Verlagslandschaft Oberösterreich

Nach Wien findet man in Oberösterreich wohl die meisten Verlage innerhalb eines Bundeslands. Rund 30 waren es im Jahr 2000, einige wurden inzwischen wieder eingestellt, neue wurden gegründet.

Das Spektrum ist weit gefasst: Neben großen, kommerziell agierenden Betrieben wie dem Linzer Trauner Verlag mit den Sparten Gastronomie, Bildung, Schule, Universität und "OÖ. Publikationen" oder dem im Besitz der Cornelsen Verlagsholding Berlin befindlichen Veritas Verlag mit den Schwerpunkten Schulbuch und Pädagogik stehen mittelständische Unternehmen wie der auf Esoterik und Naturheilkunde spezialisierte Freya Verlag und der Steyrer Familienbetrieb Ennsthaler mit Lebens- und Gesundheitsratgebern. Auch das Land Oberösterreich betreibt mehrere Publikationsschienen, so die edition grenzgänger, das Oberösterreichische Landesarchiv oder das Stifter Haus als Herausgeber u. a. der Rampe, der Literaturzeitschrift des Landes Oberösterreich.
Die Mehrheit der oberösterreichischen Verlage fällt aber in die Kategorie Klein- und Autorenverlage mit engagierten Einzelpersonen als Betreibern, darunter unter vielen anderen der Arovell Verlag, die Edition Gruppe für angewandte Texte, die Edition Geschichte der Heimat, der Wagner Verlag, der Oerindur Verlag, die edition innsalz, die Edition Thanhäuser, die RegionalEdition, der Resistenz Verlag, der Mitter Verlag, der Kehrwasser und Oberösterreich Verlag (vgl. Tragler 2000, 70f.).
Diese Verlage stehen stellvertretend für die Vielfalt der oberösterreichischen Buchproduktion. Von den überregionalen literarischen Ansätzen eines Arovell, Resistenz oder Mitter Verlags über die Schwerpunkte Essay und Projektdokumentation bei der Edition Gruppe für angewandte Texte, Krimis beim Oerindur und kirchennahe Sachbuchthemen beim Wagner Verlag bis zum Buchkünstler Christian Thanhäuser (geb. 1956) und zu den programmatisch eindeutig regional ausgerichteten Verlagen Edition Geschichte der Heimat, RegionalEdition und dem Kehrwasser und Oberösterreich Verlag ist es ein weiter Weg.

