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Schlafende Griechin

Gmunden mit der Schlafenden Griechin (im Hintergrund rechts); © Ansichtskartensammlung Stift St. Florian

Charakteristische Felsformation um den 1575 Meter hohen, östlich des Traunsees gelegenen Erlakogel.

Nach dem Traunstein ist der Erlakogel der zweithöchste Berg der Umgebung, in einem seiner Ausläufer (Gasselkogel) findet sich die Gassel-Tropfsteinhöhle, eine der tropfsteinreichsten Höhlen der nördlichen Kalkalpen. Um die Orogenese der "Schlafenden Griechin" ranken sich sagenhafte Erzählungen.

Von der Entstehung der Felsformation, deren Relief vom gegenüberliegenden Ufer des Traunsees aus an die Gesichtszüge einer Frau erinnert - der Gipfel stellt die Nase der "Griechin" dar -, berichten zwei Überlieferungsvarianten, die beide "landschaftliche Besonderheiten zu erklären und sie zu personifizieren" versuchen (Hitzenberger 1989, 37). Die erste Sage erzählt vom greisen König Dachstein, der den Traunstein wegen seines Ungehorsams an den Rand seines Reiches, die Grenze zum Alpenvorland, verbannt habe. Weil sich ein treuloses Weib aus der Region eines Nachts zu ihm schlich und sich ihm anbiederte, verfluchte sie der mächtige Dachstein und versetzte sie als Berg an die Seite des Traunsteins. Der Erlakogel ist aus dieser Perspektive das Ergebnis eines Frevels bzw. des darauf folgenden Fluchs.
Auch die zweite Erzählung präsentiert eine Metamorphose: In der Nähe des Traunsees habe einst der gutmütige, menschen- und zwergenfreundliche Riese Erla gelebt. Bei einer seiner nächtlichen Wanderungen im Gebirge erblickte er eine schöne Nixe, die er wegen ihres auffällig strahlenden Haares "Blondchen" nannte. Als auch er ihr gefiel, versprach Erla, für sie ein Schloss im Traunsee zu errichten, für das er Materialien aus verschiedenen Regionen (u. a. Marmor vom Dachstein) herbeischaffte. Mit Hilfe der befreundeten Zwerge und deren König Rötel errichtete er in Rekordzeit das Schloss, doch stellte sich schnell Traurigkeit ein, weil er es selbst aufgrund seiner Größe nie betreten konnte. Die Hexe Kranawitha (Namensgeberin für den Kranabethsattel im Höllengebirge) wusste Abhilfe und verwandelte den Riesen in einen herrlichen Ritter. Es wurde Hochzeit gefeiert, das Paar war eingerichtet für das dauerhafte Glück des Märchens, doch: "Nixenglück währt nur einen Sommer." Im Herbst schwanden die Kräfte der Nixe und mit dem ersten Schnee kam der Tod. Kranawitha löste daraufhin den Zauber, der verwitwete Ritter wurde wieder zum Riesen Erla und meißelte die Gesichtszüge seiner Braut in den Felsen.
Die "Schlafende Griechin" ist in dieser Erzählung das Denkmal eines verzweifelten, von den Gesetzen mythischer Narrative betrogenen Liebenden - und damit nicht zuletzt ein Kunstwerk: Während die Machtgeste des König Dachstein im Wesentlichen eine recht plumpe Bestrafung einer Subalternen darstellt, ist die prägnante Felsformation als Machwerk Erlas ein bewusst in dieser Weise geschaffenes Objekt der Kunst, das die verstorbene Nixe für ihren Gemahl selbst nach ihrem Tod noch präsent hält.

