Eugenie Kain

Foto: Claudia Beer; © Hammerweg-Projekt 2009

Geb. 1.4.1960 in Linz, gest. 8.1.2010 ebd.
Die Schriftstellerin und Kulturjournalistin ist Ende der 1990er Jahre mit ihrem ersten Erzählband hervorgetreten. Das seither erschienene erzählerische Werk wird zu Recht als episches Pendant zu den Gedichten Theodor Kramers gesehen.

Zu Kains erstem Erzählband Sehnsucht nach Tamanrasset (1999) schrieb Erich Hackl: "Was für ein kostbares, beinahe exotisches Gefühl, solche Geschichten zu lesen, heutzutage. Geschichten von der unstillbaren Sehnsucht derer, die ‚aus der falschen Ecke der Stadt kommen‘, von dort, wo es nicht allen Österreichern so gut wie nie zuvor geht." Der aufmerksame Blick für die sozial Benachteiligten und das "Kranksein nach anderen Horizonten" (Hackl 1999) sind die Charakteristika der bisher erschienenen fünf Prosabände geworden.

Kain lebte, nach dem frühen Tod ihres Lebensgefährten, des Musikers Gustl Maly, mit ihrer Tochter Katharina (geb. 1991) in Linz. Sie stammte aus einer antifaschistischen oberösterreichischen Familie, Mauthausen ist für sie auch ein Ort des Gedenkens an die dort ermordeten Verwandten. Ihr Vater war der Schriftsteller und Widerstandskämpfer Franz Kain. "Nicht um besser zu schreiben, nicht um anders zu schreiben, sondern um weiterzuschreiben", in diesem Bild epischer Kontinuität beschreibt die Tochter das unangestrengte Verhältnis zu ihrem Schriftsteller-Vater. Nach der Schulzeit in Linz studierte sie zuerst Germanistik und Theaterwissenschaften an der Universität Wien, dann arbeitete sie vor allem als Kulturjournalistin: 1984-90 für die Volksstimme, 1995-98 für das freie Zeitungsprojekt "hillinger"; sie wirkte bei der Konzeption der Linzer Straßenzeitung Kupfermuckn mit und von 1999-2008 gestaltete sie Beiträge für das Radio FRO. Zu dieser engagierten Mitarbeit an einer ‚Kultur von unten‘ gehörten auch die Leitung von Schreibwerkstätten für Bewohner der vom Hochwasser betroffenen Gemeinde Mitterkirchen (2003) und für die Arge für Obdachlose sowie ihre langjährige Beratungstätigkeit im Sozialbereich. Ihre Texte, Essays, Features, Rezensionen sind in Literaturzeitschriften wie Die Rampe, Facetten, Kolik, Literatur und Kritik oder im Rundfunk (ORF Radio Oberösterreich, Ö 1, FRO) erschienen.

