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Künstlervereinigung MAERZ

Jonas Mekas bei einer Lesung in der Galerie MAERZ im Jahr 2013; © Christian Steinbacher

Die seit 1913 bestehende und bis heute einer Programmatik des Aufbruchs verpflichtete Künstlervereinigung nimmt eine auch österreichweite Sonderstellung durch ihre Spartenvielfalt ein.

1913 gründeten in Linz der Grafiker Klemens und sein Bruder Franz Brosch, gemeinsam mit den Malern Franz Sedlacek und Anton Lutz sowie dem Buchgestalter Heinz Bitzan, nach ihrem demonstrativen Auszug aus dem als zu konservativ empfundenen Oberösterreichischen Kunstverein die Künstlergruppe "März". Der programmatisch gewählte Name stand dabei für den "ver sacrum", den "heiligen Frühling" der avantgardistischen Bewegungen jener Zeit. Er signalisierte den Aufbruch einer Jugend, die sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs gegen die spätbürgerlich dominierte Kunstszene wandte.
In der Zwischenkriegszeit leistete der von Anbeginn interdisziplinär orientierte MAERZ ab 1921, geführt von dem Maler Egon Hofmann, Pionierarbeit bei der Etablierung moderner Kunst weit über den oberösterreichischen Raum hinaus, was eine rege Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland dokumentiert. Während dieser Zeit traten so bekannte Künstler wie Alfred Kubin, Herbert Bayer, Margret Bilger, Vilma Eckl oder Franz von Zülow bei. 1939 wurde die Vereinigung so wie alle österreichischen Kunstvereine vom NS-Regime verboten.

Die Neugründung 1952 fiel zusammen mit einer Reihe von Initiativen der damaligen Linzer Kulturpolitik wie etwa dem Ankauf eines Großteils der Sammlung Wolfgang Gurlitt als Basis für ein Museum moderner Kunst. Auch die schon 1945 gegründete Kunstschule der Stadt Linz, deren Lehrkörper von Beginn an MAERZ-Mitglieder angehörten, trug zur Heranbildung einer neuen Künstlergeneration im Lande bei. Den Neubeginn markieren neben VertreterInnen der bildenden Kunst, Musik und Architektur auch SchriftstellerInnen wie Ilse Aichinger, Herbert Eisenreich, Hermann Friedl oder Marlen Haushofer.
Bis 1967 wurden ohne eigenes Lokal Ausstellungen, Konzerte und Lesungen kontinuierlich und über die Grenzen hinweg durchgeführt. 1968 gelang es, geeignete Räumlichkeiten für ein ambitioniertes Veranstaltungsprogramm zu adaptieren: Die Galerie MAERZ am Taubenmarkt sollte bis 2003 die Adresse für ein kontinuierliches Veranstaltungsprogramm bleiben, das auch Musik und Literatur einbezog. Zugleich ergab sich die Chance, die Galerie zu einem Forum für neue Bewegungen in allen Sparten der Kunst zu erweitern.

Die 1980er Jahre brachten gravierende Veränderungen der kulturellen Topografie von Linz. Die mehr oder weniger unangefochtene Rolle der MAERZ als Forum für junge, unangepasste, experimentierfreudige Kunst war zu Ende. Die Szene war offener, vielfältiger geworden. Linz hatte sein Image der "Stahlstadt" gegen das einer "Kulturstadt" getauscht. Als Folge dieses Paradigmenwechsels traten vermehrt, wie andernorts auch, im Eigentum der öffentlichen Hand befindliche, finanziell konkurrenzlos agierende Kultureinrichtungen auf den Plan. Die MAERZ behielt weiterhin ihr Profil. Obzwar das Gros der seit 2003 in der ehemaligen Volksküche der Stadt Linz beheimateten Künstlervereinigung die Bildende Kunst stellt, blieb die MAERZ-Literatur, zu der gegenwärtig AutorInnen wie Friedrich AchleitnerFranzobelAnselm Glück, Florian Huber (geb. 1981), Waltraud Seidlhofer, Lisa Spalt (geb. 1970), Robert Stähr (geb. 1960) oder Andrea Winkler zählen, stets relevant.

Seit den 1970er Jahren ist die Künstlervereinigung ein Ort der Begegnung für unter den Etiketten "visueller" und "konzeptioneller Poesie" firmierende Tendenzen. Eingeleitet durch den damaligen Spartenleiter Heimrad Bäcker trat ein bis heute immer wieder aufflammender überregionaler Dialog in Kraft, der mit Namen wie Josef Bauer (geb. 1934), Valie Export (geb. 1940), Gerhard Knogler (geb. 1943) oder Fritz Lichtenauer (geb. 1946) und Josef Linschinger (geb. 1945) verbunden ist. Auch Christian Steinbacher, der ab den späten 1980er Jahren die Agenden der Literatur betreute, hat in die 1990 ins Leben gerufene Veranstaltungsreihe "linzer notate", die sich als Podium der Begegnung mit aktuellen Tendenzen innerhalb einer heute möglichen avancierten Dichtkunst versteht und 2011 ihre hundertste Ausgabe erreichte, Sonderformen und Randzonen der Literatur (vom Fluxus bis zu phonetischer Literatur) einbezogen.
Begleitausstellungen grundierten auch die Ausgaben des 2005 aus den "linzer notaten" heraus entwickelten spartenübergreifenden Poesie-Festivals "Für die Beweglichkeit". Auch dort ist das Augenmerk auf eine überregionale Impulssetzung gelegt; so fand beispielsweise 2009 die erste umfassende Personale zu Georg Jappe (1936-2007) statt. Steinbacher lenkte die Ausrichtung der Veranstaltungen vom "Experiment" zu allgemein formal-ästhetischen Fragen; jüngere kuratierende Mitglieder wie Florian Neuner (mit der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Idiome) wiederum heben die MAERZ vor allem als notwendiges Korrektiv zur gegenwärtigen Literaturlandschaft hervor.

Christian Steinbacher

 

MAERZ/PARZ. Katalog. Hg. von MAERZ, Vereinigung für Künstler und Kunstfreunde. Linz 1976. - MAERZ in der Secession. Katalog. Linz 1987. - Literarischer Almanach 75 Jahre MAERZ. Hg. von der Galerie MAERZ. Linz 1988. - linzer notate. positionen. Hg. von Christian Steinbacher. Linz 1994. -BINOME. Hg. vom Adalbert-Stifter-Institut des Landes OÖ. Linz 1995. - formuliert. Konvergenzen von Schrift und Bild. Hg. von Lentos Kunstmuseum Linz, Künstlervereinigung MAERZ, StifterHaus. Linz 2009, S. 31-53 - linzer notate zum 100sten. Hg. von der Künstlervereinigung MAERZ. Linz 2011.