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Wittgensteins Neffe

Cover der Erstausgabe 1982

Erzählung von Thomas Bernhard, erschienen 1982 im Suhrkamp Verlag (Frankfurt/Main).

Das Zentrum dieses autobiografisch grundierten Prosatextes bildet Thomas Bernhards "Freundschaft" - so auch der Untertitel - mit dem Mathematiker, Eintänzer, Opernliebhaber, Musikkenner, Philosophen, Schriftsteller und exzentrischen Privatier Paul Wittgenstein (1907-1979), der in der Wiener Gesellschaft als schillernde Persönlichkeit galt und nicht nur sein materielles Erbe, sondern auch sein "Denkvermögen zum Fenster (seines Kopfes) hinauswarf" (229), was zum psychischen Zusammenbruch führte. Neben authentischen Begebenheiten stehen - für Bernhards antithetische, von Gegensätzen geprägte Schreibweise charakteristisch - fiktive Umschreibungen der Realität. Genealogisch nämlich ist Paul Wittgenstein der Großneffe des Philosophen Ludwig Wittgenstein, der in Bernhards Werk ebenfalls auftaucht (vgl. Huber 2004). "Der eine, Ludwig, war vielleicht philosophischer, der andere, Paul, vielleicht verrückter [...]." (232)  

Als Bernhard im Sommer 1967 im Pulmologischen Krankenhaus Wien an einem Tumor operiert wird, befindet sich Paul Wittgenstein in unmittelbarer Nachbarschaft auf der sogenannten Baumgartner Höhe - jedoch in der psychiatrischen Anstalt Steinhof, in die er aufgrund seiner manisch-depressiven Erkrankung mehrmals eingewiesen wurde. Gemäß der für viele von Bernhards Texten bezeichnenden Leidensästhetik, wonach "der Kranke [...] der Hellsichtige ist" (255), wird Paul Wittgenstein zu einer Art literarischen Figur, zum Prototyp des sogenannten "Geistesmenschen", in dem sich Genialität und Wahnsinn, Kunstverstand und nervöse Überspanntheit, außerordentliche Begabung und Scheitern überlagern.
Auf die gemeinsamen Krankenbesuche folgen später wiederholt Begegnungen im oberösterreichischen Salzkammergut, wo Paul Wittgenstein auf dem Landgut der Familie in der Nähe von Traunkirchen seine Kindheit verbracht hatte. In der für Bernhard bekannten Übertreibung beschreibt dieser die Region als "kalt, unfreundlich und [...] Gift für alle Empfindlichen [...]. Das Salzkammergut ist herrlich für ein paar Tage, aber es ist vernichtend für jeden, der länger bleibt." (257) Ebenso wenig wie der in Ohlsdorf bei Gmunden ansässige Autor hält es Paul Wittgenstein auf Dauer hier aus und muss, einem steten "Hin- und Herreiserhythmus" (294) folgend, nach Wien oder in eine andere Großstadt fliehen. So wie in der Szene der erfolglosen Suche nach der Neuen Zürcher Zeitung, die Bernhard gemeinsam mit Paul Wittgenstein und einer Freundin quer durch Oberösterreich führt, wird die Stadt (Geist) gegen das Land (Natur) ausgespielt. Umgekehrt ist die ländliche Provinz der Rückzugsraum von den strapaziösen Eskapaden, die Paul Wittgenstein mit dem Taxi von Wien nach Ohlsdorf fahren lassen. Eine der vielen exzentrischen Ideen des "Genies ohne Resultate" (Camillo Schaefer) bleibt die Aufführung der Oper Die Frau ohne Schatten auf dem Traunsee auf einer "schwimmende[n] Bühne" (248). Dazu ist es freilich ebenso wenig gekommen wie zu einer geplanten Autobiografie, die jedoch - auch dies eine Parallele zu Bernhards fiktiven Figuren - bereits im Kopf existiert haben soll (vgl. Schaefer 1986, 46ff.).

Bernhard Judex

 

Wittgensteins Neffe. Eine Freundschaft. In: Thomas Bernhard: Erzählungen III. Hg. von Hans Höller und Manfred Mittermayer. Frankfurt/Main 2008 (= Ders.: Werke. Hg. von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler, Bd. 13), 207-307.

Diersch, Manfred: Thomas Bernhards Wittgensteins Neffe. Selbstfindung im Spiegel des Anderen. In: Herbert Arlt und ders. (Hg.): ,Sein und Schein - Traum und Wirklichkeit‘. Zur Poetik österreichischer Schriftsteller/innen im 20. Jahrhundert. Frankfurt/Main u. a. 1994, S. 145-152. - Huber, Martin: "Roithamer ist nicht Wittgenstein, aber er ist Wittgenstein." Zur Präsenz des Philosophen bei Thomas Bernhard. In: Klaus Kastberger und Konrad Paul Ließmann (Hg.): Der Dichter und das Denken. Wechselspiele zwischen Literatur und Philosophie. Wien 2004, S. 139-157. - Janik, Allan; Veigl, Hans: Wittgenstein in Wien. Ein biographischer Streifzug durch die Stadt und ihre Geschichte. Wien u. a. 1998. - Schaefer, Camillo (Hg.): Hommage Paul Wittgenstein. Wien 1980. - Ders.: Wittgensteins Größenwahn. Begegnungen mit Paul Wittgenstein. Wien und München 1986. - Vellusig, Robert H.: Thomas Bernhard und Wittgensteins Neffe: Die Bewegung des Hinundher. In: Modern Austrian Literature 23 (1990), H. 3/4, S. 39-52.