn‘, / wann seiner Wog‘ ich traue." (Billinger 1979-83, IV/161)

Würde man dem Inn nur ein paar Kilometer über die Schärdinger Stadtgrenze hinaus Richtung Passau folgen, käme man nach Wernstein, wo Alfred Kubin von 1906 bis 1959  in seiner "Arche" wohnte. Dass er ein Zeichner und Maler von Weltrang ist, gilt als unbestritten. Aber auch als Schriftsteller hat "der Magier von Zwickledt" Maßstäbe gesetzt. Sein phantastischer Roman Die andere Seite, der den Untergang des Traumreichs Perle erzählt, gilt als Eckpfeiler der literarischen Moderne. Für die einen ist er ein frühes Meisterwerk der Fantasy- und Katastrophenliteratur, für die anderen "eine kompromisslose Erforschung des Unbewussten", so Johannes Kuhn in seinem Artikel über den "Traumzerfetzer" (Kuhn 2008).
Vom Kubin-Haus hat man auch einen herrlichen Ausblick hinauf zum Sauwald. Diesem haben schon mehrere Dichter ein literarisches Denkmal gesetzt. Darunter Jean-Paul-Preisträger Uwe Dick, der aus Bayern stammende Autor der seit Jahrzehnten wachsenden Sauwaldprosa mit direkten Bezügen auch zur Barockstadt, Gesellschafts- und Sprachkritik inkludiert, z. B.: "Kubinschnitzel. Bei Forstinger zSchärding" (auch am Beginn von Pochwasser nachzulesen; Dick 1992, 8).
Im Sauwald, in Rainbach im Innkreis, wohnen Roswitha Zauner und Friedrich Ch. Zauner: sie Lyrikerin, er u. a. Dramatiker und Begründer der Rainbacher Evangelienspiele sowie Epiker mit Werken wie der Roman-Tetralogie Das Ende der Ewigkeit. Friedrich Ch. Zauner wurde durch seinen Deutschlehrer an der Hauptschule Schärding dazu veranlasst, an die Lehrerbildungsanstalt nach Linz zu gehen, wo er erstmals Schauspieler in Aktion sah, was seine Theaterleidenschaft nachhaltig prägte. Mit ihm hat, so Alois Brandstetter, "das Innviertel der Gegenwart seinen authentischen Chronisten gefunden." (Brandstetter/Horvath 2008, 138)

Wir konzentrieren uns aber nicht auf den Bezirk, sondern auf die Stadt Schärding. Gleich neben dem Inn liegt dort übrigens die Kneippkuranstalt der Barmherzigen Brüder. In diesem ältesten bestehenden Kneippkurhaus Österreichs erholen sich immer wieder bedeutende Literaten. Stammgast ist dort etwa der 1947 in Wien geborene Autor, Essayist und Sprachkünstler Franz Schuh.
Verlässt man die Innpromenade durch das Wassertor und geht über den Unteren Stadtplatz hinauf zum Oberen, kann man einen der schönsten Stadtplätze Oberösterreichs genießen. Der Blick Richtung Stadtpfarrkirche, Christophorusbrunnen und Silberzeile mit ihren farbenfrohen Bürgerhäusern ist eine Augenweide. In der Denisgasse 4, wurde 1729 Michael Denis geboren, der zumindest im 18. Jh. eine Berühmtheit war. In der Chronik von Johann Evangelist Lamprecht erfährt man über ihn Folgendes: "Denis trat, nachdem er seine Vorstudien zu Passau gemacht hatte, anno 1747 zu Wien in den Jesuitenorden, studirte und docierte in den Collegien zu Graz, Klagenfurt und Preßburg, Philosophie, Rhetorik und Poesie, wurde anno 1760 Lehrer der Literaturgeschichte am Theresianum zu Wien, später Vorsteher der Carellischen Bibliothek, dann k.u.k. Hofrath und erster Custos der k.u.k. Hofbibliothek in Wien. Er war als tiefgelehrter Bibliothekar, als Bibliograph, als Sprachforscher", aber auch "als Dichter" und "als frommer Priester gleich ausgezeichnet". (Lamprecht 1860, 395ff.)
Die Übersetzung der Bardengesänge Ossians habe ihn "unsterblich" gemacht und wurde ein Kult-Buch. Auch Johann Wolfgang von Goethe war so fasziniert davon, dass er eine seiner berühmtesten Figuren in dieser Lektüre aufgehen ließ: "Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt", heißt es etwa im 2. Buch der Leiden des jungen Werther (Goethe 1998, VI/82). Aber der Ossian ist auch einer der größten "Fakes" der Literaturgeschichte: Denn der schottische Dichter James Macpherson (1736-1796) hatte mit seiner angeblichen Übersetzung der gälischen Gesänge des Barden Ossian de facto die Leserschaft hinters Licht geführt und war deren Autor. Michael Denis verfasste auch lateinische Schuldramen und vor allem Lyrik. Sein Künstlername war "Sined, der Barde". Ihm ist auch das erste Lesebuch in Österreich zu verdanken, und bis heute werden Kirchenlieder aus seiner Feder gesungen, etwa Tauet, Himmel, den Gerechten im Advent oder zu Ostern Lass mich deine Leiden singen sowie Der Heiland ist erstanden.