In den poetischen Titeln der fünf Erzählbände sind die Grundmotive ihres Schreibens enthalten. Der Name Tamanrasset ist "Traum-Ort und Sehnsuchts-Wort in einem", wie Michaela Schmitz bemerkt hat, und der Schneckenkönig in der Titelerzählung des zuletzt erschienenen Bands steht "für die unstillbare Sehnsucht nach einer anderen, besseren Welt" (Schmitz 2009, 95f.). Die Autorin hat diese beiden exemplarischen Erzählungen aus ihrem ersten, zu wenig bemerkten Buch (1999) noch einmal in den zehn Jahre später erschienenen Erzählband aufgenommen. Der Roman Atemnot (2001) vermittelt auf dem Umweg von Bildern und doppelgängerartigen Figuren die Geschichte eines Kindesmissbrauchs. "Es gibt für bestimmte Situationen nur das Verschweigen oder zumindest das Aussparen", hat Margit Schreiner dazu angemerkt, nur durch "gewissermaßen ‚symbolhafte Details‘" (Schreiner 2002, 91) könne das Unsagbare gesagt werden. Hohe Wasser, der Titel des 2004 erschienenen Erzählbandes, verweist auf das Grundmotiv des Wassers, das in Kains Werk ganz verschiedene Bedeutungsaspekte annimmt. Es kann für die äußere und innere Bedrohung des Ichs stehen, aber das Strömen und Fließen kann andererseits auch auf das Leben verweisen, das weitergehen und nicht aufhören soll, und insofern wird es zum Bild des Erzählens selbst: "Der Donau möchte ich nahe bleiben. Sie gibt mir die Sicherheit, dass es weitergeht." (Kain 2004, 155) Die Erzählung Flüsterlieder, 2006 als selbstständiger Band erschienen, spielt im Titel auf Musik und Gesang an, die nicht nur auf der thematischen Ebene, sondern bis in den Satzrhythmus die Prosasprache Kains bestimmen und sich ebenfalls mit der Idee des Erzählens verschwistern, wenn das Flüsterlied in der Höhle von Postojna in einen großen Gesang übergeht, der die Wände, auch die des Ichs, durchlässig macht, jedem seinen Raum gibt und die Verwandlung ermöglicht.
In Just another city, der letzten Erzählung in dem 2009 erschienenen Band Schneckenkönig, wird aus der Perspektive einer schwerkranken Frau erzählt, die, vorzeitig pensioniert, ums soziale "Überleben" kämpft, "ganz normal, ohne Scheinwerfer und Mikrofon. Es gab keine Nachfrage nach solchen Leben. Das Angebot war zu groß." (Kain 2009, 118) In diesen unspektakulären Sätzen verbindet sich das Erzählen Kains mit der Tradition des Schreibens für "die, die ohne Stimme sind" (Theodor Kramer).

Die Autorin wurde mit mehreren Literaturpreisen und -stipendien ausgezeichnet, u. a. mit dem Max-von-der-Grün-Literaturpreis (1982), dem Förderungspreis für Literatur der Republik Österreich (2006), dem Kulturpreis für Literatur des Landes Oberösterreich (2007) und dem Joseph-Roth-Stipendium (2009).

Hans Höller, Eva Pittertschatscher

 

Sehnsucht nach Tamanrasset. Sechs Erzählungen. Linz, Wien 1999. - Atemnot. Roman. Linz, Wien 2001. - Man müsste sich die Zeit nehmen, genauer hinzuschauen. Franz Kain und der Roman Auf dem Taubenmarkt. Linz 2002. - Nicht nur der Himmel hat geweint. Hochwassergeschichten aus Mitterkirchen. Grünbach 2003 [Herausgeberin]. - Hohe Wasser. Erzählungen. Salzburg 2004. - Flüsterlieder. Erzählung. Salzburg 2006. - Schneckenkönig. Erzählungen. Salzburg 2009. - Sonnenstadt. In: Alfred Pittertschatscher, Erich Hackl (Hg.): Linz, Randgeschichten. Wien 2009, 117-156.

Hackl, Erich: "Kranksein nach anderen Horizonten". Eugenie Kains Erzählungen von Menschen, "die aus der falschen Ecke der Stadt kommen". In: Die Presse (Spectrum), 9./10.10.1999. - Ders.: Nicht mehr. Noch zu früh. Die erste Nacht, die auf den Tod des Lebensgefährten folgt: Eugenie Kains Flüsterlieder - eine innige Erzählung über Trauer und Glück. In: Die Presse (Spectrum), 13.5.2006. - Höller, Hans: Zu Eugenie Kains Erzählkunst. In: Die Rampe 2008, H. 1, 23-26. - Mitgutsch, Anna: Unsentimental, meisterlich. Zu Eugenie Kains Erzählband Hohe Wasser. In: Literatur und Kritik 2004, H. 383/384, 85-86. - Pittertschatscher, Eva: Die Gedanken zu neuen Ufern fliegen lassen. Eugenie Kain. Weitra o. J. [2013]. - Pouget, Judith: Eugenie Kain: Hohe Wasser. In: Deutsche Bücher 3/34 (2004), 199-206. - Schreiner, Margit: Das Mysterium ist unaussprechbar. Zu Eugenie Kains Atemnot. In: Literatur und Kritik 2002, H. 367/368, 90-92. - Schmitz, Michaela: Der Mensch reist immer vor sich her. Eugenie Kains Erzählungen Schneckenkönig. In: Literatur und Kritik 2009, H. 433/434, 95-97.