Dennoch gibt es in der oberösterreichischen Verlagsszene ein verbindendes Moment: 1998 wurde nach einigen Jahren bereits lockerer Kooperation der Verein Verlagslandschaft Oberösterreich (VLO) mit dem Ziel gegründet, mittels gebündelter (und damit schlagkräftigerer) Aktivitäten die Bekanntheit der oberösterreichischen Buchproduktion zu erhöhen. Dazu gehören neben der Veranstaltung von Lesungen heute vor allem zwei wichtige Marketinginstrumente: ein gemeinsamer Prospekt über oberösterreichische Neuerscheinungen jeweils in der Herbstsaison des Bücherjahrs (die Herbstlese), medial begleitet von einer Sonderbeilage der Oberösterreichischen Nachrichten, und die gemeinsame Vertretung auf Buchmessen, vor allem in Frankfurt/Main und Leipzig, neuerdings auch Wien (hier in Kooperation mit der IG AutorInnen). In der Realisierung dieser für Klein- und Kleinstverlage (meist zu) kostspieligen Werbeformen spielt die Kulturabteilung des Landes Oberösterreich als Finanzier eine tragende Rolle. Für die Teilnahme an diesen Aktivitäten ist von Seiten des Landes eine VLO-Mitgliedschaft keine Voraussetzung, der Verein fungiert aber als zentraler Ansprechpartner und lädt seinerseits alle (auch nicht-oberösterreichischen) Verlage, die Bücher mit Oberösterreich-Bezug produzieren, zum Mitmachen ein (vgl. Korrespondenz mit Elisabeth Schiffkorn, derzeit Obfrau der VLO). Vor allem das gemeinsame Auftreten auf Messen ist ein oberösterreichisches Spezifikum; kein anderes Bundesland rückt mit einem eigenen Messestand die Existenz einer lebendigen Verlagsszene auf seinem Territorium so in den Vordergrund.
Nicht alle oberösterreichischen Verlage sind Mitglieder der VLO. Bedeutet die Mitgliedschaft für die einen Vernetzung, Bündelung der Interessen, gegenseitige Anerkennung und Solidarität, so begründen andere ihr Fernbleiben oft damit, nicht regional punziert sein zu wollen oder eine ausgeprägte Nischenproduktion zu betreiben, in der gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit keinen Sinn ergibt. Ein Beispiel dafür ist Christian Thanhäuser, der seine mit Holzschnitten versehenen und im Handpressendruck hergestellten Bücher in eigenen Sammlernetzwerken vertreibt (vgl. Fragebögen von Christian Steinbacher, Blattwerk, und Christian Thanhäuser, Edition Thanhäuser). Und auch innerhalb der Mitglieder zeigen sich die Grenzen der Möglichkeiten des Vereins. Seit der Gründung und der anfänglichen Begeisterung haben sich die Vereinstätigkeiten mittlerweile auf ein überschaubares Niveau eingependelt. Zu unterschiedlich seien die Interessen der Mitgliedsverlage, zu viel (unbezahlte) Zeit erfordere das Engagement, als dass die Vereinsarbeit noch wesentlich intensiviert werden könnte, so der ehemalige VLO-Obmann Paul Jaeg (geb. 1949) vom Arovell Verlag (vgl. Gespräch mit Paul Jaeg).

Die hier angesprochene Zeit investieren die VerlegerInnen natürlich vorwiegend in die Verlagsarbeit selbst. Viele Verlage werden von einer einzigen Person betrieben, dementsprechend verflochten sind deren verschiedene Arbeitsbereiche. Lektorat, Herstellung, Werbung, Vertrieb, Presse und Veranstaltungsorganisation - von einem Lizenzgeschäft ganz zu schweigen - leisten viele oberösterreichische Verlegerinnen und Verleger im Alleingang. Dies erfordert einerseits ein breit gefächertes Know-How, meist durch Praxis erworben, andererseits beträchtliche zeitliche und finanzielle Ressourcen. Da nicht alle Verlage gewerblich, sondern z. B. als Verein betrieben werden, gehen viele VerlegerInnen für den Broterwerb einem anderen Beruf nach, oftmals mit Überlappungen zur verlegerischen Tätigkeit.
So veröffentlicht etwa der Lehrer und Publizist Peter Klimitsch (geb. 1967) in seiner Edition Gruppe für angewandte Texte u. a. Essays und Projektdokumentationen als Herausgeber. Der Künstler, Schriftsteller und Betreiber des Arovell Verlags in Gosau, Paul Jaeg, publiziert in seinem (gewerblich betriebenen) Literaturverlag, der Teil seines gesamtkünstlerischen Schaffens ist, auch eigene Werke. Zu den vielen Funktionen als Verleger kommt jene des Autors hinzu. Auch Josef Preyer (geb. 1948) vom Oerindur Verlag in Steyr, ehemals AHS-Lehrer, ist ein Beispiel für die Verschränkung von Autor und Verleger. Für den Bastei Verlag ist er seit 2010 in der Riege der Autoren der Jerry Cotton-Hefte tätig, seinen Verlag mit Schwerpunkt Kriminalliteratur betreibt er gewerblich. Ein gewerblicher Kleinverlag, der von seinem Verleger hauptberuflich betrieben wird, ist die Edition Geschichte der Heimat von Franz Steinmaßl (geb. 1952). Auch bei ihm stand das eigene Schreiben - eine Dokumentation über die NS-Zeit im Mühlviertel, die im Gedenkjahr 1988 veröffentlicht wurde - am Anfang seiner Verlagstätigkeit, in deren Verlauf er bisher an die 150 Titel publiziert hat. Ein Nachfolger, der den Verlag nach der Pensionierung Steinmaßls weiterführen würde, ist allerdings nicht in Sicht. Dietmar Ehrenreich wiederum, Gründer des Literaturverlags Resistenz mit Büros (und Mitarbeitern) in Linz und Wien neben dem Verlagssitz in Kematen/Krems, hat Kapital, das er in der Sportbranche erworben hat, in seinen Verlag investiert und konnte den Buchmarkt damit vergleichsweise offensiv betreten. Auch er ist Verleger im Hauptberuf.