Verlässt man den Stadtplatz durch das Linzer Tor und fährt Richtung Vorstadt hinaus, so kommt man zum Wohnhaus des Ehepaars Rager. Sonja Krünes-Rager ist Gildenmeisterin der Innviertler Künstlergilde. Wilhelm Rager, 1941 in Vöcklamarkt geboren, war von 1969 bis 2000 AHS-Professor am Gymnasium Schärding. Er machte sich auch als Dichter und als Erforscher der Ur- und Frühgeschichte des Unteren Innviertels einen Namen. Seine Lyrik setzt sich besonders mit dem Erleben der Natur auseinander, aber sie enthält auch meditative und sich allgemein mit dem menschlichen Dasein beschäftigende Texte. 2001/02 war Rager Preisträger beim Wilhelm-Szabo-Lyrikpreis des Österreichischen Schriftstellerverbandes, 2008 erhielt er den Feldkircher Lyrikpreis. In einem Rampe-Band 1985, für die auch W.G. Sebald und Hermann Jandl Beiträge lieferten, publizierte Rager 15 Gedichte, von denen eines den Titel Schärding trägt.
Durch die Vorstadt verläuft die Max-Hirschenauer-Straße. Sie ist nach einem der vielen Maler und bildenden Künstler benannt, die eine enge Verbindung zur Stadt Schärding hatten bzw. haben. Dazu zählen neben dem 1885 in der Barockstadt geborenen Impressionisten sowie Alfred Kubin etwa auch Franz und Degn Degn, Herbert Fladerer, Johanna Dorn, Franz von Zülow, Margret Bilger, Alois Riedl, Annerose Riedl, Wolfgang Schultz, Thomas Ring, Sonja-Krünes Rager, Anette Smolka-Woldan, Thomas Weber, Ulrike Zebisch-Hornung, Ingrid Pröller, Gisela Stiegler und Helga Hofer. Letztere wohnte mit ihren drei Kindern und ihrem Ehemann Franz Xaver Hofer, der einen Gedichtzyklus über Schärding aus den Jahren 1964/65 publizierte, von Herbst 1973 bis Sommer 1976 in der Hirschenauer-Straße.
Mit Franz Xaver Hofers Tod am 9. Juli 2012 verlor die heimische Literatur-, Kunst- und Kulturszene eine stille, aber umso bedeutendere Persönlichkeit, die weit über das Innviertel hinaus gewirkt hatte. Nicht nur der Verein "Bilgerhaus" in Taufkirchen an der Pram, der Kulturverein und die Hauptschule Schärding sowie die Leser des "Landstrich" und seiner Bücher können dies bestätigen. Ein zentrales Thema und Motiv seiner Lyrik und Epik ist das permanente Werden, Sich-Entfalten und Wieder-Vergehen, das Leben und Sterben der Natur und des Menschen.

In der Vorstadt, in der Pflegfeldstraße, wuchs auch der 1969 geborene Bernhard Flieher auf, er lebt heute als Kulturjournalist und Autor in Salzburg. "Weit, weit weg" ist nicht nur der Titel eines der bekanntesten Lieder Hubert von Goiserns, sondern auch eines der im Residenz publizierten Bücher Fliehers, der dem ‚Goiserer‘ auf vielen seiner (Konzert-)Reisen gefolgt ist und mehrere Porträts über ihn verfasste. Nicht zufällig zitiert Flieher im Vorwort seines Bucher den polnischen Autor Ryszard Kapuscinski (1932-2007), dem es immer um "Entdecktes Reisen, Lesen und Reflexion" ging. Bei Flieher, der auch ein sehr guter Kenner Bob Dylans ist, kommt da noch die Musik dazu.
Auch der Literaturwissenschaftler, Dramaturg, Regisseur und Autor Klemens Renoldner (geb. 1953) stammt ursprünglich aus Schärding. Er wuchs in Linz auf, seit 2008 leitet er das "Stefan Zweig Centre" an der Universität Salzburg. Zu seiner umfangreichen wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeit gehören u. a. auch seine Dissertation über Christa Wolf sowie sein Roman Lilys Ungeduld, in der sich auch eine Hommage an Stifters Erzählung Der Hagestolz findet.
Ebenfalls in Schärding geboren wurde 1943 die Kinder-und Jugendbuchautorin Edith Schreiber-Wicke. Sie lebt und arbeitet in Grundlsee, Wien und Venedig. Ihr Werk wurde schon mehrmals ausgezeichnet, u. a. 1985 mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis für Katzenkarneval oder 2004 mit dem Kinderhörspielpreis des MDR für Regenbogenkind.
Nicht aus Schärding stammt Ludwig Laher, aber in seinem Roman Bitter finden sich zahlreiche Bezüge zu dem "Barockstädtchen", wie es der Erzähler im Diminutiv nennt. Die Verkleinerungsform dient ja auch der Verniedlichung. Nur was hier auf der Basis einer ausführlichen Recherche erzählt wird, ist alles andere als niedlich. Die Hauptfigur Bitter wird als NS-Kriegsverbrecher und Massenmörder entlarvt. Dabei werden auch dunkle, vergessene Kapitel aufgeschlagen. Etwa jene vom Bahnhof Schärding als Zwischenstation der KZ-Transporte: "Schärdings etwas außerhalb der Stadt liegender Grenzbahnhof zum Altreich mit seinen ausgedehnten Gleisanlagen für den Güterumschlag hat von heute auf morgen seine Hauptfunktion verloren. In Zukunft wird hier an den grünen Abhängen des Sauwalds ausreichend Platz sein, von Zeit zu Zeit Viehwaggons zwischenzulagern, in denen Menschen in der Glut des Hochsommers nach Wasser brüllen werden, bevor man sie ihrem letzten Bestimmungsort zustellt." (Laher 2014, 55)

