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Wernher der Gartenaere

Manuskriptseite des Ambraser Heldenbuches, Cod. Ser. nova 2663; © Bildarchiv Austria / ÖNB, Wien

Dichter des Meier Helmbrecht, einer lehrhaften Verserzählung aus der zweiten Hälfte des 13. Jh., die im oberösterreichischen Raum spielt und wohl auch entstanden ist.

Alles, was über "Wernher den gartenaere" bekannt ist, rührt von seinem einzigen erhaltenen Werk her: dem Meier Helmbrecht. Wer dieser Wernher aber eigentlich war, weiß man nicht so genau: "gartenaere" könnte ein Familienname sein, eine Berufsbezeichnung, ein Hinweis auf seine Herkunft (ev. Garda) oder auch einfach nur ein sprechender Name für einen Dichter, der es versteht, "flores rhetorici" ("Blumen der Redekunst") gedeihen zu lassen. Man vermutet, dass Wernher ein fahrender Dichter war. Fest steht, dass er umfassend gebildet war, nicht zuletzt was die weltliche Literatur angeht. Gewirkt hat Wernher aller Wahrscheinlichkeit nach in der zweiten Hälfte des 13. Jh., was aber wiederum nur aus literarhistorischen Zusammenhängen erschlossen werden kann: Im Helmbrecht wird der Tod Neidharts (erste Hälfte 13. Jh.) beklagt, der vor der Jahrhundertmitte gestorben sein dürfte; in einem Gedicht des Seifried Helbling, einer Sammlung von kurzen satirischen Texten des späten 13. Jh., wird der Helmbrecht als bekannt vorausgesetzt.

Überliefert ist der Helmbrecht nur in zwei späten Handschriften: im Ambraser Heldenbuch (A), das Hans Ried 1504-15 im Auftrag Maximilians I. schrieb, und in der Berliner Handschrift (B), die im frühen 15. Jh. für den Ritter Leonhard Meurl zu Leonbach im Traungau verfasst wurde. Die Helmbrecht-Texte der beiden Handschriften weichen erheblich voneinander ab, schon die Textlänge variiert relativ stark, sodass man heute meist von zwei gleichwertigen Autorfassungen des Textes ausgeht. Unterschiedlich sind nicht zuletzt einige Ortsnamen, die der Erzähler für Vergleiche mit der außerliterarischen Welt braucht und die man immer wieder für Lokalisierungsversuche herangezogen hat: Während die in B genannten Orte Wels, Traunberg und Leonbach ziemlich sicher mit der Entstehung der Handschrift verbunden sind, könnten Hohenstein, Haldenberg und Wanghausen in A älter und vielleicht ursprünglich sein. Eindeutig zu identifizieren ist freilich nur Wanghausen, das am Ostufer des Inns gegenüber der Burg Burghausen liegt, die seit dem mittleren 13. Jh. den Herzögen von Niederbayern als Hauptsitz gedient hat. Wernher könnte in ihren Diensten gestanden haben. Zwingend ist das alles natürlich nicht, und vielleicht ist es auch nicht besonders wichtig, zumal, wie die Rezeption zeigt, der Helmbrecht bald im gesamten süddeutschen bzw. bairischen (Sprach-)Gebiet bekannt gewesen sein dürfte.

Der Aufbau der Verserzählung provoziert förmlich eine Strukturanalyse. Gerahmt von einem kurzen Pro- und Epilog, wird in knapp 2000 paargereimten Kurzversen die Geschichte des Helmbrecht erzählt. Der erste von vier Erzählblöcken (E1), deren Länge stark abnimmt, fungiert als Exposition: Helmbrecht ist Sohn des gleichnamigen Meiers (Großbauern), er will nicht länger Bauer, sondern Ritter sein - um des bequemeren Lebensstils willen. Der Vater will ihn davon abbringen, scheitert aber und stattet seinen Sohn zähneknirschend für seinen Aufbruch aus. Ein kurzes Zwischenstück (Z1) deutet Helmbrechts Raubritterleben mit wenigen Strichen an, das er nach einem Jahr für einen einwöchigen Besuch am väterlichen Hof unterbricht (E2). Er prahlt mit seinem neuen Status und lässt es sich gut gehen; vom Raubritterleben abzubringen ist er nicht, die guten Ratschläge des Vaters gehen erneut ins Leere. Helmbrecht überredet schließlich sogar seine Schwester Gotelind zur Heirat mit seinem Kumpanen Lemberslint. Zu den Raubrittern zurückgekehrt (Z2), feiert man groß Hochzeit (E3). Da erscheint ein Scherge mit seinen Gehilfen und überwältigt die Raubritter, die, obwohl zahlenmäßig klar überlegen, vor dem Gesetz machtlos sind. Helmbrecht wird als einziger am Leben gelassen: als Krüppel, dem man die Augen ausgestochen und je einen Arm und ein Bein abgeschlagen hat. Er streift ein Jahr ziellos durchs Land (Z3), bis er erneut zum Meierhof kommt. Dort ist all sein Flehen und Bitten aber vergeblich, der Vater jagt ihn fort. Wenig später wird Helmbrecht von Bauern, bei denen er als Raubritter geplündert hatte, aufgehängt (E4).