Die strukturelle Überschaubarkeit der meisten oberösterreichischen Verlage findet ihren Niederschlag in den quantitativen Daten ihrer Produktion. Die Auflagenhöhe überschreitet selten 1.000 Exemplare, die Anzahl der jährlich produzierten Bücher liegt oft im unteren einstelligen Bereich. Aber auch ehrgeizige 20 bis 25 verschiedene Titel pro Jahr (in unterschiedlichen Auflagenhöhen) sind, z. B. bei Arovell, möglich. Viele Verlage legen sich zudem nicht auf die branchenübliche Aufteilung auf eine Frühjahrs- und Herbstsaison fest. Zusammen mit den begrenzten Werbe- und Vertriebsmöglichkeiten trägt dies zur mangelnden Anbindung an das traditionelle Buchhandelssystem mit halbjährlichen Verlagsvorschauen, Vertreterbesuchen, gebündelter Bestellung und Belieferung durch eine Buchauslieferungsfirma bei. Dies alles würde eine zeit-, kosten- und personalintensive Professionalisierung bedingen, die den Rahmen vieler oberösterreichischer Verlage sprengt.

Aus der Not eine Tugend machen oder Teil des Verlagskonzepts: Ein kleiner Verlag mit seinen überschaubaren Möglichkeiten auf dem Buchmarkt kann Stärke daraus beziehen, dass alle verlegerischen Tätigkeiten mit einem hohen Maß an persönlichem Engagement, Sorgfalt und persönlicher Betreuung einhergehen. Naturgemäß erfordert dies von Seiten des Verlags besondere Motivation bzw. Idealismus, wenngleich sich viele VerlegerInnen gegen diesen Begriff wehren. Sie sind angetreten, eine Lücke auszufüllen: in ihrem persönlichen Literaturverständnis, in ihrem Bedarf an gesellschaftlichem Diskurs oder an regionalen Themen. Für viele ist es eine simple Notwendigkeit, einen empfundenen Mangel an publizistischen Möglichkeiten durch das Betreiben einer eigenen Publikationsplattform auszugleichen. In oberösterreichischer - also eindeutig regional gefärbter - Hinsicht sind es Verlage wie die Mühlviertler Edition Geschichte der Heimat von Franz Steinmaßl, die Innviertler edition innsalz von Wolfgang Maxlmoser, die RegionalEdition von Elisabeth Schiffkorn oder die (mittlerweile nicht mehr produzierende) Edition Die Donau hinunter von Ruth Aspöck (geb. 1947), die sich schon in ihrem Verlagsnamen als regional verankert deklarieren, ohne damit ausschließlich lokal angesiedelte Inhalte zu verlegen. Aber eine Sozialgeschichte der oberösterreichischen Dörfer wie die Romantetralogie Das Ende der Ewigkeit des Innviertler Autors Friedrich Ch. Zauner findet ihre verlegerische Heimat eher und möglicherweise auch passender in einem Verlag, der sein Programm am Puls der Region erstellt - wobei Region nicht allzu eng aufgefasst werden muss, ist die Innviertler Dorfgeschichte (in den 1990er Jahren) doch in der Mühlviertler Edition Geschichte der Heimat erschienen.
Auch die Bibliothek der Provinz des Oberösterreichers Richard Pils (geb. 1946) führt die Wertschätzung des Regionalen, "Provinziellen" im positiven Sinn, im Namen. Der Verlag hat seinen Hauptsitz im niederösterreichischen Weitra, in der "so genannte[n] Provinz, die gerade durch die Distanz zum reich verknüpften und institutionalisierten Buchbetrieb der Großstädte als Ideengeber und Konzeptentwickler fungiert" (Homepage des Verlags), hat jedoch ein Büro in Linz (u. a. betreut es die Kataloge der OÖ. Landesmuseen) und ist Mitglied der VLO (vgl. Korrespondenz mit Elisabeth Schiffkorn).