Matthias Part

 

Billinger, Richard: Gesammelte Werke. 7 Bände. Hg. von Wilhelm Bortenschlager. Wels 1979-1983. - Brandstetter, Alois; Horvath, Manfred: Oberösterreich. Das unvergleichliche Land. St. Pölten, Salzburg 2008. - Dallinger, Petra-Maria; Kastberger, Klaus: Heimat. Körper. Kunst. Richard Billinger Album. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im StifterHaus. Linz 2013. - Chronik der Stadt Schärding am Inn. Vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Eine Stadtgeschichte im Anschluss an die Lamprecht-Chronik. Hg. von der Stadtgemeinde Schärding. Linz 1991. - Denis, Michael: Literarischer Nachlass. Hg. von Joseph Friedrich Freiherr von Retzer (2 Bände in einem). Wien 1801/02. - Dick, Uwe: Sauwaldprosa. St. Pölten, Salzburg 2001. - Ders.: Pochwasser. Eine Biographie ohne Ich. München 1992. - Engl, Franz: Schärding am Inn. Ein Führer durch Stadt und Geschichte. Wernstein 1991. - Flieher, Bernhard: Weit, weit weg - Die Welt des Hubert von Goisern. St. Pölten,  Salzburg 2009. - Goethe, Johann Wolfgang von: Werke in 14 Bänden. Hg. von Erich Trunz. München 1998 (Sonderausgabe der Hamburger Ausgabe). - Gugerbauer, Anna; Dürr, Ernst: Hochwasserkatastrophen in Schärding und den bayrischen Nachbargemeinden. Wernstein 1999. - Higgs, Barbara; Straub, Wolfgang: Literarisches Reisen durch Oberösterreich. Wegen der Gegend. Fotos von Jo Pesendorfer. Frankfurt/Main 2001. - Hofer, Franz Xaver: Das Ich im Freien. Lyrischer Kalender. Mit Holzschnitten von Herbert Friedl. Brunnenthal 2007 (Landstrich extra). - Ders.: Die Notwehr des Herakles. Erzählungen. Linz 1993. - Kubin, Alfred: Die andere Seite. Ein phantastischer Roman. Mit 51 Zeichnungen und einem Plan. Mit einem Nachwort von Josef Winkler. Frankfurt/Main 2009. - Kuhn, Johannes: Der Traumzerfetzer. In: Die Zeit, 10.6.2008 (http://www.zeit.de/online/2008/24/vergessene-autoren). - Laher, Ludwig: Bitter. Roman. Göttingen 2014. - Lamprecht, Johann Ev.: Beschreibung der k.k. oberösterreichischen Gränzstadt Schärding am Inn und ihrer Umgebungen.Wels 1860. - Macpherson, James; Denis, Michael: Ossian und Sineds Lieder (5 Bände). Jeweils mit Titel- und Schlußvignetten von J. Adam. Wien 1784. - Rager, Wilhelm: Gedichte. In: Die Rampe 1985, H. 1. Linz 1985. - Renoldner, Klemens: Lilys Ungeduld. Roman. Wien, Bozen 2011. - Schreiber-Wicke, Edith: Regenbogenkind. Mit Illustrationen von Carola Holland. Stuttgart 2000. - Stifter, Adalbert: Adalbert Stifters Liebespost. Mit einem Vorwort von Margit Schreiner. Hg. von Günter Eisenhuber. St. Pölten, Salzburg 2005. - Zauner, Friedrich Ch.: Das Ende der Ewigkeit (4 Bände). Grünbach 1992-96.