Die Aufteilung in Zwischenstücke und Erzählblöcke lässt es schon erahnen: Im Helmbrecht überwiegen die "dramatischen" Gesprächsszenen klar gegenüber jenen Abschnitten, die die Handlung fortschreiben. Vorbilder waren hier wohl die unzähligen Streit- und Lehrgespräche der mittelhochdeutschen Kleinepik. Doch auch sonst ist über den Helmbrecht ein dichtes Netz aus intertextuellen Anspielungen gespannt, z. B. wenn schon ganz zu Beginn auf der kunstvollen Haube Helmbrechts diverse Szenen aus dem Troja- und Aeneas-Stoff, aus der Heldenepik und dem Rolandslied eingewebt sind. Helmbrecht wirkt und agiert überhaupt, als wäre er den Winterliedern Neidharts entsprungen, die sich mit bitterem Spott über genau solche hochmütigen Bauerntölpel lustig machen. Sprachlich steht der Helmbrecht auf der Höhe der mittelhochdeutschen Dichtung. Die formale Glätte und Perfektion wird aber speziell in Figurenreden immer wieder bewusst mit Mundartlichem und Vulgärem gebrochen. Der Erzählduktus ist rasant, Motivresponsionen und Querbezüge verklammern die Blöcke der klar strukturierten Narration.

Das thematische Zentrum des Helmbrecht wird traditionell in der Belehrung ("Didaxe") gesehen. Es dominiert eine starre Gut-Böse-Dichotomie: Gut ist, was der Erzähler und vor allem der alte Helmbrecht in Exkursen und Gesprächen vertreten; schlecht, was der junge Helmbrecht und seine Spießgesellen sagen und tun, die schon mit ihren selbstgewählten Spitznamen stigmatisiert sind: "Hellesac" ("Höllensack"), "Lemberslint" ("Lämmerverschlinger"), "Küefraz" ("Kuhfresser"), "Wolvesguome" ("Wolfsrachen") etc.; Helmbrecht selbst nennt sich "Slintezgeu" ("Schlingsland"). Positiv gesehen wird das Sich-Integrieren in die gottgegebene, hierarchische Ordnung (also: Bauer bleibt Bauer, Ritter bleibt Ritter), positiv gesehen wird aber auch das "alte" Rittertum, das Helmbrecht-Vater aus seiner Jugend kennt - im Gegensatz zum "neuen" (Raub-)Rittertum. Die Wertediskussion erhält durch dieses Vergangenheitslob auch eine zeitliche Richtung. Wer sich gegen diese Ideale stellt wie Helmbrecht-Sohn, muss - dies die Moral von der Geschicht' - jämmerlich zugrunde gehen.

Ganz so schematisch funktioniert der Text aber doch nicht. Schief beispielsweise ist es, wenn der Vater - der es offenbar nicht geschafft hat, seinen Sohn "anständig" zu erziehen - plötzlich die Idee eines "Tugendadels" vertritt und diesen höher als den Geburtsadel stellt. Das passt zu seinem Lob des "alten" Rittertums - passt aber schlecht zum Thema seines Gesprächs mit dem Sohn: Denn was dem am offensichtlichsten fehlt, ist eben Geburtsadel. (Man könnte von "Gewandadel" sprechen, wenn der junge Helmbrecht auf seinen Anspruch auf Ritterschaft pocht, da seine Kleidung einem Bauern nicht angemessen sei.) Irritierend ist auch, dass "neues" und "altes" Rittertum an anderen Stellen nicht unterschieden werden. Kurz: Die Moral-Mixtur aus gottgegebener Ordnung und ethischen Fragen verträgt sich manchmal wie Wasser und Öl.

Für Eindeutigkeit hat dann die breite Rezeption des Helmbrecht gesorgt. Ein Helmbrechthof im Innviertel lässt darauf schließen, dass man den Titelhelden für eine historische Person hielt, seine Geschichte für eine tatsächliche Begebenheit. Im Wien und Prag des 14. Jh. war helmbrecht eine Bezeichnung für einen Lebemann oder Liebhaber. Vergleichsweise blass bleibt die literarische Rezeption im Mittelalter, die auf zwar zahlreiche, im Einzelnen aber unverbindliche Anspielungen auf den Text bzw. den Protagonisten beschränkt ist. Handschrift B ist wohl ein Indiz für die Beliebtheit des Stoffes in Oberösterreich. Später, im 19. Jh., las man den Helmbrecht in Bayern und Oberösterreich als Geschichte aus der Vorzeit der eigenen Heimat. Zahlreiche Bearbeitungen dokumentieren vor allem heimatkundliches und didaktisches Interesse. Dann wurde der überschaubare Helmbrecht zur beliebten Schullektüre, an Mittelschulen wie an Universitäten. Die Forschungsliteratur ist Legion, und fast gewinnt man den Eindruck, als ob man hier einen Text totgeforscht hätte. Eine bemerkenswerte Montage der literarischen, schulischen und wissenschaftlichen Rezeptionsverfahren stellt die jüngste "Nachschrift" zum Text dar: Alois Brandstetters Roman Der geborene Gärtner (2005).

Florian Kragl

 

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