Dachstein

© Adalbert-Stifter-Institut / StifterHaus

Mit 2995 m ist der im äußersten Süden von OÖ an der Landesgrenze zur Steiermark gelegene Hohe Dachstein der höchste Berggipfel beider Bundesländer und hat wiederholt Eingang in die Literatur gefunden.

Sigmund Freud (1856-1939) führt in der Traumdeutung den Traum eines seiner Kinder als Beleg dafür an, dass es sich bei kindlichen Träumen oft um "simple Wunscherfüllungen" handle: Sein fünfjähriger Sohn habe ihm erzählt, dass er in der Nacht von der Ersteigung der Simonyhütte am Dachstein geträumt hatte. Dem Traum sei ein Ausflug in das Echerntal bei Hallstatt vorangegangen, im Laufe dessen der Kleine offenkundig enttäuscht darüber war, dass man nicht den Dachstein ersteige, jenen Berg, den man von der Sommerfrische-Unterkunft der Freuds über Bad Aussee bei Schönwetter gut sehen könne (vgl. Freud 1900, 89). Freud gibt an, dass er in diesem Sommer des Jahres 1896 von seiner Unterkunft in Aussee aus wiederholt die Simonyhütte mit dem Fernrohr habe erspähen können. Zu diesem Zeitpunkt - dem Todesjahr Friedrich Simonys (1813-1896) - bestand die Hütte bereits seit zwanzig Jahren. Für Simony, den Begründer der universitären Geografie in Österreich, war seit Beginn der 1840er Jahren die Erschließung, Kartierung und Erforschung des Dachsteinmassivs eine Lebensaufgabe, erst ein Jahr vor seinem Tod schloss er die große Monografie Das Dachsteingebiet ab. Simony war von Anfang an darum zu tun, seine wissenschaftlichen Unternehmungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Den Artikel Drei Dezembertage auf dem Dachsteingebirge veröffentlicht er 1842 in der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode - hier versteht er sich offensichtlich als Literat und befleißigt sich in seinen Rundblicken eines blumig-bilderreichen Stils. In einem zweiten Artikel für dieselbe Zeitschrift delektiert er sein städtisches Publikum mit Schilderungen über Zwei Septembernächte auf der Hohen Dachsteinspitze (1844), wobei er mehrmals die Großartigkeit und Gefährlichkeit dieser Unternehmung betont und für das Erreichen des gewünschten Pathos die gesamte Bandbreite literarischer und topischer Mittel zur Beschreibung der Gipfelerlebnisse einsetzt.


1844 lernte Adalbert Stifter im Salon Fürst Metternichs Friedrich Simony kennen. Von einem gemeinsamen Ausflug an den Fuß des Dachsteins bei Hallstatt wurde nicht nur die Novelle Bergkristall beeinflusst, auch die Figur Heinrich Drendorf im Nachsommer ist nach Simony gestaltet. Stifter, der sich bei seinen Versuchen als Maler selbst an Ansichten des Dachsteinmassivs versucht hat (in den Stifter-Schauräumen im Schubert-Geburtshaus in Wien-Alsergrund befindet sich das Gemälde "Im Gosautal - Die Holzmeisteralm mit dem Dachstein"), stellt in der Anti-Künstlernovelle Nachkommenschaften (1864) einen Maler in den Mittelpunkt, der sich zunächst daran macht, "den Dachstein so treu und schön zu malen, als er ist", und nicht eher aufhören will, bis "man den gemalten und den wirklichen nicht mehr zu unterscheiden vermöge." (Stifter 2001, 15f.) Der Ich-Erzähler gibt das Unternehmen jedoch bald auf und verbrennt die in seinen Augen gescheiterten Versuche. Julian (Jutta) Schutting (geb. 1937) erweist dieser Erzählung Stifters in einem frühen Text ihre Reverenz, wenn sie in Tauchübungen (1974) davon erzählt, wie die Feststellung des Malers zu einem Bild in Großvaters Stube - "das ist der Dachstein" (44) - dekonstruiert wird. Poetische Dachstein-Ansichten, die im Spannungsfeld von Natur, Erhabenheit und Profanisierung angesiedelt sind, liefert Schutting auch in dem Salzkammergut-Buch Wasserfarben ("das meistphotographierte Salzkammergut-Motiv, der Dachstein, der sich im Gosausee spiegelt", 179) sowie dem bibliophilen Band An den Dachstein. Auch die beiden österreichischen Schriftsteller Bodo Hell (geb. 1943) und Peter Gruber (geb. 1955) beziehen sich in ihren Arbeiten wiederholt auf das Dachsteinmassiv; sie verbringen die Sommermonate als Senner auf dessen Almen.
Oberösterreich teilt seinen höchsten Berg mit der Steiermark, die steirische Landeshymne hebt mit der Nennung des Gipfels an ("Hoch vom Dachstein an, wo der Aar noch haust"). Reinhard P. Gruber widmet sich in der "Schicksalsnovelle" Vom Dach der Welt auf ironische Weise der Frage, ob nun der Dachstein oder der Großglockner höher und bedeutender sei, und kommt zur eindeutigen Antwort: der Dachstein.

Wolfgang Straub

 

Freud, Sigmund: Die Traumdeutung. Wien 1900. - Gruber, Reinhard P.: Vom Dach der Welt. In: Ders.: Vom Dach der Welt. Schicksalsnovellen. Graz 1987. S. 56. - Schutting, Jutta: Dachstein. In: Dies.: Tauchübungen. Prosa. Salzburg 1974, 44-47. - Schutting, Julian: Wasserfarben. Salzburg, Wien 1991. - Dies.: An den Dachstein. Mit Farboffsetlithographien von Helmut Swoboda. Horn 2002. - Simony, Friedrich: Auf dem Hohen Dachstein. Wien 1921. - Ders.: Das Dachsteingebiet. Ein geographisches Charakterbild aus den österreichischen Nordalpen. Nach eigenen photographischen und Freihandaufnahmen illustriert und beschrieben von Friedrich Simony. 3 Bde. Wien 1889-95. - Stifter, Adalbert: Nachkommenschaften. Eine Erzählung. Frankfurt/M., Leipzig 2001.