Linzer Humanistenkreis

Stich von Hans Burgkmair d. Ä.: Kaiser Maximilian I. im Kreis von Musikern. Aus: "Der Weiß Kunig", um 1515; © Österr. Museum für angewandte Kunst / Georg Mayer

Sammelbegriff für eine allerdings nur lose organisierte Gruppe von Humanisten, die in den Jahrzehnten vor und nach 1500 im Umkreis des in Linz residierenden Kaiserhofes (punktuell) wirkten. - I. Humanismus, Humanisten - II. Humanisten in Linz.

I. Humanismus, Humanisten

Seit der Mitte des 15. Jh. breiteten sich in Deutschland die Ideen des italienischen Renaissance-Humanismus aus. Getragen wurde diese Bewegung von Gelehrten, die in produktiver Auseinandersetzung mit der klassischen Antike die "studia humanitatis" ("Wissenschaften vom Menschen") als humanistisches Bildungsprogramm entwickelten und propagierten. Im Gegensatz zu den "studia divinitatis" ("Wissenschaften von Gott") verstanden die Humanisten darunter einen innerweltlich und anthropozentrisch ausgerichteten Zyklus von Disziplinen, der Grammatik, Rhetorik, Poetik, Geschichtswissenschaft und Moralphilosophie umfasste. Auffallend an diesem Programm ist die starke Betonung des Sprachlichen, sowohl des grammatisch-linguistischen als auch des rhetorisch-poetischen Aspekts.

Für die Dozenten der "studia humanitatis" - ein Begriff, der ursprünglich von M. Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) geprägt und in der Renaissance erstmals von Leonardo Bruni (1369-1444) verwendet wurde - bürgerte sich im späten Quattrocento das Wort "humanista" ein, das sich im deutschen Sprachraum allerdings nicht durchsetzte. Hier nannten sich die Humanisten stets "poetae" ("Dichter"). Diese durch eine spezifische Bildung profilierte Personengruppe hatte sich in den deutschen Ländern seit der zweiten Hälfte des 15. Jh. quer zur ständisch gegliederten Gesellschaft als eine neue Funktionselite ausdifferenziert. Ihre humanistischen Qualifikationen - lateinische Sprachkompetenz und ein breites, durch die Lektüre lateinischer Autoren erworbenes Sachwissen - empfahlen sie für eine Fülle von Positionen an den Fürstenhöfen und in den Städten. Denn im Zuge des neuzeitlichen Verschriftlichungs- und Verwissenschaftlichungsprozesses wurde dort der Aufbau der Verwaltung in den einzelnen Territorien zunehmend nach rationalen Zielen geordnet und das römische Recht als verbindliche Norm eingeführt. Über die hierfür erforderliche Fachkompetenz verfügte besonders die neue humanistische laikale Intelligenz. Den Transformationsprozess an den deutschen Universitäten, die noch bis 1520 von der Spätscholastik dominiert waren, leiteten seit der zweiten Hälfte des 15. Jh. die Wanderhumanisten ein, die von Universität zu Universität zogen, um Vorlesungen über antike Autoren anzubieten.
Um den Zusammenhalt der sozial und räumlich nicht homogenen humanistischen Bildungselite zu stärken und den Austausch zu fördern, wurden im letzten Jahrzehnt des 15. und in den ersten beiden Jahrzehnten des 16. Jh. nach dem Muster der italienischen Akademien humanistische Freundschaftsbünde gebildet, die sogenannten Sodalitäten, die nur locker organisiert waren. Besonders initiativ und aktiv war hierbei Conrad Celtis/Celtes (Konrad Bickel/Pickel, 1459-1508), der mehrere dieser wissenschaftlichen Vereinigungen unter dem Namen Sodalitas litteraria (mit-)begründete, u. a. die Sodalitas litteraria Rhenana (1495 in Heidelberg) und die Sodalitas litteraria Danubiana (1497 in Wien).

II. Humanisten in Linz

Linz fungierte ab dem 15. Jh. immer wieder als habsburgische Kurzzeit- oder Nebenresidenz. Kaiser Friedrich III. (1415-1493) residierte hier 1484/85 sowie von 1489 bis zu seinem Tod am 19. August 1493 und machte den Linzer Hof zu einem Treffpunkt von Gelehrten und Künstlern. Auch sein Sohn Maximilian I. (1459-1519) hielt sich immer wieder in Linz auf und zog ebenfalls humanistische Kreise an. Das derart etablierte höfische Kulturleben, in dessen Rahmen auch Dichterkrönungen stattfanden, beschränkte sich aber auf den Schlossberg und interagierte nicht mit dem städtischen Leben. Auch zur effektiven Bildung einer humanistischen Gruppe kam es nicht.