Von den beiden Sagen, die die Versteinerung entweder als Bestrafung für ungebührliches Verhalten oder als posthume Ehrung für bezaubernde Schönheit erzählen, weist v. a. die erste reiche mythografische Traditionslinien auf: Nimmt man die ‚griechische Codierung‘ der Topografie ernst, so lässt sich sowohl an Niobe als auch an Echo - wie Blondchen ein Wesen des Wassers - denken. Hybris und Anmaßung gegenüber höhergestellten mythologischen Instanzen führen beide in die Versteinerung: Niobe, nachdem sie als vierzehnfache Mutter eine bedeutend weniger fruchtbare Göttin verspottet hatte ("es biegt sich der Nacken / Nicht mehr, es rühren die Arme sich nimmer; der Fuß hat zu schreiten / Völlig verlernt; auch die innern Organe sind alle versteinert"; Ovid 1971, VI, 307-309); Echo, weil sie zuerst Beihilfe zu Zeus' Ehebruch geleistet hatte und später, schon weitgehend stumm, vom schönen Narziss abgewiesen wurde ("die Knochen, sie wurden zu Stein, so erzählt man"; ebd., III, 399).
Ebenso ließe sich an andere europäische Sagenkreise denken, die in ähnlicher Weise außergewöhnliche Steinformationen als Resultat lasterhaften Treibens deuten, z. B. die "Demoiselles de Langon" (Bretagne), die "Pipers Stones" (Cornwall), der "Boitiner Steintanz" (Mecklenburg-Vorpommern) oder die "Hohensteine" in der Nähe von Wolfsburg (Niedersachsen). Als zwar anders geartete, im Grunde jedoch vergleichbare Erzählung einer positiv verstandenen Versteinerung eines Menschen wäre die "Steinerne Agnes" in den Berchtesgadener Alpen zu nennen: Sie stellt der Sage nach eine gottesfürchtige Sennerin dar, die auf diese Weise vor der Verfolgung des Teufels in Sicherheit gebracht werden sollte. Als Fazit ließe sich formulieren: Während die Bestrafungsversion reiche (im weiteren Sinne) mythologische Anknüpfungspunkte nahelegt, bietet sich die Auszeichnungsversion für kunsttheoretische Überlegungen an.

In der erzählenden Literatur hat die Sage verstreut Spuren hinterlassen. In Walter Eidlitz' (1892-1976) Novelle Der Stern (1918) etwa wird der "Schlafenden Griechin" bei einer amourösen Bootstour am Traunsee eine "böhmische Nase" attestiert (Eidlitz 1918, 394). Auch in Texten von Julian Schutting (geb. 1937; Wasserfarben, 1991; Absolut Homer, 1995) oder Raoul Auernheimer (1876 - 1948; Das Wirtshaus zur verlorenen Zeit, 1948), wo sich ein "aus Mitteleuropa herübergewehter Fahrgast [...] elegisch einer Felsenkante seiner entschwundenen Jugend erinnert" (Auernheimer 1948, 338), ist die markante Gesteinsformation um den Erlakogel zu finden.
Bei Christoph Ransmayr wiederum erfährt der sagenhaft motivierte Ort eine mythografische Umcodierung: In einer für Ransmayr typischen - durchaus postmodern zu nennenden (vgl. Kunne 2000; Müller 2009) - Überblendung von historischer und fiktiver Topografie präsentiert der Roman Morbus Kitahara(1995) den ehemaligen Kurort Moor, der in der Forschung mit Gmunden (vgl. Straub 2007, 71), aber auch Ebensee, dem "proletarische[n] Gegenufer zur bürgerlichen Sommerfrische" (Wagner 2009, 95), in Verbindung gebracht wurde. Die widersprüchlichen Zuordnungen des fiktiven Ortes Moor zur realen Traunsee-Landschaft, die v. a. von der österreichischen Kritik betrieben wurden, nivellieren jedoch tendenziell die Differenz zwischen realem und literarisch konstruiertem Raum (vgl. dazu Widmann 2009, 323; Ransmayr 1997, 216; Ransmayr 2004, 122).
In dieser "Topographie des Terrors" (Wagner 2009, 95) stellt die "Schlafende Griechin" keine Felsformation mehr vor, sondern einen Dampfer auf dem Moorer See. Gerüchteweise ein "Geschenk einer Werft in Istrien, ein Zeichen der Versöhnung und der Freundschaft im dritten Jahrzehnt der Besatzung", doch eigentlich bloß "dem Meer entzogener Schrott der adriatischen Küstenschiffahrt" (Ransmayr 1995, 62f.), repräsentiert sie als "Projektionsfläche[ ] für den Einzug des Fortschritts" (Spitz 2004, 140) Hoffnung und Zuversicht ebenso wie die Zwiespältigkeit kollektiver Erinnerung und Verdrängung. Indem die "Schlafende Griechin", die nach Krieg und Rückversetzung der Region in die "Steinzeit" (Ransmayr 1995, 41) das erste gemeinsam nutzbare motorisierte Transportmittel der Bewohner darstellt, den gleichen Namen wie das im Krieg gesunkene Vorgängerschiff erhält, verweist sie nicht zuletzt auf "[d]as Bemühen, an vermeintlich ruhmreiche Zeichen anzuknüpfen" (Spitz 2004, 125).
Zuletzt bearbeitete Franz Schwabeneder (geb. 1942) die Sage von der Schlafenden Griechin im 2010 in Linz uraufgeführten Kinderstück Der Riese vom Traunsee (vgl. Nagl 2010). Darüber hinaus wurde der charakteristische Erlakogel auch zu einem beliebten Motiv der Landschaftsmalerei, etwa in Ferdinand Georg Waldmüllers (1793-1865) "Traunseelandschaft mit Schloss Orth und dem Traunstein" (um 1830) oder gut siebzig Jahre später auch beim jung verstorbenen Expressionisten Richard Gerstl (1883-1908): "Traunsee mit ‚Schlafender Griechin‘" (1907) und "Uferstraße bei Gmunden" (1908).

