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Lisa Spalt

© Lukas Dostal

Geb. 16.10.1970 in Hohenems.
Autorin sprachreflexiver avantgardistischer Prosa.

Die gebürtige Vorarlbergerin Lisa Spalt übersiedelte Ende der 1980er-Jahre nach Wien, wo sie u. a. Deutsche Philologie studierte und 1997 mit einer Diplomarbeit über Konrad Bayers kasperl am elektrischen stuhl abschloss. Bereits zu ihren frühen Arbeiten gehören Texte zu Kompositionen von Clemens Gadenstätter - in der Folge wird das von Offenheit gegenüber verschiedensten Formen von Wissenschaft, Kunst und Populärkultur geprägte, spartenübergreifende Arbeiten zu einem Markenzeichen der überzeugten Prosa-Autorin. 1998-2005 war Lisa Spalt zudem Herausgeberin der edition ch und 2004­-2007 Herausgeberin der von ihr ins Leben gerufenen Edition Kir (Kleine idiomatischeReihe). Mit Florian Neuner begründete sie 2007 die jährlich erscheinende Literaturzeitschrift Idiome. Hefte für neue Prosa.

Ihre sprachkritische, in der Tradition der modernen literarischen Avantgarden wurzelnde und dabei formal und inhaltlich an Themen der Gegenwart orientierte, mit dem ",Material‘ alltäglicher Phrasenhaftigkeit" (Luxbacher 2001) operierende Schreibweise zeichnet sich durch eine am ehesten "philosophisch" zu nennende Dichte und Konzentration aus - wobei sie sich jedem "einfachen", linearen Lesen und Schlussfolgern verweigert. So münden etwa ihrem rhetorischen Gestus nach logische Gedankengänge oft im Paradox oder werden abrupt umgelenkt, verzweigen sich, brechen plötzlich ab, überschneiden einander etc. Spalts Literatur führt im Spiel mit der Erwartungshaltung der LeserInnen Sprache als Teil eines "Systems" vor, das sie zugleich unterläuft und dadurch sichtbar macht. Literatur und Kunst sind "grundlagenforschung", die "im bewusstsein arbeitet, immer ‚nur‘ möglichst vieldimensionale fluchtlinien durch das subjektiv wahrgenommene anlegen zu können" (Spalt 2000, 67). "Vieldimensionalität" scheint für Spalts Sprachkunst, die immer auch eine gesellschaftskritische Lesart zulässt, programmatisch. Neologismen, in den Medien oder alltags "gefundene" Wörter und Sätze, der Gebrauch unterschiedlicher Stile und poetischer Verfahren (Anagramm, Assonanz, Oxymoron, Verballhornung, Zitat etc.), eine schräge "Cross-over"-Metaphorik und ein spezifisch ironischer, oft von bissigem Witz geprägter Tonfall sind ebenso Charakteristika ihrer Texte wie die Musikalität.

Ausgangspunkt der Autorin ist meist ein umfassendes Thema der Lebenswelt, so z. B. das ökonomisierte Verständnis von "Natur" und Kultur" im Turbokapitalismus (in Blüten) oder das Phänomen der kommerziellen Vereinnahmung von Märchenmotiven (in Grimms) bzw. der nutzlosen, am Straßenrand oder auf Gehwegen zu findenden, namenlosen Objekte (in Dings) - ein Problem, das sie als sprachliches darstellt und reflektiert. Das fokussierte Sujet bleibt dabei stets auf die es beschreibende Sprache bezogen. Definiert Spalt ihr Schreiben als "Handeln in Sprache", so ist diese Handlungsträger; die Art, wie die Autorin mit einem Inhalt umgeht, wird wiederum selbst zum Inhalt: "Der Inhalt ist im ‚Wie‘ des Sagens, welches das ‚Was‘ verkörpert." (Spalt 2007).
In Ameisendelirium spiegeln komplexe Schachtelsätze, die um Vorherrschaft zu "rangeln" scheinen, auch grammatisch das Thema der in der Massengesellschaft um einen höheren hierarchischen Rang kämpfenden Individuen wider. Das mit einer Ausstellung der gefundenen Objekte kombinierte Dings hingegen ist wie ein Katalog untergliedert: in 330 nummerierte Miniaturen in eher kurzen, beschreibenden Sentenzen. In Blüten bedient sich Spalt der Lexikonform, mit Kapiteln, Unterkapiteln, Fußnoten und Verweisen, die die LeserInnen noch am Buchende wieder in den Text zurückschicken.

Für ihr Werk erhielt die Autorin, die seit 1999 Mitglied der Linzer Künstler- und Künstlerinnenvereinigung MAERZ ist und seit 2013 in Linz lebt, u. a. den Heimrad-Bäcker-Förderpreis 2008, die Fördergabe für Literatur des Landes Vorarlberg 2010 und das Canetti-Stipendium der Stadt Wien 2014.

Birgit Schwaner

 

partitur zu ballade 1, Wien 1997. - gegndn. Wien 1998. - leichte reisen von einem ende der erde. Linz, Wien 1999. - [gem. mit Clemens Gadenstätter:] tag day. schreibspiel. Graz 2000. - rastern. makros. Wien 2001. - Spitzmötz-Planet. Wien 2002. - [gem. mit Clemens Gadenstätter, Ilse Kilic, Fritz Widhalm:] Stellwerk 1. werkschaft. Wien 2002. - [gem. mit Clemens Gadenstätter, Ilse Kilic, Fritz Widhalm:] daily. werkschaft. Wien 2002. - saschaident. saschaideal. Wien 2003. - de chamäleon. Wien 2005. - Grimms. Klagenfurt, Wien 2007. - Blüten. Ein Gebrauchsgegenstand. Wien 2010. - Dings. Wien 2012. - Ameisendelirium. Wien 2015. - Die zwei Henriettas. Eine Odyssee. Wien 2017.

Arteel, Inge: Verrückte Spiegel, zerlegte Puppen, Literatur als Systemstörung. Zur Poetik Lisa Spalts. In: Hilde Kermayer (Hg.): Schreibweisen. Poetologien 2. Zeitgenössische Literatur von Frauen. Wien 2010. - Luxbacher, Hannes: Lisa Spalt: leichte reisen von einem ende der erde. In: Buchmagazin des Literaturhaus Wien, 22.1.2001. - Milocki, Timon: Anthropomorphismen bei ausgewählten Vertretern der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Dipl.-Arb. Universität Wien 2013. - Polt-Heinzl, Evelyn: Keine Ruhe in der Truhe. Eigenwillige Re-Lektüre der Grimm'schen Märchen von Lisa Spalt. In: Die Furche 2007, Nr. 46. - Dies.: Was ist's und warum hier? In ihrem neuen Buch "Dings" erweist sich Lisa Spalt wieder einmal als poetische Alltagsforscherin. In: Die Furche 2012, Nr. 45. - Schwaner, Birgit: Lisa Spalt: Blüten. Ein Gebrauchsgegenstand. In: Buchmagazin des Literaturhaus Wien, 13.3.2012. - Ward, Simon: ,Connecting‘ Literature and Music: On the Collaborative Work of Clemens Gadenstätter and Lisa Spalt and Its Interpretation. In: Janet Stewart and Simon Ward (Hg.): Blueprints for No Man's Land. Bern 2005. - Thuswaldner, Anton: Verpackungskunst aus Worten. Nicht nur Insekten wuseln und rangeln, sondern auch Sätze: In Lisa Spalts Prosa "Ameisendelirium". In: Die Furche 2015, Nr. 14.

Stand: 28.4.2017