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Teresa Präauer

© Katharina Manojlovic

Geb. 28. 2. 1979 in Linz.
Aufgewachsen in Schörfling, Graz und St. Johann im Pongau, lebt als Autorin und bildende Künstlerin in Wien.

Bevor es von Teresa Präauer etwas zu lesen gab, waren Bilder da. Ihre Arbeiten werden in Ausstellungen gezeigt, und ihr erstes Buch Taubenbriefe von Stummen an anderer Vögel Küken (2009) ist eine Postkartensammlung von fünfzehn gezeichneten Fantasievögeln, die sie uns so ernsthaft und genau vorstellt, als müsste sie einen Beitrag zur Ornithologie leisten. Begleitet werden diese Porträts von Sätzen, die eher zur Irritation befugt sind als zur Erklärung des Bildes. Ein Satz steht für sich allein, auf andere Sätze, die ihm Stütze und Rückhalt bieten, darf er sich nicht verlassen. Viel Weiß baut sich rund um ihn auf, das macht ihn umso bedeutsamer. Er steht in keinem größeren Zusammenhang, und so hängt er im Raum als Chiffre für eine erst zu entdeckende Wirklichkeit. ‚Mach etwas aus mir‘, raunt er dem Leser zu, der aus Andeutung und Rätsel etwas für ihn Achtbares herausziehen muss. "Gras verheddert sich in Gras", heißt solch ein Satz oder: "Die Haare sind die Federn der Menschen." An diesen Sprachübungen war bereits zu erkennen, dass sich Präauer Zugang ins Reich der Literatur suchte.

Drei Jahre später war er tatsächlich da, ihr erster Roman, mit dem sie sich sofort als ernsthafte Schriftstellerin positionieren konnte: Für den Herrscher aus Übersee (2012). Dass von ihr keine handfeste Geschichte mit Anfang, Ende und einer schlüssigen Entwicklung dazwischen zu erwarten sein würde, war nach den Sprachexerzitien des Vorläuferbandes abzusehen. Zwei Kinder leben bei ihren Großeltern, nachdem ihre Eltern verreist sind. Der Großvater hält sie und sich bei Laune und erzählt sich um Kopf und Kragen. Je länger das andauert, umso fragwürdiger muss einem diese Gestalt werden. Er gehört wohl den begnadeten Flunkerern an. Er redet von der großen weiten Welt und mittendrin er und eine geheimnisvolle Japanerin. Die Kinder verkörpern dagegen die Vernunft, bilden den Widerpart zum Überschwang des Großvaters. Was erfunden ist, was erlebt, und ob sich vielleicht ein Gemenge aus Leben und Gedanken eine eigene Wirklichkeit geschaffen hat, ist schwer zu entscheiden. Gewiss ist, dass wir es bei Präauer nicht mit einer Schriftstellerin von realistischem Zuschnitt zu tun bekommen, sondern mit einer, der es wichtig ist, auf die Bewegungen der Sprache, die Oberflächenströmungen des Satzflusses und den geheimen Untergrund der Wortbedeutungen zu hören. Sie bildet nicht ab, sie bildet Wirklichkeit neu.

Mit ihrem zweiten Roman, Johnny und Jean (2014), verhält es sich nicht anders. Sie ist keine der großen Vertrauenswürdigen in der deutschen Literatur. Erzählen bedeutet für sie eine Alternativwirklichkeit zu entwickeln, die sich abhebt vom Leben, das sich in den meisten Fällen als doch recht ereignislos erweist. Sie fährt mit ihrer Fantasie rein in die Biografie junger Menschen und macht daraus etwas Besonderes, indem sie Wunsch, Traum und Vorstellung zu den eigentlichen Trägern des Innenlebens, das auszugestalten sie sich vorgenommen hat, macht. Zwei Jugendliche ziehen vom Land in die Stadt, um etwas aus sich zu machen. "Ich stelle mir vor", so lautet der Dauerton einer Ich-Suche, die sich den Fantasieraum als Handlungsort erobert. Johnny ist die Erzähl-Autorität, die sich anmaßt, über das Leben anderer Figuren zu bestimmen. So sind die Anderen nie sie selbst, sondern Projektionen einer Erzählinstanz. Genauso gehen andere Autorinnen und Autoren auch vor, nur beharren diese auf der Richtigkeit ihrer Behauptungen. So etwas würde Präauer nicht einfallen. Sie erfindet drauflos und lässt Jean drauflos erfinden nach Belieben, pfeift aber auf den Nachweis der Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil: Alles erfunden, alles Bluff, das Erzählen nichts anderes als ein Täuschungsmanöver, lässt sie uns wissen.

Die Leistungen der Teresa Präauer blieben nicht unbeachtet. 2012 wurde sie mit dem aspekte-Literaturpreis für das beste literarische Debüt ausgezeichnet, 2015 erhielt sie den Literaturförderpreis im Rahmen des "Droste-Preises" der deutschen Stadt Meersburg und den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis der Stadt Bad Homburg.

Anton Thuswaldner

 

Taubenbriefe von Stummen an anderer Vögel Küken. Wien 2009. - Illustrationen zu Wolf Haas: Die Gans im Gegenteil. Hamburg 2010. - Für den Herrscher aus Übersee. Roman. Göttingen 2012. - Johnny und Jean. Roman. Göttingen 2014. - Oh Schimmi. Roman. Göttingen 2016.

Stand: 2.8.2016