Harald Gschwandtner

 

Auernheimer, Raoul: Das Wirtshaus zur verlorenen Zeit. Erlebnisse und Bekenntnisse. Wien 1948. - Eidlitz, Walter: Der Stern. Novelle. In: Die neue Rundschau XXIX (1918), Bd. 1, 384-396. - Fink, Gerhard: Who's who in der antiken Mythologie. München 2002. - Hellmuth, Thomas: Die Erzählungen des Salzkammerguts. Entschlüsselung einer Landschaft. In: Dieter A. Binder u. a. (Hg.): Die Erzählung der Landschaft. Wien u. a. 2011, 43-68. -  Hitzenberger, Sabine: Sagen & Märchen vom Traunsee. Seewalchen 1989. - Kunne, Andrea: Heimat und Holocaust. Aspekte österreichischer Identität aus postmoderner Sicht. Christoph Ransmayrs Roman Morbus Kitahara. In: Henk Harbers (Hg.): Postmoderne Literatur in deutscher Sprache. Eine Ästhetik des Widerstands? Amsterdam u. a. 2000, 311-333. - Müller, Maik M.: Postmoderne Topographien. Ernst Jüngers Eumeswil und Christoph Ransmayrs Morbus Kitahara. Frankfurt/Main  u. a. 2009. - Nagl, Silvia: Die schlafende Griechin kurz aufgeweckt. In: Oberösterreichische Nachrichten, 27.03.2010. - Ovid: Metamorphosen. Epos in 15 Büchern. Übers. u. hg. v. Hermann Breitenbach. Stuttgart 1971. - Ransmayr, Christoph: Morbus Kitahara. Roman. Frankfurt/Main 1995. - Ders.: "...das Thema hat mich bedroht". Gespräch mit Sigrid Löffler über Morbus Kitahara. In: Uwe Wittstock (Hg.): Die Erfindung der Welt. Zum Werk von Christoph Ransmayr. Frankfurt/Main 1997, 213-219. - Ders.: Geständnisse eines Touristen. Ein Verhör. Frankfurt/Main 2004. - Schutting, Julian: Wasserfarben. Salzburg u. a. 1991. - Ders.: Absolut Homer. In: Walter Grond (Hg.): Absolut Homer. Graz u. a. 1995, 160-184. - Spitz, Markus Oliver: Erfundene Welten - Modelle der Wirklichkeit. Zum Werk von Christoph Ransmayr. Würzburg 2004. - Straub, Wolfgang: Literarischer Führer Österreich. Frankfurt/Main u. a. 2007. - Wagner, Karl: Der Hundekönig. Zu einer Figur bei Christoph Ransmayr. In: Porträt Christoph Ransmayr. Hg. von Manfred Mittermayer und Renate Langer. Linz 2009 (= Die Rampe), 95-100. - Widmann, Andreas Martin: Kontrafaktische Geschichtsdarstellung. Untersuchungen an Romanen von Günter Grass, Thomas Pynchon, Thomas Brussig, Michael Kleeberg, Philip Roth und Christoph Ransmayr. Heidelberg 2009. - Wittmann, Helmut: Sagen aus Oberösterreich. Mit vielen Überlieferungen aus dem Salzkammergut. Mit Bildern von Jakob Kirchmayr. Innsbruck, Wien 2008.