Auch nicht regional definierte Verlage sehen sich durch ihre niederschwellige Struktur und lokale Nähe zu AutorInnen wie LeserInnen im Vorteil bei der Entdeckung von Neuem und in der Aufbauarbeit, sei es durch die persönliche Begleitung von neuen Talenten, wie es Arovell-Verleger Paul Jaeg als einen seiner Verlagsgrundsätze beschreibt, oder als Plattform für innovative Literatur, die größeren Verlagen als zu wenig markttauglich erscheint (z.B. heimische Lyrik im 2007 von Hubert Tassatti gegründeten Verlag wortstaemme literaturproduktionen). Oder sie besetzen eine Nische nach ihrem persönlichen Interesse wie der Marchtrenker Federfrei Verlag von Wolfgang Mayr mit dem Schwerpunkt österreichische Regionalkrimis.

Für die Zukunft der oberösterreichischen Verlagslandschaft zeichnet der erfahrene Verleger Paul Jaeg ein differenziertes Bild (vgl. Gespräch mit Paul Jaeg). So z. B. gibt es im gesamten deutschsprachigen Buchmarkt eine verstärkte Tendenz zu Verlagen, die gegen Rechnung jedes gewünschte Buch produzieren. Das ist nicht zuletzt eine Folge der vielen Schreibwerkstätten und Autorenschulen, die viele Menschen zum Schreiben animieren. Diese Tendenz sieht man auch auf dem oberösterreichischen Markt, u. a. als Nebenschiene ansonsten traditioneller Verlage (z. B. bei der Edition Geschichte der Heimat, vgl. Korrespondenz mit Franz Steinmaßl). Andererseits sieht Paul Jaeg für die oberösterreichischen Verlage, die ihre Arbeit mit Sorgfalt und Einsatz betreiben, keinen Grund zum Pessimismus. Das elektronische Buch, seit Jahren als Ablöse des gedruckten Buchs beschworen, spielt beispielsweise derzeit noch so gut wie keine Rolle. Und durch ihre starke regionale Verankerung - diese These sei gewagt - brauchen sich die oberösterreichischen Verlage vielleicht weniger vor den rationalisierenden und konzentrierenden Kräften auf dem Buchmarkt fürchten als Verlage mit weniger klarer Positionierung.

Johanna Tragler

 

Fragebogen von Christian Steinbacher, Blattwerk, Linz 2000. - Fragebogen von Christian Thanhäuser, Edition Thanhäuser, Ottensheim/Donau 2000. - Gespräch mit Paul Jaeg, Arovell Verlag, 18. September 2011. - Korrespondenz mit Elisabeth Schiffkorn, RegionalEdition, 27. Oktober 2011. - Korrespondenz mit Franz Steinmaßl, Edition Geschichte der Heimat, 15. September 2011. - Tragler, Johanna: Literatur- und Kulturverlage in Oberösterreich. Kulturpolitische Voraussetzungen - Marktbedingungen - Situation. Linz 2000.

(Die im Artikel verarbeiteten Informationen entstammen großteils den (2011 aktualisierten) Recherchen für die Diplomarbeit der Autorin im Jahr 2000. Alle Fragebögen, Interviewtranskriptionen und Gesprächsprotokolle bei der Autorin.)