Ein erstes Beispiel humanistischer Aktivitäten in Linz gibt Paulus Amalt(h)eus (Paul Amalteo, 1470-1517) mit seinem Gedicht De ludo Trojano in 189 Hexametern. Es bietet eine Beschreibung jenes großen Turniers, das Kaiser Friedrich III. und sein Sohn Maximilian von 31. Oktober 1489 bis 17. Jänner 1490 anlässlich des Besuchs des ungarischen Königs Matthias Corvinus (1443-1490) und einer ungarischen Gesandtschaft in Linz abgehalten haben. Amalt(h)eus war mit seinem Lehrer Quintius Aemilianus (auch: Quinzio Emiliano, Cimbriacus Poeta u.a., 1449-ca. 1499) nach Linz gekommen, der von Friedrich III. 1489 aus Pordenone nach Linz berufen wurde und in der Folge Gedichte auf Friedrich III. und Maximilian I. verfasst hat.
Mit Johannes Reuchlin (1455-1522) besuchte einer der bedeutendsten deutschen Humanisten Linz. In seiner Funktion als Rat im Dienst von Graf Eberhard von Württemberg (1445-1496) wurden ihm diplomatische Missionen übertragen, die ihn im Oktober 1492 auch an den Hof Friedrichs III. führten. Während seines Aufenthalts erhob Friedrich III. Reuchlin in den erblichen Adelsstand, von dem dieser allerdings nie Gebrauch machte, und verlieh ihm das kleine Palatinat. Reuchlin nahm bei dem jüdischen Leibarzt des Kaisers, Jakob Ben Jechiel Loans (gest. 1506), Unterricht im Hebräischen und blieb bis Ende Oktober 1492 in Linz. Im März 1493 kehrte er nahezu für ein Jahr zurück und setzte seine Studien gemeinsam mit Franciscus Bonomus (Francesco Bonomo, gest. 1515) fort, der als Sekretär von Kaiser Maximilians I. zweiter Frau Bianca Maria Sforza (1472-1510) am Linzer Hof tätig war.
Konrad Peutinger (1465-1547), der seit 1488 Kontakte zu Maximilian I. hatte und seit 1491 zu seinem engeren Beraterkreis zählte, hielt sich ebenfalls wiederholt in Linz auf, zuerst im November und Dezember 1491 als Gesandter seiner Geburtsstadt Stadt Augsburg, wo er Syndikus war, dann 1493/94 und zu Beginn des 16. Jh.
Auch Conrad Celtis war dem Linzer Hof verbunden und weilte dort einige Male. Den Höhepunkt seiner Aufenthalte bildete die Aufführung seines Festspiels Ludus Dianae auf der Linzer Burg vor Maximilian I., Bianca Maria Sforza und ihren italienischen Verwandten am 1. März 1501. Die 24 Darsteller des panegyrischen Spiels zu Ehren des Kaisers waren Mitglieder der Sodalitas litteraria Danubiana, u. a. Franciscus Bonomus' Bruder Petrus Bonomus (Pietro Bonomo, 1450-1546), Celtis, Joseph Grünpeck (ca. 1473-1532), Vincentius Longinus Eleutherius (Vincenz Lang, gest. 1503) und Theoderich Ulsenius (ca. 1450-ca.1508). Im Rahmen dieser Zusammenkunft wurde auch ein kleiner Band mit lateinischer Lyrik zusammengestellt. Die zu Ehren des kaiserlichen Sekretärs und Rats Blasius Hölz(e)l (1460-1526) verfasste Handschrift enthält Texte u. a. von Franciscus Cardulus, Conrad Celtis, Johannes Stabius (um 1460-1522) und Theoderich Ulsenius (ca. 1450-ca.1508). Das kollektiv verfasste Eingangsepigramm ist mit "Sodalitas litteraria Linciana" übertitelt, zur Gründung eines eigentlichen "Linzer humanistischen Freundschaftsbundes" kam es aber nicht. Der Band erschien dann erst 1518 mit einigen zusätzlichen Gedichten unter dem Titel Complurium eruditorum vatum carmina im Druck.
Im Dienst der Hofkanzlei von Friedrich III. standen außerdem die Führer der Wiener Humanistenbewegung, nämlich der schon genannte kaiserliche Sekretär Petrus Bonomus und sein Bruder Franciscus, der Kanzler und Superintendent der Wiener Universität Bernhard Perger (ca. 1440-ca. 1502) sowie die Regenten der Universität Johann Fuchsmagen (1450-1510) und Johann Krachenberger (Gracchus-Pierius, 1460-1518), die beide in der Verrechnungsliste des Regiments Linz aufscheinen. Joseph Grünpeck, kaiserlicher Präbendor (Pfründner) in Steyr, wurde von Friedrich III. als kaiserlicher Geschichtsschreiber an den Linzer Hof berufen. Ab 1497 trat er in den Dienst von Maximilian I. 1513/14 verfasste Grünpeck im Auftrag und teilweise nach dem Diktat Maximilians die Historia Friderici et Maximiliani.

Im weiteren Verlauf des 16. Jh. haben immer wieder einzelne Humanisten Linz aufgesucht - etwa im Kontext mit den häufigen Linz-Aufenthalten von Maximilians Enkel Ferdinand I. (1503-1564). Auch in diesem Falle konnte sich aber kein fester Kreis konstituieren.

Andreas Brandtner

 

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